Kazimieras Mizgiris: Wind + Sand @ Kehrer Verlag
Bild: Kehrer Verlag

Fotoband - Kazimieras Mizgiris: "Wind + Sand. Kurische Nehrung"

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Auf den Oster-Ausflug ins Umland und vielleicht auch noch auf den Sommerurlaub zu verzichten, ist für viele eine verwirrende Erfahrung. Falls Sie jetzt darüber nachdenken, wohin sie reisen könnten, wenn die Corona-Krise vorbei ist und die Grenzen sich wieder öffnen: wir hätten da einen Vorschlag.

Wie wäre es mit der Kurischen Nehrung, über die Wilhelm von Humboldt einst schrieb, sie sei ein "schmaler Strich toten Sandes, an dem das Meer unaufhörlich an einer Seite an wütet, und den an der anderen eine ruhige große Wasserfläche, das Haff, bespült." Der litauische Fotograf und Bernsteinsammler Kazimieras Mizgiris lebt seit vielen Jahren auf der Kurischen Nehrung und ist fasziniert von dieser einzigartigen Landschaft: "Wind + Sand" heißt sein Fotoband.

Die Kurische Nehrung ist ein knapp 100 Kilometer langer Dünenstreifen, schmal wie ein Handtuch, an seiner engsten Stelle nur 380 Meter breit. Es war früher der Verbindungsweg vom Königsberg (heute: Kaliningrad) nach Memel (heute: Klaipeda). Die Nehrung ist UNESCO-Weltkulturerbe, der nördliche Teil gehört zu Litauen, der südliche Teil zur russischen Enklave um Kaliningrad.

Ungefähr in der Mitte liegt das kleine litauische Örtchen Nida, das früher Nidden hieß und so manchen deutschen Künstler in den Bann zog: Thomas Mann hat sich hier ein Sommerhaus gehabt und genoss Wind und Wellen, und die Maler der Brücke (Max Pechsein, Lovis Corinth, Karl Schmidt-Rottluff) liebten das besondere Licht und die Möglichkeit, sich ungezwungen, nackt und frei in den Dünen zu vergnügen.

Die Nehrung ist übrigens ein trauriges Beispiel dafür, wie der Mensch die Umwelt verändert: denn sie war ursprünglich von Bäumen und Gras überzogen, erst die Rodungen durch den Deutschen Orden (im 14. Jahrhundert) und der Kahlschlag im Siebenjährigen Krieg (im 18. Jahrhundert) verwandelten die dicht bewaldete Nehrung in eine wüstenähnliche Brach-Landschaft, in der der Wind leichtes Spiel hat, den Sand zu Wanderdünen auftürmt und ganze Dörfer unter sich begräbt.

Das Memelland gehörte einst zu Preußen, dann zu Litauen, später kamen die Nazis,  schließlich die Sowjetischen Truppen, und viele Jahre war die Nehrung militärisches Sperrgebiet und unerreichbar für jeden Reisenden: Das ist zum Glück heute wieder anders, zumindest im nördlichen litauischen Teil kann sich der jeder sein eigenes Bild dieser "Baltischen Sahara" aus "Wind + Sand" machen.  

Magischer Ort

Kazimieras Mizgiris kam 1974 in diese "Baltische Sahara". Geboren 1950 im litauischen Silute (dem früheren Heydekrug), hatte er in Vilnius Fotografie studiert, doch in einem Brief an seine Tante in Amerika hatte er geschrieben, er würde auch gern einmal in die USA reisen: Grund genug für den Geheimdienst KGB ihn aus dem Verkehr zu ziehen und auf die Nehrung nach Nida zu verbannen, damals ein ziemlich runtergekommener, verwahrloster Ort.

Das "Exil" erwies sich für Mizgiris als absoluter Glücksfall: er war sofort - und ist bis heute - fasziniert von diesem magischen Ort, an dem der Wind unaufhörlich wütet und die Landschaft in jedem Moment neu formt, und in dem das Licht ständig den Sand und die Dünen anders erscheinen lässt.

Er hat angefangen Bernsteine zu sammeln (er hat sogar ein Bernstein-Museum gegründet) und auf fotografische Pirsch zu gehen, die Vergänglichkeit der Natur einzufangen, die sich sekündlich verändernden Dünen zu fotografieren: vor allem frühmorgens und spätabends, wenn das Licht lange Schatten wirft, und vor allem im Frühjahr und im Herbst, wenn der Wind stark bläst und unaufhörlich neue Strukturen und Formen im Sand erschafft.

Im Winter liegt meistens eine Schneedecke über der Nehrung, und im Sommer ist der Wind zu schwach und die Touristen, die jetzt wieder häufiger kommen, hinterlassen zu viele störende Fußspuren: für Mizgiris keine gute Zeit zum Fotografieren.

Bilder, die die Fantasie anregen

Auf den Fotos sieht man keinen einzigen Menschen, es gibt kein Meer und kein Haff, sondern nur den Sand und den Wind und die Dünen, man spürt förmlich, wie der Wind den Sand bewegt und auftürmt und immer wieder neue Strukturen und Formen erschafft, die mal aussehen wie schlafende Dinosaurier, oder wie Fossilien uralter Lebewesen, oder wie Vögel, die gerade zum Wegfliegen ansetzen.

Es sind Bilder, die die Fantasie anregen und Assoziationen freisetzen, mal gleicht die Düne einem weiblichen Körper, mal einem abstrakten Bild, mal einer bizarren urzeitlichen Formation, man spürt, wie kurzlebig das alles ist, gerade die Gebilde, die entstehen, wenn das im Sand gefrorene Wasser im Frühjahr auftaut und Eisstelen zurückbleiben, die im Laufe des Tages durch die Sonneneinstrahlung schmelzen, durch den Wind abbröckeln und schließlich in sich zusammenfallen.

Analoge Fotografie

Natürlich spielt der Zufall eine große Rolle, nie weiß Mizgiris, welche Sand-Formationen ihm der Wind heute vor die Linse weht, wenn er zu seinen fast täglichen Exkursionen aufbricht. Aber die Fotos basieren auch auf genauen Überlegungen darüber, wie das Licht beschaffen sein sollte und die Wolken ziehen müssen, damit der Sand besonders körnig wirkt und die Wellenformationen im Sand besonders sichtbar werden und die Fantasie anregen können.

Alle Fotos des Buches sind mit einer analogen Kamera gemacht und in schwarz-weiß abgezogen, aber sie zitieren trotzdem die Farbe des Sandes herbei: das geschieht, weil Mizgiris die Abzüge mit Natriumsulfid tönt und beim Entwickeln in der Dunkelkammer manchmal auf dem Bild noch mehr erkennt und herausarbeitet als beim Fotografieren selbst.

Die Fotos des Buches sind im Übrigen alles reine Unikate: Denn seine Negative in seinem Archiv sind einem Wassereinbruch zum Opfer gefallen und unbrauchbar geworden. Ich habe gelesen, dass Mizgiris seit einiger Zeit deshalb nur noch digital und in Farbe fotografiert: ob die Kurische Nehrung dann in einem völlig neuen Licht erscheint und plötzlich ganz anders aussieht, darauf darf man sehr gespannt sein.  

Frank Dietschreit, rbbKultur

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