Woody Allen: Ganz nebenbei; Montage: rbbKultur
Rowohlt
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Autobiografie - Woody Allen: "Ganz nebenbei"

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Falls Sie das Geprassel von Pointen nicht mögen: Sparen Sie sich die 25 Euro für "Ganz nebenbei"!

Und hier gleich mal eine Probe, damit Sie wissen, was Sie tun. Über die Beziehung seines Vaters und seiner Mutter lästert Woody Allen: "Wie er je mit Nettie zusammenkommen konnte, ist so rätselhaft wie dunkle Materie. Die beiden passten zusammen wie Hannah Arendt und ein Gangsterboss. Sie waren uneins über alles außer Hitler und meine Schulzeugnisse."

Woran man schon erkennt: Woody Allen hält einen Sicherheitsabstand zu drögen Schema-F-Autobiografien, gerade auf den ersten 100-plus-x-Seiten, auf denen er seine Kindheit und Jugend, seinen Aufstieg zum Gag-Schreiber und Stand-up-Comedian im Manhattan-Milieu bewitzelt. Ironie, Selbst-Ironie, Frechheit, auch Albernheit: Alles liegt in einem Übermaß vor, das nicht so weit entfernt von Erwin Blumenfelds "Einbildungsroman" ist – falls jemand dieses grandiose Buch kennt, in dem der jüdisch geprägte Humor eine dezidiert schmutzige Gipfelhöhe erreicht.

Rekordverdächtig auch das Name-Dropping, in dem sich Allan gefällt. Er kannte im Showbiz Gott und die Welt, darunter leider auch Tausende, die dem hiesigen Publikum wenig sagen. Und er hatte so viele Affären, er hat mit so vielen Top-Schauspielerinnen gearbeitet, dass die Attribute "schön", "intelligent", "umwerfend" und "genial" irgendwann inflationär werden.

Ein Quantum Spaß

Mit sich und natürlich mit dem Universum seit dem Urknall geht Allen gewohnt gnadenlos um. Er zeigt sich teils zerknirscht, teils posenhaft als menschlicher Schwächling. Er kritisiert seine Werke ohne falsche Scham und macht sich als Künstler eher klein als groß (inwieweit das eine Masche ist, entscheide jeder selbst). "Ganz nebenbei" ist sprunghaft und unausgewogen, es ähnelt über lange Strecken einem flatterhaften stream of conciousness und ist insofern sehr Allen-like. Wer dergleichen schätzt, den erwartet ein fettes Quantum Spaß. Und auch wenn die Wartezeiten zwischendurch länger werden: Die nächste rotzige Pointe ist unvermeidlich. Auch eine Haltung für einen 84-jährigen!

Allen und die Missbrauchs-Vorwürfe

Viele Leser wird indessen am meisten interessieren, was Allen zu den Missbrauchs-Vorwürfen zu sagen hat, die im Zuge von MeToo neu hochgekocht sind. Der Mia-und-Dylan-Farrow-Komplex ist definitiv nicht der roten Faden des Buches – es hat ja gar keinen –, wohl aber bestimmt er den zweiten Teil. Erwartungsgemäß verheerend ist das Bild, das Woody Allen von Mia Farrow zeichnet. Er schildert ihren Umgang mit ihren eigenen und adoptierten Kindern als gruseliges, manipulatives, krankhaftes Dominanz-Gebaren. Er stellt die Missbrauchs-Vorwürfe als abgefeimten Rachefeldzug Farrows dar, der begann, als sie in seiner Wohnung Nacktfotos von ihrer Adoptiv-Tochter Soon-Yi Previn entdeckte. Soon-Yi war damals über 20 Jahre alt – und ist seit Jahrzehnten Allens Frau.

Zum Missbrauchs-Verdacht selbst. Laut Mia Farrow hat Woody Allen an besagtem Tag auf dem Dachboden ihres Hauses die siebenjährige Dylan Farrow begrapscht und seine Finger in ihre Vagina gesteckt. Mia Farrow war zum Tatzeitpunkt außer Haus. Dylan hat die Vorkommnisse im Erwachsenenalter bestätigt. Woody Allen wiederum erzählt, er habe den Nachmittag mit den Kindern zugebracht, Fernsehen geguckt, herumtelefoniert – und alles unter Aufsicht mehrerer Nannys. Selbige haben später übrigens mehrheitlich gegen die Mia-Farrow-Version ausgesagt. Ein klassischer Fall von Aussage gegen Aussage.

Wenn keine Fakten ans Tageslicht kommen, wird niemand je genau wissen, wer recht hat. Bei den staatlichen Untersuchungen damals wurde kein sexueller Missbrauch festgestellt – wenn auch nicht restlos ausgeschlossen. Zur Anklage kam es nie. (Martin Eimermacher und Adam Soboczynski haben in der ZEIT unter den Titel "Unter Dauerverdacht" eine lesenswerte Abwägung der Argumente veröffentlicht.)

Heiligenschein der Scheinheiligen

Bekanntlich haben Margarete Stockowski, Kathrin Passig, Sascha Lobo und andere den Rowohlt Verlag gedrängt, "Ganz nebenbei" nicht zu veröffentlichen. Sie argumentierten, sie hätten keinen Grund, an den Aussagen von Dylan Farrow zu zweifeln. Mit anderen Worten: Sie halten ihren gefühlsmäßigen Eindruck für objektiv genug, um die damalige Einschätzung der Justiz abzutun, moralisch bewaffnet gegen Woody Allen zu agieren und dem Verlag die Buch-Veröffentlichung möglichst madig zu machen – wenn auch letztlich erfolglos.

Den Rezensenten erstaunt solche Selbstgewissheit, ihn befremdet der Dünkel, ihm graust spätestens nach der Lektüre von "Ganz nebenbei" vor solch kühnem Verdammungs-Regime. Vielleicht passt an dieser Stelle die Qualtinger-Sentenz: "Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen."

Wirklich traurig: Der in den USA von vielen verfemte Woody Allen wird in den Passagen, in denen er die Missbrauchs-Vorwürfe und deren aktuellen Folgen Revue passieren lässt, so bitter, dass ihm die Pointen auf der Zunge zerfallen. Quasi wie die modrigen Pilze im "Chandos-Brief". Sehr schade!

Arno Orzessek, rbbKultur

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