Daniela Krien Muldental © Diogenes
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Erzählungen - Daniela Krien: "Muldental"

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Es war vielleicht das Aufsehen erregendste Buch des vergangenen Jahres: "Die Liebe im Ernstfall" kaperte über Monate die Bestenlisten und katapultierte die im Vogtland aufgewachsene und seit Jahren in Leipzig lebende Autorin Daniela Krien, die bis dahin eher nur ein Insider-Tipp war, ins literarische Rampenlicht. Da will man gern nachlegen und weiter auf der Welle des Erfolgs surfen.

Weil aber noch kein neues Manuskript die Schreibwerkstatt verlassen konnte, hat jetzt der Diogenes Verlag ins Archiv gegriffen und einen Erzählband neu aufgelegt, der bei seiner Veröffentlichung im kleinen Graf Verlag keine rechte Aufmerksamkeit gefunden hatte, "Muldental": eine gute Idee. 

Denn die Erzählungen, die vor sechs Jahren unterm Radar der Literaturkritik und der Leser relativ unbemerkt dahinsegelten, haben jetzt - nach dem Erfolg von "Die Liebe im Ernstfall" - die Chance, als das wahrgenommen zu werden, was sie sind: Wunderwerke, versehen mit dem Charme des literarischen Anfangs. Es ist, als würde Daniela Krien hier ihren literarischen Handwerkskasten öffnen, ihr erzählerisches Besteck sortieren, ihre stilistischen Messer wetzen.

Außerdem: Ein Verlag ist kein poetisches Luftschloss, sondern ein wirtschaftliches Unternehmen, das Gewinne erzielen sollte. Und einer Autorin sollte man es nicht verübeln, wenn sie die Möglichkeit hat, ihre bisher vernachlässigte Ware noch einmal neu anzupreisen. Für den Leser ein echter Mehrwert: Denn wer "Die Liebe im Ernstfall" verschlungen hat und begeistert war, wie kunstvoll sich im Roman die Schicksale von fünf Frauen überlappen, wird merken, dass sich die "Muldental"-Erzählungen wie eine Ouvertüre zum Roman lesen: Schon in den "Muldental"-Erzählungen skizziert sie mit wenigen Worten Personen, wirft Schlachtlichter auf ihr Schicksal in einer Welt, die von Orientierungslosigkeit und Verzweiflung geprägt ist.

Das Scheitern an sozialen Verwerfungen

Fast alle Figuren sind Verlierer der Wende: die alten Gewissheiten haben sich aufgelöst, aber die neuen Möglichkeiten sind für sie keine Option. Sie verlieren nach dem Zusammenbruch der DDR ihre Arbeit und finden im Turbokapitalismus keine neue. Eine Frau hat ein Prädikatsexamen als Kunsthistorikerin gemacht und jobbt als Putzfrau. Zwei junge Mütter lavieren sich durchs Leben und kommen auf die dumme Idee, sich mit Prostitution etwas dazu zu verdienen. Eine Ehe ist zerrüttet, weil die Frau ihren Mann bespitzelt hatte, aus Angst vor der Stasi, die gedroht hatte, die Familie auseinander zu reißen und den Sohn ins Heim zu stecken.

Jemand wird aus dem Gefängnis kommen und die neue Freiheit dazu nutzen, sich aufzuhängen. Ein Mann fährt sofort nach dem Fall nach Mauer mit seinem Trabi in den Westen, um seine Schwester zu suchen, die kurz bevor sich der Eiserne Vorhang senkte geflohen war: Er wird die damals musikalisch hochbegabte, aber psychisch labile Schwester wieder finden, in einer Irren-Anstalt, vollgestopft mit Psychopharmaka. Im Roman "Die Liebe im Ernstfall" wirft Daniela Krien Schlaglichter auf fünf Frauen, die sich in der Nachwendezeit neu erfinden und von den unzuverlässigen Männern zur Verzweiflung getrieben werden: sie scheitern ständig an der Liebe. In den "Muldental"-Erzählungen scheitern Männer und Frauen an den sozialen Verwerfungen, dem Riss, der durch ihre Welt geht und nicht so einfach kitten ist. 

Die "Mulde" ist ambivalent und unberechenbar

Das "Muldental" ist eine reale und zugleich fiktive Landschaft, Lebensraum und zugleich Metapher. Die "Mulde" entspringt im Vogtland, fließt durch das Leipziger Becken und mündet bei Dessau in die Elbe. Eigentlich ist die "Mulde" ein harmloser Bach, doch ab und zu gerät sie in die Schlagzeilen, wenn sie nach sintflutartigen Regenfällen zum reißenden Fluss anschwillt und alles wegspült, was sich ihr in den Weg stellt. Sie zerstört Häuser und Existenzen, dann muss man entweder woanders neu anfangen oder das Kaputte wiederaufbauen. Alle Figuren der Erzählungen leben in Sichtweite der "Mulde", fast alle kennen sich oder sind sich irgendwann über den Weg gelaufen. Die "Mulde" selbst spielt keine große Rolle, ist aber trotzdem als etwas Ambivalentes und Unberechenbares ständig gegenwärtig.

Anflug von Optimismus

Daniela Krien hat den alten Band um eine neue Erzählung erweitert: Der verbitterte Alte, der einst von seiner Ehefrau bespitzelt wurde, ist jetzt längst unter der Erde; die damals von ihrem Mann beschimpfte Frau ist befreit von den bösen Geistern der Vergangenheit und hat sich ein neues Leben aufgebaut; ihr damals kleiner Sohn ist jetzt ein erwachsener Mann, ein erfolgreicher Handwerker und Künstler. Eines Tages läuft ihm eine Frau über den Weg, er kennt sie von früher und hatte sie aus den Augen verloren: Es ist eine der beiden Mütter, die sich damals (in einer anderen Erzählung) mit Prostitution ein Zubrot verdient und nur schwer wieder ins normale Leben zurückgefunden haben. Der Mann und die Frau werden sich vorsichtig beschnuppern, sich ineinander verlieben und vielleicht eine gemeinsame Zukunft haben. Der Erzählband, der früher in Melancholie versank und den Schmerz zum Alltag machte, endet jetzt plötzlich mit einem Anflug von Optimismus, ohne jeden Kitsch, einfach nur schön und hoffnungsvoll. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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