Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen; © Thomas M. Müller / Faber & Faber
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Illustrierte Neuausgabe - Gottfried August Bürger: "Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen"

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Ein Mann erfindet sich ein Leben, wird durch seine Lügengeschichten unsterblich und hinterlässt überall Spuren: in Literatur, Film und Theater, Mathematik und Medizin. Von Münchhausen-Zahlen oder dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom haben vielleicht nur wenige gehört. Die abenteuerlichen Fantasien des fidelen Freiherrn aber gehören zum kulturellen Allgemeingut.

Am 11. Mai 1720, wird Münchhausen auf einem Gutshof, den man nur mit Mühe als Schloss bezeichnen kann, in Bodenwerder an der Weser geboren. Zum 300. Geburtstag erscheinen die "Wunderbaren Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen" in einer illustrierten Neuausgabe.

Die geschichtliche Person und ihre Erlebnisse

Über den historischen Münchhausen weiß nicht allzu viel. Denn er war kein Schriftsteller und kein Biograf und hat keine einzige seiner Lügengeschichten aufgeschrieben, hat sie aber im Kreise seiner Freunde immer wieder gern erzählt. Sie wurden ihm dann vom Munde abgelauscht, weitererzählt und aufgeschrieben. Münchhausen war eines von acht Kindern eines Landadligen. Er wurde früh in die Welt hinausgeschickt, musste sich als Page und Soldat verdingen.

Weil die Münchhausens entfernt mit dem russischen Zaren verwandt waren, zog es ihn nach St. Petersburg und ins Livland, dem heutigen Lettland. Seine lettischen Austritte und Jagderlebnisse schmückt er in seinen Lügengeschichten genauso aus wie seine Teilnahme am russisch-türkischen Krieg: Wenn er (in seinen Lügengeschichten) mit seinem Pferd im lettischen Sumpf versinkt und sich und am eigenen Schopf wieder herauszieht; oder wenn er auf einer Kanonenkugel über die türkischen Stellungen fliegt und mitten im Flug auf eine andere Kanonenkugel umsteigt, um in die russischen Stellungen zurückzufliegen, dann findet man darin ein klitzekleines ironisches Fünkchen Wahrheit.

Nach seiner Rückkehr aus kriegerischen Diensten hat er bis ins hohe Alter auf seinem Landgut bei Bodenwerder allen, die es hören wollten, von seinen Abenteuern erzählt. Dass manche seiner Zuhörer sich bedienten und seine Geschichten veröffentlichten, hat ihm aber nicht so gut gefallen: schon, weil er von den Einnahmen keinen Cent gesehen hat. Das Geld hätte er aber nach einer peinlichen Affäre und ruinösen Scheidung gut gebrauchen können. 

Bürger hat noch weitere Abenteuer dazu erfunden

Gottfried August Bürger ist zwar nur einer von vielen Autoren, die Münchhausens Lügenmärchen aufgeschrieben und veröffentlicht haben, aber er ist wohl der bekannteste Autor, und seine zuerst 1786 veröffentlichte Geschichtensammlung, die er später mehrfach erweiterte, ist bis heute der Referenzpunkt in Sachen Münchhausen. Seine Sammlung basiert auf den Lügengeschichten, die schon vor ihm der Bibliothekar und Gelehrte Rudolf Erich Raspe aufgeschrieben hatte.

Raspe war oft zu Gast bei Münchhausen und kannte dessen Märchen, er war aber auch ein Dieb und hoch verschuldet, musste vor seinen Gläubigern nach England fliehen und brauchte dringend Geld, also hat er Münchhausens Lügengeschichten über dessen Erlebnisse in Lettland und Russland ins Englische übersetzt und sie noch um einige völlig frei erfundene Seeabenteuer erweitert, die Münchhausen mal bis nach Ceylon, mal bis ins Eismeer und nach Grönland führen.

Bürger hat die von Raspe aufgeschriebenen Lügenmärchen ins Deutsche zurückübersetzt und noch ein paar weitere Abenteuer dazu erfunden. Wenn wir applaudieren, wenn Münchhausen mit seinem Pferd durch eine fahrende Kutsche springt; wenn wir ihn bewundern, wie er seine silberne Axt so weit wirft, dass sie auf dem Mond landet und er dann auf einer Bohnenanke hinaufklettert, um die wertvolle Axt zurück zu holen; wenn wir miterleben, wie er - nach einer plötzlichen Schneeschmelze - sein hoch oben an einem Kirchturm festgebundenes Pferd befreit, dann hören wir das, was Bürger aus den Münchhausens Geschichten gemacht hat.

Anarchie und Eitelkeit

In der Geschichte der Lügenmärchen, die mit Lukian von Samosata begann, haben Münchhausens Lügengeschichten immer noch einen herausragenden Wert. Weil sie so offensichtlich gegen jede physikalische und biologische Logik verstoßen und allen spießigen Konventionen und arroganten Herrschern die Zunge zeigen, haben sie auch immer noch etwas Aufmüpfiges und Freigeistiges.

Aber es ist mit den Lügenmärchen wie mit opulenten Speisen: man sollte nicht allzu viel davon kosten, sonst bekommen sie einem nicht! Wenn man sie in einem Stück liest, stoßen einem doch manche Dinge unangenehm auf. Das Frauenbild ist kaum zu ertragen: Frauen sind immer nur nettes Dekor und willige Objekte von Münchhausens männlicher Begierde. Und die Gewalt, die Münchhausen als Jäger und Soldat ausübt, ist notorisch: immer erlegt er mit einem Schuss gleich unzählige Tiere und mit einer Kanonenkugel unzählige Feinde. Der Tod ist sein Geschäft, Mitleid kennt er nicht, im Gegenteil, meistens macht er sich auch noch über seine tumben Opfer, die es nicht besser verdient haben, lustig.

Und schließlich seine Eitelkeit: immer wird Münchhausen umschwärmt, beschenkt und geliebt. Und wenn er einmal in Gefangenschaft gerät, gelingt ihm die Flucht auf heldenhafte Art und unter Mitnahme eines Goldschatzes. Natürlich ist das alles mit Charme und Ironie gewürzt, ein wenig irritierend und abstoßend bleibt es aber allemal.

Comicartige Illustration aus Leipzig

Die Neuausgabe ist illustriert mit Bildern des an der Hochschule für Gestaltung und Buchkunst in Leipzig lehrenden Thomas M. Müller. Die Bilder sind im Stile eines bunten Comics gehalten und sie erzählen die Lügenmärchen als Theatergeschichte.

Am Anfang steht ein geschlossener, roter Vorhang, dahinter dann - übers Buch verteilt - schrille Comics, die uns die alten Märchen als Theater-Farce neu erzählen. Münchhausen hat nichts mehr vom launigen Hans Albers aus dem alten UFA-Film oder vom kessen Jan Josef Liefers aus der kürzlichen ARD-Version.

Müllers Münchhausen ist ein spilleriger Don Quixote, ein Ritter von der traurigen Gestalt, der seine Lügen mit einem Dauergrinsen weg lächelt, ein Schauspieler, der sich aus dem Theater-Fundus immer wieder neue Masken holt und sich mit bizarren Fantasie-Figuren umgibt. Traditionalisten werden sich vielleicht mit Grausen abwenden, aber wer es gern etwas absurd mag, der wird bei den assoziativen Illustrationen auf seine Kosten kommen - und so vielleicht auch manche Entgleisung und Eitelkeit des alten Textes besser ertragen. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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