Albert Camus: Die Pest; Montage: rbbKultur
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Roman - Albert Camus: "Die Pest"

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Über 100 Prominente aus Österreich, unter ihnen Literaturnobelpreisträgern Elfriede Jelinek, "Tatort"-Kommissarin Adele Neuhauser und Burg-Schauspieler Klaus Maria Brandauer, haben gerade im Radio den Roman in einem Lesemarathon performt.

In Frankreich, Italien und Deutschland musste das ausverkaufte Buch erst neu aufgelegt und nachgedruckt werden: Albert Camus' 1947 veröffentlichter Roman "Die Pest" scheint in Corona-Zeiten das Buch der Stunde.

Hommage an die Résistance

Die zeitlose Aktualität liegt darin, dass die im Roman ausbrechende Epidemie nicht nur als ein reale Katastrophe mit tausenden Toten dargestellt wird, sondern auch darin, dass die "Pest" viel mehr ist: eine Metapher ist für das Unheil, das Menschen überfällt und bei den einen das Gute, bei anderen das Böse hervorruft. Die "Pest" ist ein Bild für die Unbelehrbarkeit der Menschen, weil sie immer wieder die gleichen Fehler machen, dieselben aussichtslosen Kriege führen, denselben verlogenen Ideologien hinterher laufen und bizarren Verschwörungstheorien aufsitzen.

Die "Pest" legt auch die Widerstandskraft von Menschen offen, die sich entschließen, sich der Diktatur des Todes entgegenzustellen und im scheinbar aussichtslosen Kampf dem absurden Dasein einen Sinn verleihen. Denn das sollte man nicht vergessen: geschrieben hat Camus den Roman als Reaktion auf die Besetzung Frankreichs durch die Nazis, als Anklage gegen die Diktatur der Dummheit, als Aufschrei gegen den Massenmord im Holocaust.

Der Roman ist gedacht als Hommage an die Résistance, in der Camus aktiv war, als eine Warnung an die Nachgeborenen, den Anfängen zu wehren, und deshalb wäre es ein Missverständnis, den Roman allein auf seine "Corona-Tauglichkeit" zu befragen und darauf zu reduzieren, was er uns über eine Epidemie zu sagen hat. Man muss ihn im Zusammengen lesen mit Camus' Theorie zum "Menschen in der Revolte", zum "Mythos von Sisyphos" und der Vorstellung vom Menschen, der in einer absurden Welt auf sich selbst zurückgeworfen ist, aber dennoch durchhalten muss. 

1940er Jahre in Algerien

Camus verhandelt - literarisch verfremdet und metaphorisch überhöht - seine damalige aktuelle Gegenwart: Der Roman spielt in den 1940er Jahren, der Ausbruch der Pest ereignet sich in Oran, einer Stadt an der Küste von Algerien, die Camus bestens kannte, denn er ist in Algier aufgewachsen, hat in Oran als Lehrer gearbeitet und dort als Journalist und als Mitglied der Résistance gegen die Nazis gekämpft.

Zu den autobiografischen Momenten gehört auch, dass Camus an Tuberkulose litt und selbst eine Zeitlang ein Leben in Quarantäne führen musste und genau wusste, wie es sich anfühlt, als Aussätziger behandelt zu werden, dass es großer Kraft bedarf, sich dem Tod entgegenzustellen und dem absurden Leben Sinn zu verleihen. Die Pest bricht aus, doch niemand will es wahrhaben: Erst sind es nur ein paar tote Ratten, die auf der Straße liegen, doch dann sind es abertausende tote Ratten, und irgendwann werden auch die Menschen erfasst und hinweg gerafft.

Auf das Verleugnen und Vertuschen folgt die gnadenlose Diktatur der Realität: Die Stadt wird komplett abgeriegelt, die Menschen werden sich selbst überlassen. Ärzte müssen entscheiden, wer in Quarantäne oder ins Krankenhaus kommt, wer noch Überlebens-Chancen hat oder sterben muss. Erst werden die Menschen noch würdevoll bestattet, dann anonym in Massengräbern verscharrt.

Fieberhaft wird an einem Serum geforscht: Doch über Monate wütet die Pest, bis die Kurve der neu Infizierten abflacht und die Pest besiegt ist, versuchen einige aus der Not der Menschen Profit zu schlagen, manche versuchen aus der Stadt zu fliehen, andere stellen sich in Dienst der Allgemeinheit und helfen, wo es nur geht. Einige verfallen in Lethargie, andere in Zynismus, manche sehen die Pest als Strafe Gottes, andere als Chance, durch Solidarität und Liebe das Grauen zu besiegen, das Schicksal zu meistern, gegen die Absurdität der Welt zu revoltieren und wenn schon nicht zu überleben, dann doch wenigstens mit sich im Reinen zu sterben.

Die Pest unterscheidet nicht zwischen den Menschen

Der Leser begleitet eine Handvoll von Personen durch die Apokalypse und kann hautnah verfolgen, wie sie die Katastrophe und das Massensterben erleben. Ein Arzt stürzt sich mit stoischer Gelassenheit in den täglichen Überlebenskampf, erledigt ohne zu klagen und zu jammern seine Pflicht, versorgt die Menschen, rettet Leben, hat für die Leidenden ein gutes Wort und für die Verzweifelten ein offenes Ohr.

Ein Reisender, den es zufällig nach Oran verschlagen hat und der dort nun festsitzt, notiert alles, was er sieht und hört und verfasst eine Art atheistisches Tagebuch des Grauens, denn er glaubt an nichts und niemanden und hasst Gott und die Welt. Ein Journalist, der aus Paris nach Oran gekommen war, um einen Artikel über die soziale Lage der arabischen Bevölkerung im französischen Kolonialgebiet zu schreiben, möchte lieber heute als morgen fliehen und hat auch schon die Wärter der Stadttore bestochen, doch dann hat er ein schlechtes Gewissen, bleibt und hilft, den Widerstand gegen die Krankheit zu organisieren.

Ein kleiner Angestellter, der sich nur für seine literarischen Versuche interessiert und seit Jahren an dem ersten Satz eines Romans über eine schöne und stolze Amazone feilt, die auf ihrem Pferd durch den Bois de Boulogne reitet. Ein Prediger, der den ängstlichen Menschen mit einem strafenden Gott droht und von allen Unterwerfung und Umkehr einfordert und ein sündenfreies Leben. Doch fast alle, egal ob sie Romane schreiben oder Gott anrufen, müssen sterben, die Pest kennt keinen Unterschied.

Kunstvoll komponierter Roman

Der Roman wird von einem Überlebenden erzählt, von Dr. Rieux, dem Arzt, der allein aus Zivilcourage und Nächstenliebe handelt und keine Religion oder Ideologie braucht, um solidarisch zu sein und die Mitmenschen zu lieben. Das Geheimnis der Erzähl-Stimme wird erst kurz vor dem Ende gelüftet, dann wissen wir, dass wir die ganze Zeit nur das erfahren haben, was auch Dr. Rieux erfahren hat: aus seinen Gesprächen mit den Patienten, aus seinen Debatten mit dem Prediger, aus den Diskussionen mit dem reisenden Atheisten und den Zitaten aus dessen Tagebuch, aus den Plaudereien mit dem verkappten Schriftsteller und aus den Berichten des fluchtwilligen und dann doch bleibenden und heldenhaft widerstehenden Journalisten.

Weil der Erzähler nichts hinzufügt, nur beschreibt, was er erlebt und gesehen hat, ist der kunstvoll komponierte Roman zugleich wahrhaftig, bewegend, eindringlich. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", hat Camus in seiner Abhandlung über den "Mythos von Sisyphos" geschrieben. Der Arzt und Erzähler ist genau dies: ein moderner Sisyphos, täglich aufs Neue erledigt er seine Arbeit, er hält durch und ist - obwohl alles um ihn herum absurd und sinnlos ist - doch zufrieden und glücklich.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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