Mario Vargas Llosa: Harte Jahre @ Suhrkamp
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Roman - Mario Vargas Llosa: "Harte Jahre"

Guatemala, 1954. Ein Militärputsch. Mit Unterstützung des CIA.  Mario Vargas Llossa. neuer Roman "Harte Jahre" ist ein vielstimmiges Epos über Macht, Verschwörung und Verrat ...

Es gibt Roman, die tragen sich selbst. Man fängt an zu lesen und braucht nichts weiter als die Lust, einen Roman zu lesen, um locker bis ans Ende zu gelangen. Harte Jahre ist kein solcher Roman. Seine Lektüre kann ohne einiges Interesse an der politischen Geschichte Mittelamerikas in der Mitte des 20. Jahrhunderts zäh werden, schon allein, weil Mario Vargas Llosa ein riesiges Arsenal historischer Persönlichkeiten mobilisiert, die den meisten unbekannt sein dürften. Wenn es eine zentrale Figur gibt, ist es Jacobo Árbenz. Der Hauptmann und Politiker war 1944 am Sturz der guatemaltekischen Militär-Junta unter Präsident Federico Ponce beteiligt. Er bildete mit anderen seinerseits ein Junta, die eine liberale Verfassung installierte und demokratische Wahlen ermöglichte. 1951 wurde Árbenz selbst Präsident, aber drei Jahre später unter der Regie der CIA aus dem Amt vertrieben. Auch von seriösen US-Medien wurde kolportiert, Árbenz wolle Guatemala kommunistisch umgestalten, so dass das Land letztlich zu einem Satelliten der Sowjetunion würde – laut Vargas Llosas Darstellung eine reine Propagandalüge. Ihr Urheber: Edward Bernays, das Public Relation-Genie der US-amerikanischen United Fruit Company, heute bekannt als Chiquita. Die Fruit Company sah durch Árbenz' soziale Reformen ihre Pfründe gefährdet: Steuerfreiheit, billiges Land, Arbeiter mit Minimallöhnen, keine Gewerkschaften usw. Auf den geschassten Árbenz folgte der Putschist Carlos Armas, der die sozialen Reformen sofort zurücknahm. United Fruit konnte weiter Milliarden scheffeln.

Staaten zwischen Demokratie und Diktatur

Das alles liegt zeitlich und räumlich in weiter Ferne. Dennoch wirken die – grundsätzlich nicht unbekannten – Vorgänge bis heute ungeheuerlich: Die Lügen-Propaganda eines ausbeuterischen US-Unternehmens hat zur Folge, dass die CIA den Sturz einer demokratische Regierung einleitet, ein Land in eine de facto-Diktatur zurück zwingt und einen Schaden am Gemeinwesen anrichtet, der bis heute nachwirkt. Und Guatemala wurde praktisch zur Blaupause der US-Politik und der CIA-Machenschaften in ganz Mittelamerika. Auch der gescheiterten US-Intervention in der kubanischen Schweinebucht 1961, gerichtet gegen Fidel Castro, lag die nicht zuletzt Vorstellung zugrunde: Das läuft jetzt so erfreulich ab wie in Guatemala. Aber über diese Ungeheuerlichkeiten hinaus ist die politische Geschichte Mittelamerikas natürlich auch um ihrer selbst willen interessant: Staaten, die zwischen Demokratie und Diktatur auf Messer Schneide stehen, Politiker zwischen Rechtschaffenheit und Verbrechen, Menschen, die in diesem undurchsichtigen Räderwerk Ideale verteidigen und Verräter werden, Biografien, die aufglänzen und in Blut ersticken.

Vom Liebesroman zum Thriller

Keine Frage, Harte Jahre hätte grundsätzlich auch ein historisches Sachbuch werden können. Teils schreibt Vargas Llosa seitenlang reinste Zeitgeschichte, extrem dicht, vor Personal berstend, literarisch wenig durchdrungen, mal im Reportage-, mal im Essay-Stil. Aber immer wieder spielt Vargas Llosa auch sein Können als Romancier aus und lässt sich im Rahmen der Faktizität auf fiktionale Szenen ein. Das Buch wird zum Liebesroman, zum Abenteuerroman, zum Spionageroman, zum Thriller, nicht ohne ein gutes Quantum Sex & Crime. Die weibliche Hauptfigur, Martita Borrero Parra, die Geliebte von Árbenz' Nachfolger Carlos Armas, ist schön, kühn, beeindruckend, undurchsichtig, verschlagen – und wahrscheinlich eine CIA-Agentin gewesen. Vargas Llosa hat sie auf ihre alten Tage noch in den USA besucht, in ihrem Haus in der Nähe der CIA-Zentrale in Langley, und berichtet davon im Epilog. Der US-Botschafter in Guatemala, John Emil Peurifoy, war wiederum ein so dreist-arroganter Kotzbrocken, dass Vargas Llosa kaum nachhelfen muss, um ein romanhaftes Riesen-Scheusal dabei zu haben – eines unter vielen.

Ein Vergnügen 

Es ist ein Vergnügen, den Geist des großen alten Liberalen Mario Vargas Llosa zu spüren, seinen politischen Durchblick, seine Lebensklugheit, seinen Sinn für das Schöne, das Tragische und das Absurde. Dieser Gewinn wird viele Leser für manche anstrengenden, ästhetisch unbefriedigenden Passagen entschädigen – aber nicht alle.

Arno Orzessek, rbbKultur

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