Sibylle Berg: Nerds retten die Welt © Kiepenheuer & Witsch
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Gespräche - Sibylle Berg: Nerds retten die Welt

Bewertung:

Puh! Ein dicker Band voller Zweitverwertungen, welch ein Graus!... Könnte man denken. Tatsächlich hat Sibylle Berg alles, was man in "Nerds retten die Welt" zu lesen bekommt, bereits in dem Schweizer Online-Magazin "Republik" veröffentlicht. Aber gemach! Keines der Gespräche mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen diverser Disziplinen wirkt ranzig. Nirgends hat die Tagesaktualität den angebotenen Stoff unbotmäßig altern lassen.

Der unsichtbare rote Faden aller Gespräche ist die Frage, wie man die Welt retten oder wenigstens in wichtigen Punkten verbessern und zukunftsfähig machen kann. Das ist ein gigantisches Anliegen, aber Berg bricht es jeweils auf die speziellen Kompetenzen ihrer Gesprächspartner herunter. Sie redet mit der Politologin Valerie Hudson über Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit, mit dem Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, mit dem Astrophysiker Abraham Loeb über das All und das, was vor dem Urknall war oder nicht war, mit dem Neurophysiologen Jens Foell über die evolutionär neue Überforderung unser Gehirne durch digitale Technik.

Männliche Gewalt, die (weibliche) Klitoris, die Verlässlichkeit von Computersimulationen, die Errungenschaften der Pathologie – wer das Buch am Stück lesen will, hat einen wilden Ritt vor sich, der zugleich einen Teil der Attraktion ausmacht. Allgemeines Interesse an Wissenschaft vorausgesetzt, kommt man gut mit, auch wenn gelegentlich Begriffe wie "myxoinflammatorisches fibroblastisches Sarkom" auftauchen, die bei den meisten mindestens kurzes Innehalten erfordern dürften. Aber der Kontext hilft fast immer weiter.

Werthaltige Fundstücke

Um einige werthaltige Fundstücke aus Sicht des Rezensenten zu erwähnen: Die Analyse des besagten Wilhelm Heitmeyer zu Rechts-Nationalismus und -Extremismus ist begrifflich enorm präzise, intellektuell im besten Sinne skrupulös und trotzdem leidenschaftlich; von der Medien-Soziologin Jutta Weber kann man sich prima seine Defizit in Sachen feministischer Technik-Forschung und Science-Fiction-Literatur aufzeigen lassen; von dem Männlichkeitsforscher Rolf Pohl, Autor des Klassikers "Feindbild Frau", erfährt man wiederum Vernünftiges darüber, wie sich destruktive männliche Selbstbilder verändern lassen.

Sehr wichtig in den Augen des Rezensenten: das Interview mit Hedwig Richter. Die Historikerin stellt klar, dass unsere viel geliebte, aber zunehmend prekäre Demokratie von der Einschränkung an den richtigen Stellen lebt; sie beklagt, dass die Linke heute oft nicht aus dem Jammern rauskommt, indem sie die Erfolge von Aufklärung und Marktwirtschaft schlicht leugnet. Weber erwähnt, dass die Stellung der Frauen – bei aller Imperfektion – nie so gut war wie in den liberalen Gesellschaften, zu denen die deutsche zählt. So unterläuft Richter manche fragwürdige linke Selbstverständlichkeit, der nicht zuletzt auch Sibylle Berg anhängt.

Astrophysiker Loeb erwartet Kontakt mit extraterrestrischer Intelligenz

Tendenziöses? Lässt sich finden. Die französische Politologin Emilia Roig meint, in Deutschland sei noch nie öffentlich über Rassismus debattiert wurde – wie bitte? Der Astrophysiker Loeb erwartet noch zu seinen Lebzeiten den Kontakt mit extraterrestrischer Intelligenz, manche seiner Fachkollegen sind da entschieden anderer Meinung. Die geschätzte Hedwig Richter bezeichnet den amerikanischen Bürgerkrieg als bis dahin schrecklichsten Krieg der Weltgeschichte: Angesichts des Krimkriegs kurz vorher, angesichts der napoleonischen Kriege, des 30jährigen Kriegs ... um gar nicht nach Asien und in die frühere Geschichte zu blicken ... eine seltsame Auszeichnung.

Ordentliches Werk zur Vermehrung von Wissen und Erkenntnis

Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck kaum trüben. Jedenfalls sofern man sich mit Sibylle Bergs Einlassungen auf guten Fuß stellt. Berg gibt sich gewohnt ironisch, melancholisch, pessimistisch – "Sorge ist mein zweiter Vorname" – und auch kokett und selbstverliebt. Kann man schätzen oder nicht. Wenn ihre Gesprächspartner missliche Zustände und dunkle Perspektiven aufzeigen, fühlt sich Berg meistens bestätigt, um nicht zu sagen: Dann erst fühlt sie sich richtig wohl.

Und umso wohler, je härter jemand den Neoliberalismus angreift. Äußert sich jemand zuversichtlich zum Gang der Dinge und erfreulichen Entwicklungen, reagiert Berg quasi naturgemäß skeptisch. Ändert aber nichts daran, dass hier ein recht ordentliches Werk zur Vermehrung von Wissen und Erkenntnis beim großen Publikum vorliegt.

Arno Orzessek, rbbKultur

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