Zsófia Bán Weiter atmen @ Suhrkamp
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Erzählungen - Zsófia Bán: "Weiter atmen"

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Nein, einfach so weglesen kann man sie nicht, die Erzählungen der ungarischen Autorin und Kuratorin, Filmproduzentin, Kulturkritikerin und Anglistik-Dozentin Zsófia Bán. Denn hinter jedem geschilderten Ereignis liegt für die Leserinnen und Leser eine Welt bereit, die zu betreten und zu betrachten Zeit erfordert - sowie Entdeckerlust und Sprachlust.

Am allermeisten verlangt in dieser Hinsicht die Eingangserzählung "Hautatmung", die in hochartifizieller Prosa die Kernfrage jeder menschlichen und tierischen Existenz umkreist: Luft bekommen oder Ersticken. Sie ist so etwas wie das implizite Motto all dieser Erzählungen und es ist empfehlenswert, sie am Schluss noch einmal zu lesen, nach der langen Reise durch das faszinierende Universum Zsófia Báns in achtzehn Stationen.

Eine solche Station ist die Erzählung von Adeh und ihrem kleinen Sohn ("Die aktive Gegend der Sonne", die bei ihrer Flucht aus Syrien mit ihrer ganzen Familie in Ungarn festsitzen, mit einem nicht ganz selbstlosen Helfer, der selbst Hilfe braucht. Eine Weitere ist ein Ereignis in einem der in Ungarn so hoch geschätzten Dampfbäder ("Delfinshow"): Stimmen im Nebel, unsichtbare Körper, ein skurriler Dialog – und am Ende, wieder einmal, bleibt jemandem die Luft weg.

Und auf der Station "Weiter atmen", also der Titelerzählung, hängt für einen Jungen das Leben ganz und gar davon ab, dass er jeden Tag ein frisches Stück Seife in den Händen halten kann. Seine Mutter nimmt dieses Bedürfnis vollkommen ernst, so ernst, dass bei der komplizierten Seifenbeschaffung ein Unfall passiert. Als alles vorbei ist, kann man weiter atmen und dabei den Geruch von Seife wahrnehmen.

Faszinierendes Spiegelkabinett

Diese drei sind eher leicht zu beschreibende Stationen. Bei anderen aber öffnet sich weit und glänzend ein Spiegelkabinett, in dem Zsófia Bán Erzählungen aus anderen Mediem wie Film, Fotografie, Kunst oder Literatur (oder mehrerem auf einmal) extrahiert und in sprachlichen Lichterketten synthetisiert. Auktoriales Erzählen und Materialbegutachtung fließen dabei ineinander.

Wer saß im August 1880 wirklich neben Arthur Rimbaud auf der Terrasse des "Hotel de l’Univers" in Aden? Und wer ist die Frau, die mit ihren akademischen Fachkollegen dieser Frage nachgeht? Die Geschichte der Forscherin, einer von ihrem kleinen Sohn getrennten Mutter, spiegelt verzerrt, gewendet und erotisch aufgeladen, das Verhältnis Rimbauds zu seiner Mutter. Ähnliche Spiegelungen und Rückkopplungen finden sich auch in Textparaphrasen zu Peter Eszterhazy oder Gabriel García Márquez.

Die Lektüre ist, wie gesagt, eine Reise. Eine Reise durch das stetig expandierende Bán-Universum, das aus einem großen Wissen und noch größer Neugier besteht. Die Leserin wird darin auch einigen aus dem früheren Werk bekannten Motiven begegnen, in neuen Variationen und experimentierfreudig suchender Sprache. Übersetzerin ist übrigens keine geringere als Terezia Mora, die gewiss großen Anteil hat an der kühnen Poesie und der Sinnlichkeit dieser Prosa im Deutschen.

Katharina Döbler, rbbKultur

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