Victoria Mas Die Tanzenden © Piper
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Roman - Victoria Mas: "Die Tanzenden"

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Dass die Geschichte der Psychoanalyse vor allem aus der Perspektive von Männern geschrieben wurde, ist bekannt. Ausführlich experimentierten und erforschten die Ärzte um Jean-Martin Charcot Ende des 19. Jahrhunderts an der Pariser Salpêtrière eine Krankheit, die sich später als Erfindung offenbarte: die Hysterie.

Die französische Autorin Victoria Mas erzählt in ihrem Debütroman von dieser Zeit und befreit die Frauen, die hinter den dicken Mauern des berühmten Krankenhauses eingesperrt waren, posthum - durch einen einfachen Trick.

Die Fotografien der Frauen die auf dem Rücken liegend den Körper überstrecken, die Zunge herausstrecken oder irre lächelnd die Hände gen Himmel recken sind bekannt. Mit Hilfe von damals modernster Technik, der Fotografie, wurden sie dokumentiert. Berühmt waren auch die Vorführungen der sogenannten Geisteskranken im medizinischen Auditorium, in denen Jean-Martin Charcot seinen Schülern das Phänomen der Hysterie vorführte.

Starke Bilder und eindringliche Szenen

Als "Fälle" waren die Frauen, an denen damals diese Experimente vollzogen wurden, bekannt. Doch dass sie alle ihre Rechte verloren, misshandelt und vorgeführt wurden und keine Perspektive auf Entlassung bekamen, ist selten Thema. Die Schriftstellerin Victoria Mas lässt in ihrem Roman "Die Tanzenden" die Eingesperrten nun selbst zu Wort kommen. Ein einfacher schriftstellerischer Kniff gibt den Objekten von damals ihre Subjektivität zurück.

In starken Bildern und eindringlichen Szenen treibt Victoria Mas die Handlung voran. Dass sie acht Jahre beim Film gearbeitet hat, ist diesem Roman anzumerken. Auch die Dramaturgie ist verblüffend stringent. Alles läuft auf einen Kostümball zu, an dem die Pariser High Society unter hohen Sicherheitsauflagen ins Krankenhaus kommen und die "Verrückten" beim Tanz begaffen darf. Die Patientinnen ihrerseits können den Ball kaum erwarten, so sehr sehnen sie eine Abwechslung herbei.

Es ist erschütternd mit anzusehen, wie die überaus kluge und freiheitsliebende Eugénie und von Vater und Bruder in Paris berühmtestes Krankenhaus abgeschoben und dort eingekerkert wird. Wir lernen die junge Louise kennen, die sich erhofft ihre Freiheit durch die Hochzeit mit einem Arzt zu erlangen, und wir treffen Geneviève, die Pflegerin, die eigentlich gern Ärztin wäre. Es ist der Kosmos der Frauen, der hier zum Leben erwacht und der so lange ein blinder Fleck in der Geschichte war.

Julia Riedhammer, rbbKultur

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