Henry D. Thoreau: Walden; Montage: rbbKultur
Bild: Manesse Verlag

Überarbeitete Neuausgabe - Henry David Thoreau: "Walden oder Vom Leben im Wald"

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Im Sommer 1845 verschwindet ein Mann im Wald. In seinen Taschen ein paar Notizhefte und Stifte, Fernglas, Mikroskop, Taschenmesser. Er hat sich nahe dem "Walden Pont" bei Concord in Massachusetts ein kleines Holzhaus gebaut. Jetzt will er dort für einige Zeit wohnen, Ackerbau betreiben, lesen, schreiben, die Natur beobachten.

Er wird zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage bleiben und über sein "Leben im Wald" ein Buch schreiben: "Walden" ist ein erstaunliches Werk, wird immer wieder neu aufgelegt und hat den mit nur 44 Jahren verstorbenen Autor Henry David Thoreau wahrscheinlich unsterblich gemacht. Jetzt ist eine überarbeite Neuausgabe im Manesse Verlag erschienen, sie zeigt: "Walden" hat kein Verfallsdatum, weil Thoreau sein Selbst-Experiment mit einer radikalen Gesellschaftskritik und seine Erlebnisse mit politischen und philosophischen Überlegungen verbindet und eine faszinierende und bedenkenswerte Utopie entwirft.

Ein Plädoyer für Nachhaltigkeit

Thoreau verschwindet nicht an irgendeinem beliebigen Tag im Wald und wird zum Naturphilosophen und Zivilisationskritiker, sondern am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, genau das wollte Thoreau sein: unabhängig, frei von Bevormundung und Konvention, finanzieller Verpflichtung, staatlicher Willkür.

Weil er den Krieg und die Sklaverei verabscheut, wird er dem Staat auch die "Kopfsteuer" verweigern, dafür ins Gefängnis wandern und ein Buch über die "Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" schreiben, eine Art Bibel des zivilen Widerstands und der Bürgerrechtsbewegung, die Ghandi genauso inspiriert hat wie Martin Luther King.

Sein "Walden"-Buch ist eine flammende Anklage gegen den Materialismus, ein Plädoyer für Nachhaltigkeit und einfaches Leben, eine Absage an den Kommerz, eine Warnung vor den Grenzen des Wachstums.

Er will nur so viel arbeiten, wie man braucht, um auskömmlich zu leben, er will keine Möbel, Kleidung und Gegenstände anhäufen, die sowie so nur als Gerümpel auf dem Dachboden landen, er verabscheut die Reiselust und plädiert dafür, doch lieber zu Hause zu bleiben - und schreibt: "Es lohnt sich nicht, rund um die Welt zu reisen, nur um die Katzen in Sansibar zu zählen." Er wettert gegen fortschreitende Industrialisierung, fordert eine Rückbesinnung auf die Natur einen Werte-Kanon, der durch Kultur und Bildung geprägt ist: Simplify your life! Small is beautiful! Was könnte heute, in Zeiten von Corona und Globalisierung, Kapitalismus- und Klimakrise, aktueller sein? 

Naturerlebnisse werden in Transzendental-Philosophie verwandelt

Der Naturphilosoph und Zivilisationskritiker verbringt seine Tage mit Nichtstun, mit Nachdenken, Lesen, Schreiben, Beobachten: Er zimmert an seinem Holzhaus und baut sich für den Winter einen Kamin, beackert nur ein kleines Feld mit Gemüse und Früchten, ist Selbstversorger, verzichtet, um Geld zu sparen, auf teures Werkzeug.

Er döst viel in der Sonne, badet jeden Morgen im "Walden"-See, wandert ab und zu ins nächste Dorf, um einzukaufen oder - gegen Bezahlung - kleinere Arbeiten zu verrichten. Er beobachtet stundenlang die Tiere des Waldes, Eulen und Habichte, Mäuse und Kröten, Eichhörnchen und Ameisen. Er ist Autodidakt, beschreibt aber Flora und Fauna auf so einfühlsame Weise, dass man die Farbe des "Walden"-Sees und die am Himmel vorbeiziehenden Wolken zu sehen und den Gesang der Vögel zu hören glaubt.

Manchmal empfängt er ein paar Gäste und Freunde, doch eigentlich ist er am liebsten allein: aber er ist nicht einsam, sondern erfüllt vom Überschwang seiner Gedanken und seiner Lektüre, was ihn ständig dazu verleitet, seine konkreten Naturerlebnisse in eine Art Transzendental-Philosophie zu verwandeln und - ganz nebenbei - die Werke der griechischen und römischen Klassik, der indischen und chinesischen Mystik und seiner Freunde Ralph Waldo Emerson und Nathaniel Hawthorne herbei zu zitieren. 

Anregung zum Mit- und Nachdenken

Thoreau erzählt in einer gelegentlich bizarren Mischung aus verträumter Schwärmerei und intellektueller Belesenheit, sprachlicher Komplexität und stilistischer Überforderung. Er predigt zwar das einfache Leben, aber seine Gedanken und seine Sprache sind alles andere als einfach, im Gegenteil. Ständig variiert er die Tonlage, benutzt unverständliche Metaphern und seltsame Bilder, fabuliert völlig frei drauflos, um im nächsten Moment kurz und knapp zu analysieren.

Er verliert sich in langen Schachtelsätzen, die von romantischer Naturbeschreibung umstandslos in politische Betrachtungen umschlagen. Manchmal wirkt die Sprache bemüht und grotesk, manchmal enthusiastisch und sensibel, manchmal nervt sie mit kühler Bildungshuberei, dann wieder nimmt sie einen emotional gefangen, bewegt und berührt den Leser.

Manchmal erscheint das Kleine ganz groß und das Große ganz klein, aber das alles hat Methode: Thoreau will uns zum Mitdenken und Nachdenken anregen, uns zum Widerspruch herausfordern, Poesie und Philosophie neu definieren und wird so zum Vorreiter dessen, was wir heute „Nature Writing“ nennen und mit Preisen überhäufen. 

Vollständige korrekte Übersetzung

Erschienen ist eine "überarbeitete Neuausgabe". Susanne Ostwald hat die 50 Jahre alte Übersetzung von Fritz Güttinger einer Total-Renovierung unterzogen: Alles Angestaubte und Biedermeierliche wurde moderat modernisiert, alles, was Göttinger freihändig und manchmal auch falsch übersetzt hat, wurde korrigiert. Beim Vergleich mit dem Original hat sich herausgestellt, dass Güttinger ganze Passagen, die ihm sprachlich unverständlich, ideologisch widersprüchlich oder politisch missliebig waren, einfach umgeschrieben oder ganz weggelassen hat.

Susanne Ostwald hat jetzt endlich den kompletten "Walden" übersetzt, auch die endlos mäandernden Satzgirlanden nicht einfach verkürzt, poetisch aufgeladen oder gedanklich versimpelt, sondern all das Üppige und Ausufernde als besonderes Stil-Mittel von Thoreau beibehalten und korrekt übersetzt. Auch die von Thoreau benutzen Werke, die vorher oft, ohne sie kenntlich zu machen in den deutschen Text einflossen, wurden jetzt als Zitate ausgewiesen und den Urhebern zugeordnet.

Es gibt endlich auch einen Anhang mit Anmerkungen und weiterführenden Hinweisen. Erst jetzt haben wir Thoreau vor uns, wie er eigentlich gedacht ist, erst jetzt können wir "Walden" richtig verstehen, auf seine zeitlose Aktualität überprüfen und für uns heute fruchtbar machen. Auch hat der Verlag bei Herstellung und Ausstattung des Buches auf Wertbeständigkeit und Nachhaltigkeit gesetzt und kompensiert produktionsbedingten Treibhausgas-Ausstoß durch finanzielle Förderung eines ökologischen Projektes: was will man mehr?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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