Nikolaus Harnoncourt: Über Musik. Mozart und die Werkzeuge des Affen © Residenz Verlag
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Musikbuch - Nikolaus Harnoncourt: "Über Musik"

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Texte aus dem Essay-Nachlass von Nikolaus Harnoncourt, darunter Altbewährtes, etwa zur Aufführungspraxis Alter Musik, aber auch wunderbare Plädoyers für die Notwendigkeit von Kunst für ein menschenwürdiges Leben.

Nikolaus Harnoncourt war nicht nur einer der wichtigsten Musiker des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Er hat immer auch über Musik geschrieben. Sein bekanntestes Buch "Musik als Klangrede" ist bereits vor einigen Jahrzehnten erschienen. Vier Jahre nach seinem Tod hat seine Frau, die Geigerin Alice Harnoncourt, den schriftlichen Nachlass ihres Mannes geordnet.

Zusammengekommen sind sehr verschiedene Texte. Einiges war bereits in anderen Zusammenhängen publiziert, anderes als Vorworte für Bücher anderer. Daneben finden sich ein Beitrag für ein Konzerthausprogramm ebenso wie diverse Vorträge, etwa anlässlich der Ernennung Harnoncourts zum Ehrendoktor des Mozarteums Salzburg oder zu Mozarts 250. Geburtstag im Jahre 2006. Anderes lässt sich gar nicht mehr ganz genau zuordnen oder datieren.

Viel Musiktheorie

Vieles kennt man von Nikolaus Harnoncourt. Da geht es um das Thema Aufführungspraxis, was man aus alten Quellen erschließen kann – und was nicht. Aber auch, wie wichtig es wäre, dass Musiker*innen und Musikwissenschaftler*innen noch besser und mit mehr Verständnis füreinander zusammenarbeiten.

Er schreibt über die große Musikrevolution um 1600, als das Musizieren mit gleichberechtigten Stimmen zum Sologesang mit Begleitung wurde. Das ist viel Musiktheorie – wichtiger erscheinen die Texte, in denen Harnoncourt über die Rolle von Kunst und Musik in der Gesellschaft reflektiert.

Deutliches Plädoyer

Nikolaus Harnoncourt äußert darin deutliche Kritik an der Entwicklung in unserer Gesellschaft, an unserer Erziehung, die sich immer weiter von Musik und Kunst im Allgemeinen entferne. Ein Symptom etwa, dass in der PISA-Studie Musik praktisch keine Rolle spiele und unser System ganz auf das Nützliche, Verwertbare, Materielle ausgerichtet sei, so der Dirigent.

Das bedeutet nicht, dass es nicht viel Kunst gebe, aber die Bedeutung für das menschliche Leben habe eher den Status einer Freizeitbeschäftigung, der schönen Erholung vom angeblich eigentlich Wichtigen. Harnoncourt hält dem entgegen: Alles, was die Fantasie fördert – und damit meint er vor allem die Kunst – sei unverzichtbar für ein menschenwürdiges Leben. Ein deutliches Plädoyer.

Die Werkzeuge des Affen

Der Untertitel des Buches, "Mozart und die Werkzeuge des Affen"    , nach einem Vortrag, den Nikolaus Harnoncourt zum 200. Todestag des Komponisten in Salzburg gehalten hat, knüpft an das bereits Erwähnte an. Der Affe steht für Harnoncourt für das rationale Denken, den Fortschritt. Um weiterzukommen, muss man Probleme lösen. Der Affe hat in diesem Fall also gelernt, eine Nuss mit Hilfe eines Steins aufzuschlagen.

Das hat einen praktischen Nutzen, der jedem einleuchtet. Nur verkümmere darüber immer mehr die Kunst als Lebensnotwendigkeit. Im Hinblick auf Mozart schreibt Harnoncourt: "Wir haben […] seine Musik zur hübschen Abendunterhaltung degradiert."

Menschliches Leben – lebendige Kunst

Gerade in der aktuellen Situation scheint das Buch einen Nerv zu treffen. Denn so wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse, Forschung, Technik und Logik zweifellos sind, so wichtig ist die Kunst mit allem Geheimnisvollen und Phantastischen, das sie mit sich bringt. Nikolaus Harnoncourt schreibt: "Nur dort ist menschliches Leben, wo es lebendige Kunst gibt."

Wie wichtig die Kunst ist und eben nicht nur eine „hübsche Abendunterhaltung“, erfahren viele gerade jetzt, wo man derzeit so viel davon entbehren oder sich auf anderen Wegen verschaffen muss.

Andreas Göbel, rbbKultur

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