Buchcover: Christian Baron "Ein Mann seiner Klasse" (Bild: Ullstein Buchverlage)
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Roman - Christian Baron: "Ein Mann seiner Klasse"

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Kaiserslautern – das war in den 90er Jahren vor allem der 1.FC, der sensationell Deutscher Meister wurde. Doch seither ging es nicht nur mit dem Fußball bergab. In dieser Stadt, in der Niedergang und Armut weit verbreitet sind, war die Familie Baron eine der ärmsten.

Christian Baron, Journalist und Redakteur der Wochenzeitung "Freitag", ist 1985 dort geboren, mit einem alkoholabhängigen, gewalttätigen Vater und einer depressiven Mutter aufgewachsen und hat über seine Herkunft nun ein autobiographisches Buch geschrieben. Seine Kindheitsgeschichte ist eher Sozialreport als Roman, und weil er selbst als Ich-Erzähler es geschafft hat, den fürchterlichen Verhältnissen zu entkommen, handelt es sich nolens volens um eine Heldengeschichte in eigener Sache. Im Unterscheid zu anderen Kindheitsrecherchen wie Florian Illies‘ "Generation Golf" oder der literarischen Großuntersuchung von Andreas Maier geht es bei Baron nicht um bürgerliche, sondern um bildungsferne, subproletarische Verhältnisse, wie sie eben auch Teil der bundesdeutschen Wirklichkeit sind.

Prekäre Verhältnisse

Der Vater als der titelgebende "Mann seiner Klasse" verdient das Geld, das er dann am liebsten versäuft, als Möbelpacker. Fürs Essen und für die Familie bleibt dann oft nichts mehr übrig. Als Arbeiter hat er jedoch seinen Stolz und verachtet alle, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Er ist ein Einzelkämpfer, also sicher kein Repräsentant einer "Klasse" im marxistischen Sinn, weil er die Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb des Kapitalismus und die eigene prekäre Rolle nicht durchschaut. Dazu kommt ein Hass auf Fremde und Ausländer, der Positionen der damals noch nicht existierenden AfD vorausahnen lässt.

Eine persönliche Annäherung

Baron beginnt seinen Report mit dem Tod des Vaters, der sich mit Anfang Vierzig totgesoffen hatte. Die Mutter starb schon zehn Jahre zuvor an Krebs. Der Sohn, der ans Sterbebett des Vaters tritt und ihm verzeiht, ist aber nicht der Autor, sondern der ein Jahr ältere Bruder. Christian Baron war zu diesem Zeitpunkt eher unversöhnlich und wollte mit diesem Kerl nichts mehr zu tun haben. Das Buch aber ist – trotz all der geschilderten Schrecknisse – eine persönliche Annäherung und endet mit dem Wort, das er seinem Vater zu Lebzeiten nie gesagt hat: "Papa".

Aus der sozialen Herkunft entkommen

Soziologisch und psychologisch kommt er dem Phänomen dieses Lebens jedoch nicht näher. Er schildert die Ereignisse, doch über die Herkunft und Prägungen des Vaters erfährt man nur so viel, dass dessen Vater fast noch grauenhafter gewesen ist. Die männliche Deformation scheint also von Generation zu Generation vererbt zu werden. Umso wundersamer, dass der Autor dieser Herkunft entkommen konnte. Warum ihm das gelang, bleibt aber genauso unbegriffen wie das Elend der Väter. Es sind lediglich ein paar biographische Zufälligkeiten, die das Wunder des Ausstiegs ermöglichen.

Vor allem ist das der Tante zu verdanken, die die Kinder nach dem Tod der Mutter zu sich nimmt, sie damit dem Vater entzieht und dem Ich-Erzähler ein Praktikum im Sportteil der Lokalzeitung verschafft. So kann er sich Jahre später aus der sicheren Position des Autors den einstigen Schrecknissen nähern, ohne sich dabei selbst zu gefährden. Weil er aber nicht reflektiert, wie ihn diese Herkunft geprägt hat, was davon auch in einer anderen Lebenswirklichkeit geblieben sein könnte, geht das alles ein bisschen zu glatt, zu heldenhaft ab. Die Sicherheit, aus der der Erzähler spricht, ermöglicht diesen Bericht, begrenzt ihn aber auch.

Jörg Magenau, rbbKultur

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