Anne Enright: Die Schauspielerin © Penguin Verlag
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Roman - Anne Enright: "Die Schauspielerin"

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Die irische Autorin Anne Enright begann ihre berufliche Laufbahn als Produzentin und Regisseurin beim Fernsehen, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Heute, sechs Romane und etliche Kurzgeschichten später, gilt sie als eine der profiliertesten Autorinnen Irlands, ihre Arbeit wurde unter anderem mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.

 

 

Mutter-Tochter-Beziehungen spielen in mehreren ihrer Bücher eine wichtige Rolle. So auch in ihrem eben erschienenen Roman "Die Schauspielerin", der fiktiven Autobiografie einer Frau, deren Mutter eine berühmte Filmschauspielerin ist.

Nun gibt es etliche authentische Lebensbeichten, in denen die Töchter von Filmstars über ihre Mütter erzählen, etwa die berühmte Autobiografie von Christina Crawford, der Adoptivtochter von Joan Crawford – eine klassische Hass-Liebes-Geschichte, wie sie das Leben schrieb.

Braucht es da noch erfundene Memoiren? Die Frage stellt sich nicht notwendig, denn so oder so gilt: Das Thema fasziniert. Wie funktioniert eine Diva hinter den Kulissen, und wie überlebt man es, die Tochter eines solchen Kunstgeschöpfes zu sein?

Das Wimmeln der Schwadroneure

Von Anne Enrights fiktiver Erzählung mag man sich erhoffen, dass sie einen kleinen Bonus zu den authentischen Berichten biete – eine tiefere Analyse vielleicht, weniger Anekdoten, nicht so viel Schönfärberei.

Anfangs erfüllt "Die Schauspielerin" diese Erwartungen vollauf. Anne Enright beginnt mit der Feier zum 21. Geburtstag Ihrer Hauptfigur Norah, der Tochter der fiktiven Diva Katherine O’Dell. Natürlich ist es weniger der Geburtstag einer jungen Frau, die volljährig wird, als ein gesellschaftliches Ereignis im Haus der berühmten Mutter.

Ein Klatschreporter ist da, jede Menge Schwadroneure und Selbstdarsteller wimmeln herum, und später steht ein Artikel in der Zeitung. Unter der Schlagzeile: "Ein Hausbesuch bei Katherine O’Dell" wird sogar der Name der Tochter verwechselt.

Fertig mit Fünfundvierzig

Katherine O’Dell ist zu diesem Zeitpunkt, in den Siebzigerjahren, schon kein großer Star mehr. Ihre Hollywood-Erfolge liegen zwanzig Jahre zurück, jetzt lebt sie wieder in ihrer irischen Heimat, steht mal in London auf der Bühne, spielt mal in den USA bei einer drittklassigen Fernsehproduktion mit. Die Tochter schreibt: "Mit fünfundvierzig Jahren (war sie) fertig. Beruflich. Sexuell."

Kein Zweifel, das Mutter-Tochter-Verhältnis das Verhältnis hat definitiv seine Abgründe. Eine Hassliebe à la Christina Crawford ist es nicht. Natürlich müssen die Momente der Intimität zwischen Mutter und Tochter dem öffentlichen Leben mühsam abgetrotzt werden, und natürlich neigt die Mutter zur Selbstinszenierung, wozu auch die Inszenierung der Mutterrolle gehört. Die Tochter beschreibt das sehr schön, wenn sie sagt: "Sie hätte nicht so tun müssen, als wäre sie meine Mutter, denn das war sie schon. Es war wie Doppelrahm."

Schießen Sie auf den Filmproduzenten

Aber die Zuneigung ist da, und sie ist echt. Norah ist auch bodenständig genug, sich an all dem mütterlichen Doppelrahm nicht zu verschlucken. Sie analysiert zum Beispiel die Schauspielkunst der Mutter mit dem klugen Satz "Sie war in der Lage, durch einfaches Stillhalten zu übertreiben".

Der Fortgang der Geschichte ist dann bisweilen eher romanhaft als realistisch. Die Mutter stirbt früh, mit 58 Jahren. Vorher aber gibt es noch eine Wendung: Katherine O’Dell schießt auf einen Fernsehproduzenten und wird in die Psychiatrie eingewiesen.

Wie es dazu kommen konnte, das will Norah erzählen, und das ist der Köder, den Anne Enright anfangs nach uns Lesern auswirft. Norah ist inzwischen selbst so alt wie die Mutter bei ihrem Tod, obendrein eine erfolgreiche Autorin. Jetzt beginnt sie die Geschichte der Mutter aufzuschreiben, um sie – wie sie es ausdrückt – "aus der Kälte hereinzuholen".

Wenn die Fiktion zu authentisch wirkt

Der Roman blendet grandios auf, doch leider wabert die Erzählstruktur danach ein bisschen zu sehr, als dass Anne Enright die Spannung halten könnte. Es wird viel hin und her gesprungen zwischen brav chronologisch erzählter Mutterbiografie und Gegenwartshandlung, und die eigentlich kluge und bodenständige Norah kommt zwischendurch ein wenig zu sehr ins Plaudern. In dieser Hinsicht wirkt die Fiktion fast zu authentisch.

Trotz einiger Längen ist "Die Schauspielerin" jedoch eine interessante, streckenweise fesselnde Lektüre. Man kann das Buch jedem, der sich für dieses Thema interessiert, guten Gewissens empfehlen.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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