Frank Witzel: Inniger Schiffbruch; Montage: rbbKultur
Matthes & Seitz
Bild: Matthes & Seitz Download (mp3, 5 MB)

Roman - Frank Witzel: "Inniger Schiffbruch"

Bewertung:

Mit "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" katapultierte sich Frank Witzel auf einen Schlag in die erste Liga der deutschen Gegenwartsliteratur und heimste 2015 den Deutschen Buchpreis ein. Seitdem werden die Bücher des Autors mit Spannung erwartet: Soeben ist sein neues Werk erschienen ...

Frank Witzel berichtet von seinem eigenen Schiffbruch, denn fast alles ist bei ihm autobiografisch grundiert: Er geht vielleicht nicht so schmerzlich ins Detail und gräbt sich nicht so furchtlos ehrlich durch alle erlebten und erinnerten Minuten seines Lebens wie sein norwegischer Kollege Karl Ove Knausgård. Aber auch Witzel schöpft seine Literatur oft aus seinem eigenen Erleben, aus dem Schrecken seiner Kindheit, dem Leiden seiner Jugend, dem nie nachlassenden Gefühl, nur staunender Beobachter seiner ihm fremd bleibenden eigenen Biografie zu sein, durch die er wie ein Zaungast hindurch stolpert ohne je bei sich selbst anzukommen.

Um nicht ganz an der Welt und sich selbst zu verzweifeln, flüchtet sich Witzel – im Gegensatz zum humorlosen Kollegen Knausgård – oft in Ironie, veralbert seine aussichtslosen Versuche, sich mit Hilfe von Pop-Musik die Welt schön zu singen. Der "innige Schiffbruch", den Witzel sich aus einer Zeile von Giacomo Leopardi über das Untergehen im Meer der Zeit ausleiht, findet auf zwei Ebenen statt: Der Autor erleidet nicht nur Schiffbruch beim Versuch, seine Mutter und seinen Vater zu verstehen und sich zu erklären, wie deren Leben auf sein Leben einwirkte. Er erleidet auch Schiffbruch beim Versuch, all die Träume und Erinnerungen, all die von den Eltern hinterlassenen Gegenstände und Geheimnisse zu einer Geschichte und zu einem Roman zu verknüpfen.

Immer wieder notiert Witzel deshalb, dass der Roman – an dem er gerade schreibt und den wir jetzt lesen – ein Dokument des Scheiterns ist, der Vergeblichkeit, des innigen Schiffbruchs. Aber im Meer der Worte unterzugehen hat für Witzel etwas beruhigendes und beglückendes. Denn er kapiert: Wenn man seine Eltern nicht verstehen kann, wie soll man sich dann selbst verstehen? 

Erinnerungen an die Eltern

Nachdem erst seine Mutter und dann sein Vater gestorben ist, fühlt er sich befreit, aber auch leer. Er hat nachts Albträume und tagsüber eine Schreibblockade. Also beginnt er, im Nachlass seiner Eltern zu wühlen, sich das Leben der Eltern in Erinnerung zu rufen: Er denkt an die Mutter, die als junges Mädchen aus Schlesien vor der russischen Armee in den Westen floh, die nie etwas von sich preisgab, keine einzige Notiz und keinen Zettel hinterließ, die immer nur als stumme Hausfrau in Kittelschürze durchs Haus geisterte und es ihrem Gatten überließ, die Kinder zu maßregeln und zu züchtigen.

Er denkt an den Vater, der nach dem Krieg erst eine Kaufmannslehre machte und dann zu einem mittelmäßigen Musik-Lehrer wurde. Der stets akkurat gekleidet war, den Kirchenchor leitetet und ein paar Stücke komponierte, die kaum je aufgeführt wurden. Er schaut sich die alten Fotos an, die ein Familien-Glück vorspielen, das nie existierte. Er besucht noch einmal die Orte seiner Vergangenheit, die Schule, den Bäcker, die Halle, in der Beat-Abende stattfanden, er erinnert sich an Hausarrest, Tonband- und Fernsehverbote, an die Wutausbrüche des Vaters, der manchmal in Franks Zimmer stürmte und drohte, ihn jetzt sofort in ein Heim oder ins Internat abzuschieben.

Auf den Schultern anderer Autoren

Doch je länger er grübelt, desto mehr misstraut er den Erinnerungen. Er versucht, Zweifel auszuloten und den Wahrheitsgehalt abzuwägen, indem er sich – in zweifacher Weise – in die Literatur stürzt. Denn er beschreibt nicht nur seinen eigenen "innigen Schiffbruch", sondern auch, wie er auf die Schultern anderer Autoren steigt und deren Bücher als Folie benutzt, um sich und seine Eltern besser zu verstehen. Er greift ins oberste Regal und zitiert aus Büchern von Theodor Adorno und Walter Benjamin, Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Péter Esterházy. Weil er über die "verlorene Zeit" nachdenkt, darf Marcel Proust natürlich nicht fehlen.

Um seine wirren Albträume zu analysieren und sich von seiner Psychoanalytikerin zu befreien, wühlt er sich durch Freuds "Traumdeutung". Er durchforstet ein Buch über die "Produktion des Mütterlichen in der Architektur" und eines über die "Psychologie des Glaubens und der Mystik". Alles zwar ohne großen intellektuellen Ertrag, trotzdem – geschenkt. Dass er sich aber mehrfach an Imre Kertész vergreift, am "Galeerentagebuch" und am "Roman eines Schicksallosen", dass er diese Romane, die vom Überleben in Zeiten des Krieges und vom Weiterleben nach dem Holocaust erzählen, benutzt, um sich seine eigene psychische Misere und eingebildete Schicksallosigkeit zu erklären, grenzt an intellektuelle Arroganz.

Kaum zu ertragen

In den großen Büchern der Weltliteratur nach Hinweisen zu suchen, um das eigene kleine unbedeutende Leben, das Krieg und Chaos, Verfolgung und Vernichtung gar nicht kennt, besser zu verstehen, ist unverzeihlich. Aber noch unverzeihlicher ist es, wenn er seitenlang aus privaten Notizen zitiert, die vielleicht für Frank Witzel einen Wert haben, den Leser aber peinlich berühren: Das sind vor allem die Tagebücher des Vaters, die Witzel im Nachlass findet.

Über Jahrzehnte hat der Vater akribisch notiert, was er gemacht und gegessen hat, welche Körpertemperatur er hatte, was er demnächst zu tun gedenkt. Manchmal hat er auch ein paar Kalendersprüche über den Sinn des Lebens parat oder ein paar melancholische Nachtgedanken über seine Sehnsucht nach einem Leben als bedeutender Musiker, der sich dann aber doch – um des lieben Friedens willen – ins bürgerliche Einerlei einfügt. Das alles ist so hanebüchen einfältig und klischeehaft, dass man es kaum erträgt. Kaum zu ertragen sind auch die wirren Briefe, aus denen Witzel – wiederum seitenlang – zitiert, die sein Vater von einem Freund bekommen hat, der an Verfolgungs- und Größenwahn litt und irgendwann in der Psychiatrie landete.

Frank Witzel wäre sicherlich besser beraten gewesen, all die Tagebücher, Briefe, Fotos in eine große Kiste zu sperren und – statt am Wahrheitsgehalt von Erinnerungen zu verzweifeln – sich einen Roman über seine Mutter und seinen Vater auszudenken, also Literatur statt Meta-Literatur zu verfassen. Der Roman müsste ja nicht "Abschied von den Eltern" heißen: Das wäre zwar passend, aber doch wieder nur geklaut und ließe Peter Weiss im Grabe rotieren.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Orhan Pamuk, Orange © Steidl Verlag
Steidl Verlag

Fotoband - Orhan Pamuk: "Orange"

Mit Romanen wie "Das stille Haus", "Schnee", "Das Museum der Unschuld" hat sich Orhan Pamuk in die Weltliteratur eingeschrieben. Für sein Werk erhielt er 2006 den Literaturnobelpreis. Weniger bekannt ist, dass Pamuk nicht nur ein streitbarer Schriftsteller, sondern auch ein passionierter Fotograf ist.

Bewertung: