Verena Guentner Power © DuMont Verlag
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Roman - Verena Güntner "Power"

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Niemand lasse sich von den niedlichen Rehen am idyllischen Waldrand täuschen, die der Buch-Umschlag ziert. Am wenigsten beschreibt Verena Güntner eine Idylle. Dabei fängt es harmlos an.

Die alte Hitschke hat einen Hund, sein Name: Power, und der ist verschwunden. Die elfjährige Kerze verspricht, Power zu suchen, bis sie ihn findet. Und das wird sie, keine Frage, denn Kerze – so ihre Selbstwahrnehmung – hält jedes Versprechen, das sie gibt. Kerze ist überhaupt ein besonderes Kind. Sie betet zum "Keingott", sieht bisweilen Geister, ist im Laufen die Klassenbeste, liest Bücher, hat unverrückbare Überzeugungen – und vor allem: Kerze ist auf verquere Weise charismatisch. Sie wird zu der strengen und fürsorglichen Anführerin, der sich bald alle Dorfkinder anschließen, um Power zu suchen.

Die Kinder spielen Hunderudel

Irgendwann stellt Kerze das Sprechen ein und beginnt zu bellen; sie stellt den aufrechten Gang ein und beginnt, auf allen Vieren zu laufen. Und wie Kerze, so das restliche Rudel. Die Kinder bellen, sie laufen auf allen Vieren und sie beschnüffeln sich am Hintern. Zunächst ziehen sie täglich in den Wald, dann bleiben sie ganz dort – verdreckt, wund, abgemagert, ein verschworenes Rudel jenseits von Dusche und TV. Achtung, kein Spoiler! Verena Güntner verrät selbst auf der zweiten Seite des ersten Kapitels, wie die Suche ausgeht: Nach sieben Wochen finden die Kinder Power – allein, er ist tot.

Die Dorfbewohner sind üble Gestalten

Als die Verhundung der Kinder beginnt, sehen die Erwachsenen des Dorfes darin eine Art Sommerferien-Spleen. Später wollen sie ihre Autorität durchsetzen, halten Versammlungen ab, planen die Rückholung. Die Kinder indessen schlagen diverse Unterhändler in die Flucht. Und sie nehmen auch keine Erwachsenen bei sich auf, wenn diese, den umlaufenden Gerüchten folgend, aus der Stadt zu ihn stoßen und mitmachen wollen.

Nur die alte Hitschke, die den Kindern abends immer Essen an den Waldrand bringt und im Dorf zunehmend isoliert ist – man gibt ihr die Schuld für die Ereignisse –, darf eine Weile bleiben. Güntners Dorfbewohner sind überwiegend üble Gestalten. Da ist der alte Huber, dem fast alle Felder ringsherum gehören: halb gelähmt, aber ein sozialer Satan.

Der Hubersohn wiederum ist ein saufender Psycho, der die ausländischen Erntehelfer drangsaliert und vor den Kindern mit dem Fendt Vario 1000 angibt, einem (auch in der Realität käuflichen) Trecker mit vielen hundert PS. Hitschkes Mann Karl wiederum hat seine Frau bis zum Abgang wie eine Sklavin erniedrigt. Und auch Hitschke selbst, es kommt zum Schluss heraus, hat ihren Power gar nicht gut behandelt. Die Kinder haben ein Dorf verlassen, aus dessen Poren überall Unheil und Gewalt quillt.

Finstere Dystopie

Eine echt finstere Dystopie: Dass sich Kinder Hunden anzuverwandeln suchen, um der kaputten Erwachsenen-Welt zu entkommen. Man rechnet eine Weile damit, dass Güntner durch Kerzes Rudel eine anziehende Gegenwelt aufscheinen lässt. Aber dem ist nicht so. Kerze entnazifiziert zwar den jungen Nazi Helle, gewöhnt ihm Hitler-Gruß und Heil-Hitler-Rufe ab. Ihr Regime ist jedoch selbst autoritär, körperliche Strafen inklusive. Sie drillt das Rudel im Zweifel erbarmungslos und lässt niemandem Schwächen durchgehen – auch wenn sie ständig betont, dass jeder gern auf der Stelle abhauen kann. Dass die Kinder nachts hauteng beieinander liegen, bietet zwar ein Bild wärmender Gemeinschaft, aber zugleich auch der Verelendung und Ausweglosigkeit.

Literarisches Kunstwerk

Wer der Ansicht ist, dass Romane immer auch irgendeine Botschaft enthalten, sieht sich vor eklatante Herausforderungen gestellt. Ja, Güntner zerstört alle Illusionen vom angeblich so schönen Dorfleben. Aber die Geschichte erschöpft sich gewiss nicht in dieser soziologischen Dimension. So wie umgekehrt jeder stabile Anhaltspunkt dafür fehlt, "Power" als irre Parabel auf das glückende Leben durch Reduktion auf tierisches Verhalten zu deuten.

Die Art und Weise, in der Güntner phantastisch-märchenhafte Züge und Realismus verbindet, ist ungewöhnlich. Je länger desto öfter liegt die Frage nahe: Wie kommt sie jetzt auf diese seltsame Wendung? Woher nimmt sie die verblüffenden Einzelheiten? Warum entgleitet ihr das Ganze nicht und endet als Spinnerei? Einen großen Anteil am Gelingen hat die ruhige, kontrollierte, eindringliche Sprache und die feine Gestaltung der Hauptfiguren ...

Güntner dringt ins Innenleben von Kerze genauso tief ein wie ins Innenleben der alten Hitschke. Sie hat die Souveränität, den Trecker Fendt Vario 1000 bei seinem technischen Namen zu nennen und die Bundesautobahn A71 als ungefähre Ortsangabe zu verwenden, aber schon wenige Zeilen später eine Atmosphäre zu verbreiten, in der alte Sagen spielen könnten. Summa summarum: Die Webart der Geschichte irritiert im besten Sinne, der Inhalt beunruhigt. "Power" ist ein verblüffendes literarisches Kunstwerk.

Arno Orzessek, rbbKultur

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