Kolja Moeller Volksaufstand © Klaus Wagenbach Verlag
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Politik - Kolja Möller: "Volksaufstand und Katzenjammer"

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Seit einigen Jahren wird die Welt von einer Welle des Populismus ergriffen. Ob in den USA oder Großbritannien, in Ungarn oder Polen: Überall beanspruchen soziale Bewegungen, Parteien oder Politiker für sich, im Namen des "Volkes" zu agieren, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, das Land vor inneren und äußeren Feinde zu schützen und zu alter Größe zu führen.

Doch ist der gegenwärtige Populismus wirklich neu oder füllt er nur alten Wein in neue Schläuche? Funktioniert er immer nach dem gleichen Muster? Gibt es vielleicht sogar einen schlechten und einen guten Populismus? Das hat sich auch der Soziologe Kolja Möller gefragt: "Volksaufstand und Katzenjammer. Zur Geschichte des Populismus".

Ein Aufstand "von unten" gegen die "da oben"

Volksaufstände enden immer - mal früher, mal später - in politischem Katzenjammer. Selbst wenn das Volk, angeführt - oder auch: verführt - von charismatischen Populisten den Umsturz schafft, die alte Ordnung hinweg fegt und die alten Eliten verjagt, scheitert der Volksaufstand immer an seinen zu hohen Hoffnungen, die sich in der realen politischen Praxis nicht verwirklichen lassen; er scheitert an den inneren Widersprüchen und politischen Schwärmereien.

Er scheitert, wenn Anführer sich zu Alleinherrscherin aufspielen, den Volksaufstand für eigene Machtinteressen missbrauchen, sich zu Diktatoren aufschwingen und entweder die verjagten alten Eliten wieder ins Boot holen oder durch neue Eliten ersetzen: Denn der Volksaufstand ist immer ein Aufstand gegen die Eliten, immer ein Aufstand "von unten" gegen die "da oben", von verarmten, gedemütigten sozialen Schichten gegen die Mächtigen, die sich die Pfründe zuschanzen, sich das Volksvermögen, das doch eigentlich das Volk durch harte Arbeit erwirtschaftet hat, in die eigene Tasche stecken und den Willen und das Wohl des Volkes aus den Augen verloren haben.

Doch auf die Euphorie des ersten Erfolges folgt immer der große Kater, die Aufstände werden niedergeschlagen, scheitern an sich selbst, werden vereinnahmt und in ihr Gegenteil verkehrt: Karl Marx hat das am Beispiel des gescheiteren Aufstands 1848 in Frankreich analysiert und den Begriff vom großen "Katzenjammer" in die politisch-historische Diskussion eingeführt. Kolja Möller zeigt, wann die Geschichte des Populismus begann und warum auf das große Fest immer das große Heulen des betrogenen und verratenen Volkes folgt.

Volksaufstand in Rom

Als historischer Referenzpunkt gilt ein Volksaufstand in Rom, er findet statt im Jahre 1347, der Anführer ist Cola di Rienzo, er kommt aus einfachen Verhältnissen und stellt sich an die Spitze des Aufstandes, der die Tyrannei der Adelsfamilien in Rom beenden und das Volk, das "popolo", von Unterdrückung, Ausbeutung, Armut befreien soll. Der Aufstand ist zunächst erfolgreich, Cola di Rienzo wird zum Volkstribun ernannt, das Gemeinwesen soll reformiert, die Justiz gegen die Willkür es Adels gestärkt, der alte Glanz der Stadt wiederhergestellt werden.

Überall werden Freudenfeste gefeuert, Prozessionen veranstaltet, doch dann verfliegt die Euphorie, der Adel zettelt einen Bürgerkrieg an, das eben noch geeinte Volk zerfällt in Einzel-Interessen, hier die Händler und Bürger, dort die Handwerker und Arbeiter. Cola wir zunehmend unberechenbarer und übermütiger, lässt sich zum Feldherren und - unter Berufung auf historische Quellen - zum Kaiser ausrufen, lässt eigene Münzen prägen, legt sich mit der Kirche und dem Papst an.

Der Anfang vom Ende, denn der Papst exkommuniziert Cola und droht allen Römern, die dem Aufrührer folgen, ebenfalls mit kirchlichem Bann und göttlichem Zorn. Der Volksaufstand bricht zusammen, Cola verlässt schluchzend das Kapitol, der Adel übernimmt wieder die Macht - und Colas populistischer Aufstand bietet bis heute Stoff für unzählige künstlerische Bearbeitungen, u.a. von Friedrich Engels, der in seinem dramatischen Entwurf "Cola di Rienzi" aufzeigt, wie die Revolution ihre Kinder frisst; oder Richard Wagner, der in seiner Oper "Rienzi, der letzte der Tribunen" in Töne fasst, wie Übermut und Unberechenbarkeit eines Populisten das Volk verraten.

Volksaufstände scheitern aufgrund von drei Fehlern

Volksaufstände scheitern, weil sie von mindestens drei Fehlern heimgesucht werden, die in ihrem populistischen Denken angelegt sind. Als erstes: der "voluntaristische Fehler", der Irrglaube, dass Veränderung mit unmittelbarer Willensstarke des Volkes zu erreichen sei, doch wer auf die Allmacht des Willens setzt und mit dem Kopf durch Wand will, wird lernunfähig, kann Widersprüche nicht aushalten, hat keinen Sinn für die soziale Evolution, die Rolle des Zufalls bei jeder Revolte. Zweitens: der "identitäre Fehler", der von einer meist nur eingebildeten "Volksidentität" ausgeht, die angeblich von Feinden bedroht wird.

Das Volk aber ist vielfältig und heterogen, von alten Klassenkämpfen und neuen Globalisierungsängsten zerrissen: dem Volk einzureden, es sei ein von Natur aus gleiches, einheitliches, identitäres Ding, muss sich auf Dauer als Lüge erweisen. Drittens: der "autoritäre Fehler", fast immer bringt der Volksaufstand einen "Volksverführer" hervor, der den Aufstand vereinnahmt, zu einer Farce macht und in autoritäre Herrschaftsformen überführt.

Der Populismus - egal ob er von linken oder rechten Politikern angeführt wird - endet damit, dass die Lüge zur Wahrheit erklärt und die Widersprüche der Wirklichkeit ignoriert werden. Auch wenn in digitalem Zeitalter jeder, der der populistischen Rhetorik widerspricht, im Netz sofort aufs übelste geklatscht, gehatet und gedisst wird: solange der populistische Aufstand von Volksidentität und Volkswille schwafelt und ins Autoritäre umschlägt, ist er auf lange Sicht zum Scheitern verdammt.

Das Volk des guten Aufstands

Einen Volksaufstand ohne Katzenjammer nennt für Kolja Möller einen "guten Aufstand": er beruft sich dabei nicht nur auf Karl Marx und den neuen Vordenker der Linken, den Briten Paul Mason, sondern auch auf Peter Weiss ("Ästhetik des Widerstands") und auf Bert Brecht ("Lehrstücke").

Im Kern geht es darum, die Unterscheidung zwischen "oben und unten" wirklich ernst zu nehmen, die Machtkonzentration in den Händen Weniger zu brechen und die sozialen Interessen des "normalen" Bürgers intelligent und beharrlich zu vertreten, einen "sozial vernetzten Aktivismus" zu organisieren und einen revolutionären Prozess in Gang zu setzen, der auf Reflexion und Selbstkorrektur basiert, sich ständig unterbricht, korrigiert, Widersprüche aushält und lernfähig ist, der erkennt, dass man nicht immer zwischen "richtig" und "falsch" unterscheiden kann.

Der in der Lage ist, Standpunkte und Handlungsoptionen durchzuspielen; der mit Hilfe von Kunst und Literatur, von Verfremdung und Distanzierung die Welt erkennt und verändern kann; der gegen die Macht der Global Player genauso kämpft wie gegen den Klimawandel: "Das Volk des guten Aufstands", so Möller, "wäre dann auch das Volk der Weltgesellschaft, sein Aufstand ein Aufstand für das Leben und die Zukunft." Das klingt ziemlich utopisch: Aber man wird ja noch träumen dürfen!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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