Kerstin Hensel: Regenbeins Farben; Montage: rbbKultur
Bild: Luchterhand

Novelle - Kerstin Hensel: "Regenbeins Farben"

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Die Geschichte spielt auf dem Friedhof – und von der ersten Seite an macht sie gute Laune.

Karline bepflanzt das Grab ihres verstorbenen Mannes mit Tränenden Herzen. Er hätte das als  grauenhaft kitschig verdammt, aber sie muss sich ja nichts mehr vorschreiben lassen von ihm. Karline ist schon mit 49 Jahren Witwe geworden. Lore, die ihren 70. Geburtstag schon mehrfach verschoben hat, bringt Champagner mit, wenn sie das imposante Grab ihres Industriellen-Gatten besucht. Trauer ist für sie kein Gegensatz zu Genuss, gerne auch in Pulverform. Ziva, 85, die dritte Witwe, steht ketterauchend am Grab ihres Mannes, das sie arbeitsökonomisch mit Efeu bepflanzt hat.

Die drei sind sich schon früher über den Weg gelaufen, die Malerin, die Kunstsammlerin und die emeritierte Kunstprofessorin. Jetzt sehen sie sich regelmäßig und kommentieren, mal hämisch, mal spöttisch, mal zugewandt, die ästhetischen Vorlieben der jeweils anderen.

Die Fantasie treibt Blüten

Keiner von ihnen entgeht, was sich an einer vierten Grabstelle tut. Der Witwer Wettengel pflegt einen Rosenstock – und jede würde sich gerne seiner offenen Hemdbündchen annehmen. Auch mit ihm gab es früher schon Begegnungen in der Kunstszene, aber nie so intensiv, dass sie bemerkt hätten, wie sorgfältig der Galerist seine nachlässig wirkende Kleidung auswählt.

Für Karline, Lore und Ziva entwickeln sich die Friedhofsbesuche zum Farbtupfer in der wolfsgrauen Trauerphase. Jede stellt sich insgeheim vor, was sie mit Wettengel unternehmen würde, und er nährt diese Fantasien, indem er zu jeder von ihnen Kontakt hält.

Nymphen wissen, was sie wollen

Kerstin Hensel mag ihre Figuren. Sie macht die Frauen nicht klein in ihrem aufgeregten Gebaren, sie macht sie lebendig. "Karlines Herz stößt gegen die Zunge." Jede wird in ihrem Eigensinn detailverliebt charakterisiert. Man sieht sie vor sich und könnte die Besetzungsliste für eine Verfilmung aufstellen.

Einige Figuren in dieser Novelle sind in der DDR großgeworden, andere in der BRD. Kerstin Hensel vermeidet dabei Klischees. Wir lernen einen großspurigen Fotografen (West) von verschiedenen Seiten kennen, und auch die Kunstprofessorin (Ost) ist nicht nur linientreu. Manche Wörter aus dem nicht alltäglichen Sprachgebrauch muss man googeln – mit Vergnügen: die zyanösen Lippen oder die Kothurnmode.

Kerstin Hensel trägt sprachlich dick auf und bleibt dabei ganz feinsinnig. So wie die Malerin Karline, die für die Retrospektive ihrer Arbeiten in der Galerie Wettengel großformatig drei Nereiden verewigt, drei sich vergnügende Nymphen – und einen Schiffbrüchigen. 30.000 Euro bringt das Bild, genug für eine Weltreise. Alleine.

Claudia Ingenhoven

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