Graham Swift: Da sind wir © dtv
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Belletristik - Graham Swift: "Da sind wir"

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Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro hat über seinem britischen Kollegen Graham Swift gesagt, er "begibt sich in die unspektakulären Niederungen der menschlichen Existenz und findet universelle Erkenntnisse. In ganz gewöhnlichen, banalen, von Niederlagen geprägten Lebensläufen entdeckt er Heldentum und Würde." Vielleicht trifft das ja auch auf den neuen Roman von Graham Swift zu ...

Die rhetorische Floskel "Da sind wir", die auch im Roman variiert wird als "Da wären wir", wird meistens benutzt, um eine irgendwie peinliche Situation zu überspielen, eine kommunikative Leerstelle zu füllen, einen gedanklichen Punkt zu setzen und ein Fazit zu ziehen, wo eigentlich noch alles offen und vieles noch ungesagt geblieben ist. Weil so vieles offen und ungesagt bleibt und niemand sich traut, dem anderen gegenüber schmerzliche Wahrheiten auszusprechen, wird diese Floskel "Da sind wir" und "Da wären wir" im Roman - der im Original "Her We Are" heißt - gleich von mehreren Personen benutzt: oft dann, wenn die Sprache versagt und das Schweigen übermächtig wird und man hofft, der andere wisse schon, was los ist und möge es bitte nicht so genau wissen wollen und nicht offen nach einer Antwort verlangen.

Der Roman ist manches: er erkundet die sozialen und psychologischen Nachwirkungen des 2. Weltkrieges, er ist ein Sittenbild der 1950er Jahre, ein Panorama der langsam absterbenden Unterhaltungs-Revuen in den einst so glamourösen englischen Seebädern, die sich vergeblich gegen den Trend zum Ferntourismus und der Fernsehindustrie stemmen und langsam beginnen zu verkommen und zu verrotten.

Vor allen ist der Roman aber ein Buch über das Versagen der Sprache, über das, was ungesagt bleiben muss und das Leben fortan vergiftet, gerade wenn die drei Hauptpersonen heillos miteinander verstrickt sind, dunkle Geheimnisse mit sich herumtragen und von Beruf Magier und Zauberer, Tänzer und Taschenspieler sind, und davon leben, dass sie dem Publikum etwas Vorspielen, was es nicht gibt, mit Tricks und Illusionen hantieren, die man auf keinen Fall offen darlegen und erklären sollte.

Die Kunst der Magie

Hauptfiguren sind zwei Männer und eine Frau. Jack Robbins und Ronnie Deane lernen sich beim Militär kennen und beschließen, ihre Begabung zum Beruf zu machen: Jack wird Entertainer, tanzt und singt und bezirzt das Publikum mit kleinen Karten-Tricks und neckischen Witzen. Ronnie wird Zauberer, Magier und Illusionist und legt sich - weil er spanisches Blut in sich trägt - einen Künstlernamen zu, der auf seinem zweiten Vornamen basiert: Pablo. Später, wenn er die Zuschauer im Seebad Brighton erobert hat und niemand weiß, wie er es schafft, Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, Tücher in Tauben zu verwandeln und seine in einem Kasten liegenden Assistentin mit Schwertern und Sägen zu traktieren und zu zerlegen, ohne sie wirklich zu verletzen, wird er "Der Große Pablo" werden.

Seine Assistentin heißt Evie White und hat den Künstlernamen "Eve", sie bezaubert das Publikum durch ihre Schönheit und durch ihr Lächeln und sorgt dafür, dass die Zuschauer nicht mitbekommen, welche Geheimfächer in Pablos verzauberten Tischen und magischen Kisten versteckt sind und woher all die Kaninchen, Tauben und Papageien plötzlich kommen, die dann durch den Saal hoppeln und flattern. Ronnie und Evie werden ein Paar und wollen heiraten, doch kurz vor dem Ende der Saison zerplatzt der große gemeinsame Traum: Evie betrügt den melancholischen weltfremden Träumer Ronnie und verliebt sich in den flinken, anpassungsfähigen Jack, der weiß, dass ein neues Unterhaltungs-Zeitalter beginnt, der zum Schauspiel-Star und Entertainer im Fernsehen mutiert. Ronnie braucht Evie nur in die Augen zu schauen und weiß alles, sie reden nicht über die Affäre und das Ende ihrer Liebe und ihrer Karriere: Evie wird 50 Jahre mit Jack verheiratet sein und sich - nach Jacks Tod - ein bisschen wehmütig an das Gestern erinnern, sich fragen, was wohl aus Ronnie geworden ist, der sich in der letzten gemeinsame Vorstellung selbst weg gezaubert hat und allen ein großes Rätsel aufgibt.

Er ist und bleibt verschwunden und hinterlässt bei allen Romanfiguren (und auch beim Leser) die Frage: Konnte Ronnie alias Der Große Pablo vielleicht wirklich zaubern? Sein Schicksal bleibt ein Geheimnis und er langsam aber stetig zur Hauptfigur der Erzählung, die aus vagen Erinnerungen, ungesicherten Andeutungen und vielen Möglichkeiten besteht. Als kleiner Junge wird Ronnie, als Deutschland den Bombenkrieg gegen englische Städte beginnt, seiner allein erziehenden, verbitterten, verarmten Mutter von London aus aufs Land geschickt und landet bei einem kinderlosen, netten alten Ehepaar. Von seinen Pflegeeltern bekommt er erstmals in seinem Leben Liebe und Anerkennung, und von Mr. Lawrence, dem Hausherrn, der früher unter dem Künstlernamen "Lorenzo" als Zauberer auftrat, wird er in die Kunst der Magie eingeführt.

Nach dem Krieg wird es Ronnie nicht gelingen, wieder bei seiner Mutter zu leben, die seine magischen Fähigkeiten als sinnlose Spinnerei abtut. Es bleibt Ronnie nichts anderes übrig als seine Familie und seine Vergangenheit hinter sich lassen, in eine ihm fremde Welt des Entertainments einzutauchen und irgendwann - weil ihm die Liebe des Lebens und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft abhanden kommt - sich selbst weg zu zaubern, in Luft aufzulösen und nichts als eine Illusion zu hinterlassen.

Die Magie des Moments

Es ist ein Roman, kein Handbuch für Zauberlehrlinge! Swift beschreibt mit einem kleinen irdischen Augenzwinkern, was Jack, Ronnie und Evie auf der Bühne treiben, wie sie ihr Publikum um den Finger wickeln, wie sie lächeln und Lieder singen, tänzeln und mit geheimnisvollem Gute einen schönen Schein verbreiten. Swift beschwört die Magie des Moments und zeigt uns, dass das Leben oft eine Illusion ist, dass wir uns gern ablenken und täuschen lassen, aber wie die Zaubertricks im Detail tatsächlich ablaufen und warum wir einfach nicht sehen können, was offen zutage liegt, das verrät er - zum Glück - nicht.  Es ist so wie Kazuo Ishiguro sagte: "Swift begibt sich in die unspektakulären Niederungen der menschlichen Existenz und findet universelle Erkenntnisse." Zum Beispiel, dass das Leben aus kleinen Lügen und großen Illusionen besteht, dass es manchmal besser ist, nicht alles gnadenlos zu zerreden, sondern über manche Dinge großzügig den Mantel des Schweigens zu legen. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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