Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise in sechs Etappen © Manesse Verlag
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Erzählungen - Thomas Wolfe: "Eine Deutschlandreise in sechs Etappen"

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Der Amerikaner Thomas Wolfe, Autor weltweit großer, erfolgreicher Romane, hegte eine tiefe, aber ambivalente Liebe zum Deutschland der 1920er Jahre – eine Liebe, der er am Ende seiner letzten Reise nach Berlin 1936 für immer entsagte.

Wolfe, ebenso alt wie das Jahrhundert, starb jung: 1938, und erlebte nicht mehr, wie die Leute, denen er auf seinen Deutschlandreisen schon immer misstraut hatte, die Vernichtung nicht nur über Europa brachten.

Schon bei seiner ersten Reise fielen sie ihm auf: Die Männer mit den kahlgeschorenen Nacken voller Speckwülste und die zackigen Korporierten mit den Schmissen im Gesicht. Und da waren die singenden, grölenden Horden im kollektiven, primitiven Rausch. Allerdings: Dieser Rausch faszinierte ihn ebenso, wie er ihn abstieß.

Notizen, Briefe, Erzählungen

Auf verschiedene Weise versuchte Wolfe, Sohn eines deutschstämmigen Vaters, den vielfältigen und widersprüchlichen Eindrücken seiner sechs Deutschlandreisen gerecht zu werden: Er machte sich Notizen, manchmal nur in dürren Stichworten, manchmal in atemlosen und emotionalen Sätzen; er schrieb ausführliche Briefe von den verschiedenen Stationen seiner Reisen, vor allem an seine weltläufige ältere Geliebte Aline Bernstein; und er schrieb Erzählungen, die gewissermaßen das Kondensat aus den Notizen, Eindrücken und dem eigenen Befinden bilden.

Der Herausgeber Oliver Lubrich hatte die kluge Idee, aus schon länger publiziertem Material die relevanten Reisetexte herauszusuchen und zusammenzustellen. Manches ist neu übersetzt, vieles liegt auf Deutsch bereits vor, wie die Briefe und die Erzählungen.

Heimatgefühle

Die erste von Wolfes Reisen fand 1926 statt. Der junge angehende Autor, der außer ein paar Einaktern noch nichts zustande gebracht hatte, fuhr aus Paris, das er schon ein bisschen satt hatte, nach Deutschland hinüber und war von Anfang an tief berührt von den mittelalterlichen Stadtbildern, den Museen, der Musik und den Buchläden – aber auch von den Biertempeln, in denen schwergewichtige Menschen Unmengen Nahrung in fester und flüssiger Form zu sich nahmen. Er konnte kein Deutsch, sprach es aber trotzdem, und hatte das Gefühl zu verstehen und verstanden zu werden: Es musste das Blut sein, vertraute er seinen Notizen an, irgendwie schien er hier her zu gehören.

Unselige Liebe zu München

Er ärgerte sich über die französischen und britischen Besatzungssoldaten im Rheinland und genoss Theater- und Opernaufführungen, bewunderte die freundlichen, einfachen Leute für ihre Geduld und wunderte sich über so manches.

In die Stadt München verliebte er sich sofort. Eine unselige Liebe, denn bei einer späteren Reise, anno 1928, geriet er nicht nur für mehrere Tage in das Gewühl des Oktoberfests, sondern auch volltrunken, in eine zünftige Schlägerei, die ihm einen Krankenhausaufenthalt, eine leicht deformierte Nase, mehrere Narben auf dem Schädel und ein erschüttertes Selbstbild einbrachten. Am Ende hasste er Deutschland ebenso, wie er es um seine Kultur und seiner Architektur willen bewunderte - und war keine zwei Jahre später doch wieder da.

Letzte Station Berlin

Dann kam sein Durchbruch als Schriftsteller, vor allem in Deutschland, wo sein Roman "Schau heimwärts, Engel", der 1932 erschien, fast noch mehr gefeiert wurde als in den USA. 1935 wurde er in Berlins intellektuellen Kreisen – was davon noch übrig war – herumgereicht. Er genoss die Begegnungen, die Aufmerksamkeit und Bewunderung, politisch aber blieb er weitgehend blind, so sehr die Tochter des amerikanischen Botschafters, Martha Dodd, auch versuchte, ihm die Augen zu öffnen.

Erst bei seinem letzten Besuch, 1936, verstand er. Danach schrieb er die Erzählung "I Have a Thing to Tell You", in der ein jüdischer Flüchtling an der Grenze von einem specknackigen, kahlrasierten Grenzer aus dem Zug geholt wird. Er selbst, der Erzähler, durfte weiterfahren. Er kam nie wieder.

Katharina Döbler, rbbKultur

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