William Trevor, Letzte Erzählungen © Hoffmann & Campe
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Erzählungen - William Trevor: "Letzte Erzählungen"

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Der Tod ist in diesen "Letzten Erzählungen" des großen irischen Autors William Trevor allgegenwärtig. Er, der immer schon ein stiller, unaufdringlicher Erzähler war, scheint in diesen Texten nur noch zu flüstern. Die Melancholie der vergehenden Zeit war sein Arbeitsgebiet.

1928 in der irischen Grafschaft Cork geboren, lebte er mehr als 40 Jahren im englischen Devon, wo er 2016 starb. Hier, im englischen Süden zwischen London und der Kanalküste, sind auch die meisten seiner nachgelassenen Erzählungen angesiedelt. Sie spielen im ländlichen Raum, wo Abgeschiedenheit und Einsamkeit dominieren und Figuren heimisch sind, die die Höhepunkte ihres Lebens hinter sich haben.

So wie der verkrüppelte, alte Mann, der zwei Arbeiter anheuert, die die Fassaden seines Gehöfts streichen sollen. Doch ein paar Tage später ist er plötzlich weg, als hätte die Frau, die ihn pflegt und unter undurchsichtigen Verhältnissen bei ihm lebt, ihn verschwinden lassen. Oder wie die Übersetzerin, die jeden Vormittag mit ihren Manuskripten in einem italienischen Café sitzt. Dort bekommt sie Besuch von einer alten Freundin, deren Mann gerade gestorben ist.

Der Tote aber war einst, bevor er sich für die Freundin entschied, der Geliebte der Übersetzerin. Ihr Leben hätte anders verlaufen können ohne diesen Stachel des Verlassenwordenseins. Häufig ist es bei William Trevor so ein bleibender Schmerz, den seine Figuren sehr gut in sich verschließen. Um das sichtbar zu machen – den Schmerz ebenso wie eine rückwärtsgewandte Sehnsucht und das Gefühl der Vergeblichkeit – braucht er nur wenige Andeutungen.

Kunstvolle Reduktion auf das Wesentliche

Dass man ihn auch als "Bildhauer der Worte" bezeichnet hat, liegt daran, dass er unter dem Namen Trevor Cox tatsächlich Bildhauer gewesen ist. Beide Tätigkeiten sind eng miteinander verknüpft. So wie er eine Figur aus einem Holzblock herausschnitzen konnte, besaß er als Schriftsteller die Gabe, in einem Stoff die grundlegenden Strukturen zu erkennen und mit wenigen, knappen Beobachtungen ein ganzes Leben kenntlich zu machen.

Deshalb ist er trotz zahlreicher Romane vor allem als Autor von Kurzgeschichten berühmt geworden, in denen es um die kunstvolle Reduktion auf das Wesentliche geht. Auch seine "Letzten Erzählungen" umfassen kaum mehr als jeweils zwanzig Seiten. Doch wenn es in früheren Geschichten immer wieder um schicksalhafte Momente ging, in denen sich plötzlich ganz neue Lebensmöglichkeiten öffneten, die Trevors Figuren dann aber vorübergehen ließen, so liegt in den "letzten Erzählungen" tatsächlich alles schon hinter ihnen; ihre Wunden sind geschlossen.

Exemplarisch für diese Haltung ist der offenbar unter einer Form von Demenz leidende Mann um die Vierzig, der vergessen hat, wie er heißt und wo er herkommt und ratlos auf den Schlüssel in seiner Tasche starrt. Er wandert durch die Nacht einer Kleinstadt und landet in einer Kneipe, wo ihn eine Prostituierte abschleppt. Mit ihr an seiner Seite findet er zurück in ein Atelier voller Bilder. Es stellt sich heraus, dass er als Restaurator arbeitet, und die Frau bewundert die Sicherheit, mit der er diese Tätigkeit ausführt ohne nachzudenken.

Dieser Mann ohne Gedächtnis ist ganz und gar in sich geborgen. Er ist deshalb der einzige in diesem Buch, der schmerzfrei und womöglich sogar glücklich ist. Die Prostituierte aber nutzt die günstige Gelegenheit und raubt ihm das Geld, das er in einer Box unter der Diele versteckt hat, um es dort zu vergessen. Die Geschichte endet damit, dass sie, längst wieder zu Hause, ihre Tat bereut und beschließt, die Box zurückzubringen. Aber dann schläft sie ein, und eigentlich kann sie das Geld ja auch ganz gut gebrauchen.

Vermächtnis des großen Erzählers

Der Grundton der Vergeblichkeit prägt auch die Liebesgeschichte mit dem Titel "Ein Idyll im Winter". Ein Mann, schon lange glücklich verheiratet und mit zwei wunderbaren Töchtern gesegnet, kehrt in jenes einsam am Rande eines Moors gelegene Gut zurück, wo er als Student einen Sommer lang Hauslehrer der kleinen Tochter gewesen ist. Jetzt, für beide ein Leben später, finden sie endlich zueinander. Er verlässt seine Frau und die Töchter, doch so sehr beide auch für einander bestimmt zu sein glauben, so sehr er entschlossen ist, alles hinter sich zu, kehrt er doch eines Tages zu seiner Familie zurück.

Und sie, das nicht mehr ganz junge Mädchen, bleibt zurück in dem Gefühl, "dass die Liebe unverändert ist, dass sie so ist, wie sie war, (…) dass Liebe nicht verdorrt, dass sie weder langsam dahinsiechen noch zu etwas Gewöhnlichem werden wird." Im Schmerz der Verlassenen gibt es also einen Kern der Gewissheit und etwas, das bewahrt werden will. Das ist genau die Stelle im Menschen, für die Trevor sich interessiert und die er in all diesen "letzten Geschichten" umkreist. Deshalb handelt es sich tatsächlich um ein Alterswerk und um das Vermächtnis eines großen Erzählers.

Jörg Magenau, rbbKultur

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