Östlich der Elbe © Ch. Links Verlag
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Fotoband - Lutz Kerschowski und Andreas Meineke (Hg.): "Östlich der Elbe"

Bewertung:

Es gibt ja schon eine Reihe von Büchern, die mit bester DDR-Fotografie aus den 70er und 80er Jahren einen bestimmten Blick auf das kleine untergegangene Land zeigen. Jetzt ist ein ganz besonderes Buch erschienen: "Östlich der Elbe, Songs und Bilder". Herausgegeben von Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke und mit Fotos von Ulrich Burchert. Ein echter Prachtband.

Die erste Idee für das Buch stammt vom Fotografen Ulrich Burchert, der seit den 70er Jahren viel in der DDR-Rockszene fotografiert hat, aber eben mit einem deutlich anderen Blick als andere seiner Zunft. Jetzt also wollte er seine Bilder mit den Songtexten von Bands und Musikern verbinden.

Nicht einfach eins zu eins, sondern um das Leben, das Lebensgefühl zu spiegeln – und hier ist der Titel des Buches fast wörtlich zu nehmen. Östlich der Elbe meint schon die DDR, auch wenn die in einigen nicht unwesentlichen Teilen auch westlich der Elbe existierte und dann die zeitliche Ebene: 1970 bis 2013. Dies also der Hinweis, dass die versammelten Autoren ihre Wurzeln in der DDR haben, aber die Auswahl der Songtexte und auch Fotos über das zeitliche Ende der DDR weit hinaus gehen.

Dann ging das Buch in die Realisierungsphase und da waren zwei andere Männer maßgebend: der Musiker Lutz Kerschowski hat inhaltlich konzeptionell bei vielen Kollegen und Freunden die Songtexte zusammengetragen und die Abdruckrechte oft kostenfrei erwirkt. Und ganz wichtig war dann ein Mediziner, Andreas Meinecke, der die Herstellung des Buches finanziell mit einer erheblichen Summe überhaupt erst möglich gemacht hat.

Sehr direkte und emotionale Bilder

Ulrich Burchert, geboren 1940 in Berlin, fotografierte seit den frühen 70er Jahren vor allem da, wo sich Jugendkultur etablierte: Singeklubs, Rockbands, Tanzmusik, Werkstätten, Konzerte im Freien und Festivals. Da fand er einen sehr direkten Zugang, fotografierte die Musiker auf der Bühne, genauso wie die Bühnenarbeiter, das Publikum und manchmal auch die Funktionäre, ohne die es auch nicht ging.

So sind seine Bilder immer von sozialer Relevanz, sie sind emotional und sehr direkt. Dazu musste er Menschen vor seiner Kamera nicht positionieren. Dort wo er war, hat er die Menschen und seine Motive gefunden, hat die Realität im Auge gehabt. Und die lag mitunter haarscharf neben dem geschönten, dem offiziellen Blick auf die Jugend und ihr Tun. Das macht seine Bilder sehr klar und wie man jetzt auch sehen kann: haltbar über die Jahrzehnte.

Gemeinschaft, Freiheit und Rebellion

Verwoben sind die Songtexte und Bilder über die Idee, Lebensgefühl im Kontext von Rockmusik, damit von Gemeinschaft, von Freiheit, auch von Rebellion zu zeigen. Die Songtexte gehören zum Besten, was in diesem Kontext entstanden ist, geprägt von einem eben sehr speziellen Blick auf das Land und seine Leute, und einer ebenso besonderen Poesie, so unterschiedlich, die auch immer daherkommt. Das sind dann natürlich weniger die "Inhalte" der einzelnen Songs.

Das ist bei dieser Form der Musikkultur nicht das Kriterium. Vielmehr lassen sie sich lesen als eigenständige Lebensentwürfe im Umfeld eines doch reglementierenden Staates. Als lustvoller oder auch rigoroser Versuch aus den vorgegebenen Mustern auszubrechen – mal mit Witz und Ironie, aber auch mal mit kreativer Widerständigkeit. Und diese Grundhaltung setzte sich wunderbar fort, als sich die Verhältnisse durchaus geändert hatten. Wo einmal ein bestimmter Eigensinn ein geübt war, geht er ebenso wenig verloren, wie die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben.

Ein gewagtes aber gelungenes Unterfangen

Songtexte abzudrucken, sie also von der Musik und dem Kontext abzukoppeln, ist ja ein durchaus gewagtes Unterfangen. Hier aber gelingt das ganz wunderbar. Die Fotos von Ulrich Burchert liefern ein wesentliches Stück vom Kontext, da hätte ich mir übrigens auch noch mehr vorstellen können. Aber es ist ohnehin schon ein opulenter Band geworden, der in der Herstellung gewiss auch seinen Preis hat.

Ein anderes Stück vom Kontext konnte ich in meinem Kopf abrufen, das sind die Songs, die bei mir sofort anfangen zu klingen, wenn ich die Texte lese. Wem das auf Grund seines jungen Alters und seiner Herkunft so einfach nicht möglich ist, der kann sich ja durchaus mit Musik versorgen. Das sollte ja kein Problem sein.

Aber in Grunde genommen geht es schon mit dem Cover des Buches los: Schwarz-weiß in hochwertigem Leineneinband, der sich aber angenehm rau und ruppig anfasst. Bestes Papier und Typographie. Und wer das ganze Thema darüber hinaus auch noch essayistisch beleuchtet haben möchte, ist mit dem Buch bestens versorgt. Sechs kurze Essays, u.a. von Hans-Eckardt Wenzel, Flake Lorenz oder Peter Wicke liefern Anregung obendrauf.

Danuta Görnandt, rbbKultur

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