Buchcover: Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge "Trotzdem" (Bild: Luchterhand Verlag)
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Geprächsband - Ferdinand von Schirach | Alexander Kluge: "Trotzdem"

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Zwei Männer treffen sich im Internet, erzählen sich was über Grundrechte und machen ein Buch daraus. Der Filmemacher, Jurist und Autor Alexander Kluge und der Schriftsteller, Strafverteidiger und Dramatiker Ferdinand von Schirach haben sich schon vor drei Jahren unterhalten - damals erschien der Gesprächsband "Die Herzlichkeit der Vernunft".

Jetzt sind die beiden wieder in einen Dialog getreten, ganz aktuell, natürlich zur Coronakrise. "Trotzdem" ist der Titel des aktuellen Gesprächsbandes, der soeben als eBook erschienen ist, und in dem Schirach und Kluge über die Corona-Pandemie und ihre gesellschaftlichen Folgen sprechen.

Alexander Kluge lebt in München, Ferdinand von Schirach in Berlin. Am 30. März, also eine Woche nachdem die Ausgangsregelungen in Kraft traten und 19 Tage, nachdem das Coronavirus zur Pandemie erklärt worden ist, trafen sie sich, wie es in diesen Zeiten viele tun, per "instant messaging Dienst", wie es in der Vorbemerkung heißt. Sie führten zwei Gespräche, die zusammen 80 Seiten ergeben.

Männer, die ihr Wissen ausbreiten

Am Anfang erstellen sie – wie zum Warmwerden – zunächst einmal eine kleine Phänomenologie des Coronavirus. Da geht es um den Mann in Wuhan in China, der ein Schuppentier oder eine Fledermaus aß, es geht weiter mit der Gestalt des Virus, dass der Tennisball mit Tulpen, wie das Virus überall dargestellt wird, ein Funktionsbild sei. Und: dass das Virus klassenlos ist, nicht zwischen Hautfarben, Nationen und Wohlstand unterscheide. Und dann? In der Ankündigung des Verlages soll es in diesen Gesprächen immerhin um die Frage gehen, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet.

Natürlich, Kluge und Schirach sind Juristen, die mit einem profunderen Hintergrundwissen als die meisten über eingeschränkte Grundrechte und über das Dilemma moralischer Entscheidungen sprechen. Dennoch: Über eine Art Klassenprimus-Austausch gehen die Gespräche kaum hinaus. Kluge und Schirach tragen die Geschichte der Grundrechte zusammen, die Ursprünge der Demokratie und Freiheit. Ob es um den Gang nach Canossa geht, um John Locke, den Röhm Putsch oder das Erdbeben von Lissabon - das ist interessant, wirkt aber nicht wie ein Gespräch, sondern eher wie aus dem Geschichtsbuch. Zugespitzt gesagt: Zwei Männer erzählen sich gegenseitig ihr immenses Wissen, schütteln Kenntnisse über Montesquieu und George Washington aus dem Ärmel, bleiben aber zu sehr in der Aufzählung stecken.

Männer, die den Herd entdecken

Persönlich wird es kaum. Es soll ja nicht zum Kaffeeklatsch werden, keine Homestory von Kluge und Schirach, aber Persönliches hätte die Thematik intensiviert, weil Kluge und Schirach Persönlichkeiten sind. "Was tun Sie in diesen Zeiten?", fragt Alexander Kluge Ferdinand von Schirach an einer Stelle immerhin, und Schirach erzählt, dass er nachts oft durch das unfassbar leere Berlin fahre, und dass er das erste Mal überhaupt die Herdplatte angeschaltet habe, weil er sonst immer aushäusig esse. Aber das war es dann auch schon mit dem persönlichen Zugang.

Die Problematik dieses Gesprächsbandes liegt vielleicht auch in seiner Entstehungsgeschichte: Die Gespräche von Kluge und Schirach sind mittlerweile einen Monat alt, seither sind so viele Analysen und Einschätzungen zu Corona durch die Medien gerauscht, dass die Ausblicke von Kluge und Schirach angestaubt wirken: dass das Virus uns an eine Zeitenwende gebracht habe, dass unsere Demokratie noch nicht gefährdet sei, dass sich autoritäre Strukturen verfestigen könnten, dass systemrelevante Berufe dringend permanent mehr Achtung verdienen.

Trotzdem - und insofern ist der Titel des Büchleins, der sich auf eine Passage in Thomas Manns "Tod in Venedig" bezieht, klug gewählt – trotzdem macht die Lektüre des Bandes natürlich nicht blöder und kann wie ein Schnellkurs in der Geschichte der Grundrechte zur Hand genommen werden. Der schönste Moment ist, als Kluge und Schirach darüber philosophieren, ob Geistesverwandtschaft auch als gemeinsamer Hausstand durchgehen würde - von solchen Momenten hätten es gerne noch ein paar mehr sein dürfen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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