Esther Kinsky Schiefern © Suhrkamp
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Gedichte - Esther Kinsky: "Schiefern"

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Esther Kinsky hat sich als Literaturübersetzerin und Autorin einen Namen gemacht. Seit sie vor zwei Jahren für ihr Buch "Hain: Geländeroman" den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, ist sie auch einem größeren Publikum bekannt.

 

Wer sich von ihr übersetzen lässt, sollte allerdings auf der Hut sein: Der von ihr übertragenen polnischen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat sie öffentlich bescheinigt, dass ihre Bücher "ein Sammelsurium" ohne Linie und Struktur seien.

Nun ist Esther Kinskys neuer Gedichtband "Schiefern" erschienen, und er enthält kein Sammelsurium von Gelegenheitsgedichten, sondern folgt einem Thema: einer Fahrt an den Rand Europas. Gleich das erste Gedicht weist die Richtung: "Glasgow to Oban".

Von der schottischen Westküste führt die Reise mit der Fähre auf die "Slate Islands", die Schieferinseln, womit wir am Ziel und beim Titel des Buches wären: "Schiefern" macht seinem Namen alle Ehre, denn aus Schiefer ist vieles, was Esther Kinsky auf den hundert Seiten des Bandes erkundet – sofern es nicht aus Granit, Marmor oder Pyrit ist.

"Splendid Isolation" am Rand Europas

Eine menschenleere Welt tut sich da auf, und in der Tat: Wer nach "splendid isolation" sucht, der kann sie auf den Hebriden, zu denen die Schieferinseln gehören, nicht nur finden, er kann ihr kaum entgehen.

Ganz entvölkert ist das Buch dennoch nicht, weil Ester Kinsky zum Glück nicht nur Steine erkundet, sondern auch einen Blick in die jüngere Vergangenheit wirft, als der Schiefer dieser Inseln noch intensiv abgebaut wurde. Diese industrielle Geschichte spiegelt ein Zyklus aus sechsunddreißig kurzen Gedichten, in denen die Autorin den Kindern auf einer alten Schulfotografie eine Stimme verleiht – eine schöne Idee. Eine dieser Miniaturen lautet:

 

"der schieferstein ist unser brot

sagt meine großmutter und hinterm haus

seh ich den fels auch wie schwarzes brot

in scheiben, aber nur von weitem."

 

Ein schmaler, schlanker Vierzeiler, lapidar wie ein Haiku, karg wie die Landschaft, die er beschreibt, aber doch lebensnah.

Das Äderwerk des Metamorphiten

Anders verhält es sich bei den Gedichten, die mit kalter Materie zu tun haben. Ein Beispiel: "Granit tastete sich mit dünnen spreizen in den schiefer vor, fand platz in den kristalligen zwischenräumen zwischen den schichten, magmagestein wurde zum äderwerk des metamorphiten der ausbruch zum zusammenbruch und beiderlei texturen legten sich ineinander, umeinander ..."

Dass etwas "kristallig zwischen Zwischenräumen" liegen soll, gibt sprachlich zu denken. Insgesamt bleiben diese Gedichte sehr abstrakt, wohl zu sehr. Wer schon einmal auf den Hebriden war, weiß zwar, dass das Herz des Hobby-Geologen dort höher schlägt. Insofern mögen Kinskys karstige Exkurse verständlich sein. Aber wie das so ist mit kalten Gedichten – sie lassen einen kalt.

 

Ein Klischee der zeitgenössischen Lyrik

Hinzu kommt, dass der Gebrauch von Fachterminologie in Gedichten fast schon ein Klischee der zeitgenössischen Lyrik ist. Die Sprache der Jagd, die Sprache der Botanik, der Informatik, sie alle wurden lyrifiziert, oft mit auftrumpfender Unterkühltheit. Was sich in Esther Kinskys Gedichten avanciert gibt, ist oft bloß der abgeschriebene Avantgardismus von gestern.

Wer etwas über die Geologie der Hebriden erfahren will, kaufe sich ein schön bebildertes Sachbuch, und ins Reisegepäck stecke er sich einen Gedichtband von Robert Burns, dem großen schottischen Dichter. Die weitgehend ausgenüchterte, emotionslose Lyrik von "Schiefern" hat den Rezensenten leider nicht berührt.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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