Ocean Vuong
Bild: Carl Hanser Verlag

Gedichtband - Ocean Vuong: "Nachthimmel mit Austrittswunden"

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Ocean Vuong war noch ein kleines Kind, als seine Familie 1990 Vietnam verließ. Nachdem sie ein Jahr lang in einem Flüchtlingslager auf den Philippinen ausharren mussten, gelang es den Auswanderern endlich, in ihr gelobtes Land, die Vereinigten Staaten, weiterreisen zu dürfen. Doch ihre Träume wurden schnell zum Alptraum. Soziale Not, gesellschaftliche Diskriminierung und körperliche Gewalt prägten die Kindheit von Ocean Vuong in den USA.

Kaum verwunderlich, dass der Schriftsteller, der lange Zeit um seine Identität kämpfte, in seinem erfolgreichen Debütroman "Auf Erden sind wir kurz grandios" diese Erfahrungen literarisch umkreist. Jetzt ist sein Gedichtband "Nachthimmel mit Austrittswunden" in deutscher Übersetzung erschienen.

Man kann Roman und Gedicht getrennt voneinander lesen, aber es ist faszinierend, wie beide Bücher miteinander sprechen: man spürt sofort, dass sie parallel zueinander entstanden sind. Der Roman hatte schon etwas "Poetisches", war voller Assoziationen, Gedankensplitter, wirkte wie ein langes Erzählgedicht.

Jetzt kann man nachvollziehen, woher das kommt: denn die Gedichte greifen alle Themen des Romans auf, nur eben lyrisch verdichtet und komprimiert. Der Titel des Romans "Auf Erden sind wir kurz grandios" ist auch der Titel eines der Gedichte, das mit den verstörenden Zeilen beginnt: "Sag mir, es war für den Hunger / & nichts weniger. Denn Hunger heißt / dem Körper zu geben, was er gewohnt ist // nicht behalten zu können. Dass dieses Bernsteinlicht / durch noch einen Krieg abgeschliffen / alles ist, was meine Hand auf deine Brust heftet."

Die Gedichte - wie der Roman - sind ein unablässiger Kampf, sich der eigenen Biografie anzunähern, die Vergangenheit zu bewältigen, die permanente gesellschaftliche und familiäre Gewalt zu überwinden, das Fremdsein und die Heimatlosigkeit zu ertragen, die eigene multiple sexuelle Orientierung literarisch zu ergründen.

Immer haben die Gedichte etwas Tastenden und Vorläufiges: Ein Gedicht heißt "Notizbuchfragmente" und ist voller Aperçus und Anekdoten, sexuellen Fantasien und erotischen Ausschweifungen, Gewalt-Exzessen und Glücksmomenten. Das ist oft schmerzlich, aber oft auch befreiend.

Vietnam-Krieg und die Flucht nach Amerika

Es ist überraschend, wie Ocean Vuong aus denselben Erlebnissen und Erfahrungen schöpft - und doch zwei völlig verschiedene lyrische Perspektiven kreiert: Der Roman war in weiten Teilen ein von Erniedrigung und Verlangen geprägter Brief des Sohnes an die überforderte und verhärtete Mutter. Die Gedichte nun suchen und sehnen sich nach dem abwesenden Vater, der wegen seiner Gewaltausbrüche im Gefängnis landet: Das lyrische Ich schreibt dem Vater Briefe, denkt daran, wie der Vater einst "seine Wange an den nassen Rücken eines gestrandeten Delfins" gelegt hat.

Der Erzähler greift immer wieder auf antike Stoffe und Figuren zurück, wird zu Telemach und schreibt: "Wie jeder gute Sohn ziehe ich meinen Vater aus / dem Wasser, schleife ihn an den Haaren // durch weißen Sand, seine Knöchel graben eine Spur / die Wellen blindlings auslöschen. Weil die Stadt // jenseits der Küste nicht mehr da ist / wo wir sie zurückließen. Weil die zerbombte / Kathedrale nun eine Kathedrale / von Bäumen ist."

Zerstörte Landschaften, zerbombte Städte, Flucht und Vertreibung, Hass und Gewalt, alles wütet wie ein Virus in den Menschen und vergiftet sie: immer wieder umkreist Ocean Vuong den Vietnam-Krieg und die Flucht nach Amerika, wechselt dabei die Identität, wird zu einem kleinen Mädchen, dessen Kleid voller Blut ist, oder zu einer Frau, die ihren Körper an US-Soldaten verkauft.

Ein Gedicht heißt "Morgenmusik mit brennender Stadt" und collagiert Tod und Trauma in Vietnam mit ironischen Zeilen aus Irving Berlins "White Christmas", dem Codesignal der Militär-Operation, mit der die letzten amerikanischen Zivilisten und vietnamesischen Flüchtlinge beim Fall von Saigon per Hubschrauben evakuiert wurden: ein Abstieg in die Hölle, ein Ausflug in die Apokalypse, doch von einer Poesie und Zartheit, die einen tief bewegt und anrührt.

Kein Gedicht gleicht dem anderen

Ocean Vuong sucht ständig nach neuen Wörtern und Ausdrucksweisen, sprachlichen und gedanklichen Experimenten, optischen und typografischen Variationen. Kein Gedicht gleicht dem anderen, es gibt Balladen mit strengem Schema. Dann wieder frei assoziierte Wörter und Zeilen, die man sich zusammenreimen muss.

Manchmal sind es kurze Schnappschüsse, manchmal endlose Erzählungen, manchmal sieht es aus, als hätte Jackson Pollock Buchstaben und Wörter aufs Papier gekleckst: und der Leser muss Verbindungslinien zwischen den Textinseln herstellen und nach dem Sinn der spiralförmigen Girlanden aus Wörtern und Zeilen fahnden.

Das Gedicht "Siebter Kreis der Erde" handelt von der Ermordung eines homosexuellen Paars in Dallas/Texas am 27. April 2011 durch Brandstiftung. Über das Papier verteilt sind die Zahlen 1-7, ganz unten auf den Buch-Seiten, klein gedruckt wie Anmerkungen, die zu den Zahlen gehörenden Gedichtzeilen, in denen der Tod in den Flammen aufscheint: "Lachen verloschen zu Asche / zu Luft / zu Süßer zu Liebes / Schatz, / schau. Schau mal, wie glücklich wir sind / niemand zu sein / & immer noch // Amerikaner."

Das englische Original ist musikalischer

Der Gedichtband ist zweisprachig, und das ist gut so: Denn Übersetzungen sind - um mit Fontane zu sprechen - ein weites Feld, da ist Fantasie, Mut und Kreativität gefragt, und das fehlt hier doch leider manchmal. Auch wer des Englischen nicht so mächtig ist, wird schnell merken, dass das Original viel Musikalischer ist, dass die Wörter viel Freiraum lassen, um einen eigenen Rhythmus zu entwickeln, dass man anstelle der wörtlich korrekten Übersetzung lieber eine klanglich schönere Version wählen sollte.

Das Leichte und Lockere des Originals wird in der Übersetzung oft hölzern und antiquiert, das Assoziative und Metaphorische oft pathetisch und preziös. Wer die Gedichte so verstehen will, wie sie gemeint sind - nämlich als Liederzyklus über die Schönheit der Liebe und die Wunden der Menschheit - sollte sie im englischen Original lesen: am besten laut und mit einer selbst komponierten Melodie im Ohr.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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