Donna Leon: Geheime Quellen © Diogenes
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Krimi - Donna Leon: "Geheime Quellen"

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Immer sehnt man sich nach dem, was man nicht hat. Oder in Zeiten von Corona nicht darf. Wäre es nicht herrlich, jetzt nach Venedig zu reisen, durch die leer gefegten Gassen zu flanieren, die von Trubel und Tourismus befreite Lagunenstadt zu genießen, mit dem Boot hinüberzusetzen auf den Lido und dort ein erfrischendes Bad zu nehmen?

Bis die Reisewarnungen aufgehoben sind, bleibt uns aber nur, mit Hilfe der Fantasie unsere Sehnsucht zu stillen. Oder den neuen Venedig-Roman von Donna Leon zu lesen: "Geheime Quellen". Auch wenn jetzt erste Beschränkungen aufgehoben werden: Bis Venedig sich wieder mit Touristen füllt, wird es noch lange dauern. Die gespenstische Leere müsste, der sich nach Ruhe sehnenden Donna Leon ganz gut gefallen, auch wenn sie wahrscheinlich gar nicht in Venedig ist: Denn sie lebt jetzt hauptsächlich in den Schweizer Bergen.

Die amerikanische Autorin hat es in ihrer Wahlheimat nicht mehr ausgehalten. Sie hat darunter gelitten, wie der Massentourismus die Stadt auslaugt und die Kreuzfahrtschiffe das Fundament der auf Pfählen stehenden fragilen Stadt zerstört.

Ihr schöngeistiges Alter Ego, Commissario Brunetti, der, wie Donna Leon, das Traditionelle bevorzugt, die klassische Musik liebt und die alten Griechen liest, hat die Verwüstung Venedigs auch immer wieder betrauert. Manchmal schien es in den letzten Romanen schon so, als würde Brunetti seiner von Sandalen-Touristen und Nippes-Läden verunzierten Stadt total überdrüssig sein und er sei kurz davor, seine Mord-Ermittlung und Mafia-Bekämpfung hinzuschmeißen und sich – wie Donna Leon – in den Alpen zur Ruhe setzen zu wollen.

Doch der melancholische Brunetti muss durchhalten und immer weitermachen. Donna Leon dagegen kommt nur noch gelegentlich nach Venedig. Sie kennt sowieso jede alte Kirche, jeden bröckelnden Palast und jedes sich dort abspielende Drama. Sie kann mit geschlossenen Augen durch Venedig flanieren und sich in der Fantasie alles Kriminelle zusammenreimen. 

Umweltsünden, Korruption, Geldgier und Gewalt

Es geht, schließlich schwankt Venedig wie ein alter Kahn in der Lagune, um Wasser, um die dreckige Brühe in den Kanälen und das Trinkwasser für Bevölkerung und Touristen. Es geht darum, ob und wie man mit Herstellung und Überwachung von Wasser viel Geld verdienen kann, genauso wie damit, die ökologischen Vorschriften zu umgehen, das Wasser mit Sondermüll zu verunreinigen, Mitwisser und Mittäter zu bezahlen, zu bestechen oder – wenn nötig – umzubringen.

Brunetti muss nach "Geheime Quellen" suchen, herausbekommen, ob es bei der Wasserversorgung von Venetien mit rechten Dingen zugeht. Oder ob dunkle Mächte das klare Nass in trübe Lauge verwandeln und dabei auch noch ordentlich abkassieren. Es geht um Umweltsünden und Korruption, Geldgier und Gewalt. Doch bis Brunetti erkennt, wie gefährlich das Wasser ist, das er täglich trinkt, und welche Profite man damit erzielen kann, vergeht viel Zeit, wird der Leser in einige dunkle erzählerische Seitengassen geführt und fließt einige eklige Brühe durch den Canal Grande und durch die Wasserhähne in den Wohnungen. 

Blinde Eifersucht und verschmähte Liebe?

Es ist Sommer, die Hitze ist kaum zu ertragen, schon beim Lesen sehnt man sich nach kühlem Schatten und erfrischendem Wasser. Der Anzug klebt Brunetti klatschnass am Körper. Er flüchtet sich bei seinen Gängen durch die Stadt immer wieder in kleine Bars. Doch während man früher zu jedem Espresso ein kostenloses Glas Wasser bekam, muss man jetzt dafür mindestens einen Euro blechen.

Aber sein Ärger ist dann doch schnell verflogen, als er mit wirklichem menschlichem Elend konfrontiert wird: Eine von tödlichem Krebs zerfressene Frau von gerade einmal Anfang 40 lässt ihn zu sich ins Hospiz rufen. Bevor sie in seinen Armen stirbt, kommen noch ein paar kryptische Worte aus ihrem Mund: Ihr Mann, Vittorio Fadalto, der vor einigen Wochen – laut Polizeibericht – bei einem Motorradunfall ums Leben kam, sei in Wahrheit ermordet worden.

Außerdem habe er, um ihre teure Behandlung zu finanzieren, "schlechtes Geld" genommen. Als Brunetti zu ermitteln beginnt, stößt er auf Widersprüche und Lüge. Fadalto hat für ein Unternehmen gearbeitet, das die Reinheit des Trinkwassers untersucht. Aus den Unterlagen der Firma ist aber nicht ersichtlich, wie Fadalto Manipulationen vorgenommen und wofür er Geld kassiert haben könnte.

Vielleicht geht es auch gar nicht um Wasserverschmutzung und Bestechung, sondern um blinde Eifersucht und verschmähte Liebe: Musste Fadalto vielleicht sterben, nicht weil er zu viel wusste oder zu gierig war, sondern weil er zu wenig Empathie für seine Untergebenen hatte und die Avancen einer liebeshungrigen Kollegin nicht erwidern mochte? Viele Fragen, und lange keine passenden Antworten, auch weil Brunettis Vorgesetzter, Vice-Questore Patta, ihm mit nervigen Nebensächlichkeiten die Arbeit erschwert und die Laune verdirbt. 

Brunettis misanthropische Gedanken

Patta will Venedig besenrein machen und von allen Taschendieben befreien: Wenigstens für ein paar Tage, damit die Zeitungsartikel eines Journalisten ins Leere laufen, der sich mit dem kleinkriminellen Treiben von Roma-Banden beschäftigt und die Polizei von Venedig in ein schlechtes Licht rückt. Brunetti braucht dann – wie immer – viel Geduld und Fingerspitzengefühl sowie einige Vertraute, die Patta beruhigen und ihm in der Roma-Angelegenheit Sand in die Augen streuen, und die Brunetti dabei behilflich sind, das komplexe Geflecht aus kriminellen Fäden, emotionalen Verwicklungen und menschlichen Schicksalsschlägen in der Fadalto-Affäre zu entwirren.

Aber wenn Brunetti abends müde und verschwitzt nach Hause kommt, wartet zum Glück nicht nur eine kalte Dusche auf ihn, sondern auch – wie immer – die Lektüre seiner geliebten griechischen Klassiker. Und natürlich hilft ihm auch – wie stets – Paola, seine kluge Gattin, bei einem Gläschen Wein den Sommer-Blues zu überwinden und den Fall gemeinsam aufzudröseln. Hoffentlich schickt also Donna Leon ihren Commissario nicht so bald in Rente. Wir würden ihn und seine misanthropischen Gedanken doch sehr vermissen. Bleibt nur noch eine Frage: Wann, bitte, dürfen wir endlich wieder nach Venedig?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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