Buchcover: "Kommt ein Syrer nach Rothenburg (Wümme)" von Samer Tannous und Gerd Hachmöller (Bild: DVA)
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Sachbuch - Samer Tannous/Gerd Hachmöller: "Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme)"

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Klingt es sarkastisch oder zynisch, wenn wir Samer Tannous als Ideal-Zuwanderer bezeichnen, als Premium-Flüchtling, als Vorzeige-Integrierten? Nun, das wäre schade! Denn diese Zuschreibungen passen allesamt auf Tannous, ohne dass er sie für sich in Anspruch nehmen würde. Dazu ist der Mann zu höflich, jedenfalls, wenn man "Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme)" zugrunde legt.

Der Buchtitel klingt zwar wie der Anfang eines, womöglich politisch unkorrekten, Witzes. Aber das Buch selbst ist leicht, heiter und lustig, dabei aber weder sarkastisch noch satirisch. Publikumsfreundliche Boshaftigkeiten? Fehlanzeige! Auch krasse Überspitzungen sind selten. Nie wird der Ton mokant. Was kaum anders sein kann, denn Tanous schätzt Deutschland und die Deutschen sehr. Damit keine Verwirrung aufkommt: Zwar hat Tannous die Kolumnen, die zunächst auf "Spiegel online" zu lesen waren, gemeinsam mit Gerd Hachmöller verfasst, der im Landkreis Rotenburg für "Kreisentwicklung" zuständig ist. Aber sämtliche Texte sind aus Tannous Perspektive in Ich-Form geschrieben.

Mehr Klischee geht kaum

Klischees haben keinen guten Ruf in der gehobenen Kritik. Folgt man indessen Tannous, erfüllen wir Hiesigen alias wir Deutschen tatsächlich viele oft strapazierte Klischees ... Was womöglich für die These spricht, dass Klischees oft geronnene Wahrheiten sind. Tannous schreibt den Deutschen (trotz BER) großes Organisatons-Talent zu; er findet ihr Lust am Probleme-Lösen, am liebsten mit "System", bemerkenswert; nicht weniger ihren Hang zu präziser Planung, auch, wenn es um Freizeit geht; ihm fällt die leistungsorientierte Verbissenheit beim Sport auf, selbst bei Sportlern über 70 Jahre; dazu die selbstverständliche Pünktlichkeit; der für ihn mysteriöse Hang zur "Gemütlichkeit"; der rational-sparsame Gebrauch der Sprache im Gegensatz zu arabisch-blumigen Wortgirlanden. Und so weiter.

Tannous behauptet mehr Klischee geht kaum, es muss wohl wahr sein: Araber arbeiten, um zu essen, Deutsche essen, um zu arbeiten. Und Tannous sagt, was man so auch schon von Afrikanern gehört hat: Ihr habt die Uhr, wir (Syrer) haben die Zeit. Ob Autos, Fahrradfahren, der Umgang mit Sexualität, Haustieren, Umweltschutz: Überall wimmelt es vor deutsch-syrischen Differenzen – aber immer sieht Tannous das Komische auf beiden Seiten, nicht etwa das tragisch Trennende. Kurz: Sein Vortrag über den Alltag in Rotenburg und Umgebung ist stets charmant.

Erfolgsrezept: Spracherwerb plus reichlich soziale Kontakte

Tannous hatte schon mal jahrelang in Frankreich gelebt, bevor er nach Syrien zurückging und von dort mit seiner Frau Hala und zwei Töchtern nach Deutschland kam. Er beherrscht Französisch und Englisch, hat sich schnell einige Brocken Deutsch selbst beigebracht und dann profunde Kenntnisse erworben. Zunächst fand die Familie Unterschlupf bei Tannous Bruder, der in Rotenburg als Zahnarzt praktiziert. Deshalb hat Tannous niemals beim Amt um Sozialhilfe angehalten/anhalten müssen – worauf er einigen Wert legt.

 

Das Markante ist indessen seine Neugier auf alle Facetten der deutschen Kultur und Sprache. Tannous wundert sich darüber, dass die Hiesigen nicht selten die Schuld bei sich suchen, wenn es bei Zugewanderten mit der Integration nicht klappt. Für ihn ist klar: In erster Linie müssen sich die Ankömmlinge selbst um Integration zu bemühen. Ob Tannous ein typischer oder untypischer Zuwanderer ist, wird jeder Hiesige am Maßstab seiner eigenen Erfahrungen (anders) beurteilen.

 

Womöglich kam Tannous auch zugute, dass es ihn nirgends anders als nach Rotenburg verschlagen hat, obwohl die deutsche Provinz generell nicht als Paradies für Zuwanderer gilt. Aber offenbar gibt es in Rotenburg keine quartiersweise abgetrennten Flüchtlings-Ghettos und keine arabischen Rückzugs-Milieus, wie man sie in vielen Großstädten findet. Die Zugewanderten, nach 2015 mehrere Hundert, leben dort unter Deutschen. Spracherwerb plus reichlich soziale Kontakte mit Einheimischen minus Abschottungs-Möglichkeiten – das scheint das Erfolgsrezept zu sein.

Erinnern an die frühen Bücher Vladimir Kaminers

Auch Corona kann nicht vergessen machen, wie vehement die sogenannten Flüchtlings-Krise Deutschland nach 2015 bewegt hat. Und immer noch bewegt. Doch Politik und Religion sind die beiden Themen, die Tannous und Hachmöller ausdrücklich aussparen – und damit unbestritten um die heißesten Krawallzonen in puncto Flüchtlinge und Integration herum schreiben. Wer den Autoren daraus einen Strick drehen möchte, hätte leichtes Spiel.

Aber "Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme)" will gar keine bedeutsame Analyse der deutschen Einwanderungs-Gesellschaft bieten oder ein tiefschürfender flüchtlingspolitischer Problemkrimi sein. All das, woran sich ein Thilo Sarrazin mehr oder weniger unheilvoll abgearbeitet hat (in Deutschland schafft sich ab und anderen Werken), spielt hier keine Rolle.

Tannous Betrachtungen erinnern vielmehr an die frühen Bücher des Zuwanderers Vladimir Kaminer. Im Übrigen tritt die interreligiöse Problematik schon allein darum in den Hintergrund, weil Tannous anders als fast 90 Prozent der syrischen Bevölkerung kein Muslim ist, sondern Christ – und ein ziemlich säkularer dazu. Er könnte sonst nicht so kompetent von Bier- und Weinkonsum erzählen.

Integration ist machbar

Ein Buch, dass es auf der Spiegel Bestseller-Liste weit nach oben schafft, erfüllt in der Regel irgendeine Erwartung oder irgendein Bedürfnis. Und vielleicht gefällt es vielen (so wie es dem Rezensenten gefällt), wenn Zuwanderer gut über Deutschland reden; wenn Leute aus anderen Kulturkreisen, die über Vergleichsmöglichkeiten verfügen, entschieden die Meinung äußern, hier laufe doch das meiste ziemlich prima.

Außerdem scheint Tannous das zu sein, was man einen guten Typen und feinen Kerl nennt. So erklärungsbedürftig er die Deutschen samt deren Sitten und Gebräuchen auch findet – er will nur umso näher an sie ran. Dabei strahlt er Warmherzigkeit und – wir sagen's ohne Chauvinismus – Dankbarkeit aus. Man klappt das Buch zuversichtlich zu und denkt sich: Hey, geht doch, Integration ist machbar! Jedenfalls mit so einem syrischen Nachbarn.

Arno Orzessek, rbbKultur

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