Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch
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Philosophischer Roman - Jessie Greengrass: "Was wir voneinander wissen"

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Selten war die Suche nach Erkenntnis in so schöne Worte gekleidet. Die Ich-Erzählerin in Jesse Greengrass Debütroman sucht Antwort auf die Frage: Soll ich ein Kind bekommen? Doch dabei geht es ihr nicht um ein einfaches "ja" oder "nein". Es geht ihr um Erkenntnis. Um die Frage des in der Weltseins.

Ja, das klingt philosophisch und das ist es auch. Jesse Greengrass ist Jahrgang 1982 und hat in Cambridge und London Philosophie studiert. Dass dieses Buch mit der Genrebezeichnung "Roman" versehen ist, scheint irreführend. Vielmehr ist dies ein Essay, eine vorsichtig sanfte Tastbewegung durch das eigene Leben, bei der die Ich-Erzählerin die Lebensläufe berühmter und weniger berühmter Wissenschaftler*innen nachzeichnet.

Eine Reise des Zweifelns

Schon zu Beginn ist alles, was klassischer Weise einen Roman ausmacht vorweggenommen: Die Ich-Erzählerin verrät, dass sie bereits zum zweiten Mal schwanger ist, dass sie mit ihrem Partner eine liebevolle, stabile Beziehung führt. Alles, was Spannung, einen Plot oder Fallhöhe aufbauen könnte, ist also bekannt. Und trotzdem schickt Jesse Greengrass ihre Leser*innen auf eine Reise. Eine Reise des Zweifelns, des Blinzelns, des mutigen Blickens.

Wunderbar mäandernd verbindet sie die Geschichte der Ich-Erzählerin mit der von Persönlichkeiten wie den Brüdern Lumière, den Anatomen John und William Hunter oder Wilhelm Conrad Röntgen. Automatisch versucht man beim Lesen den Zusammenhang zum Erzählstrang der Ich-Erzählerin herzustellen. Doch so einfach ist das nicht. Als sie sich zum Beispiel daran erinnert, wie die eigene Großmutter sie einer Psychoanalyse unterziehen wollte, erzählt sie parallel von der Beziehung zwischen Sigmund Freud zu seiner Tochter Anna. Der Begründer der Psychoanalyse behandelte sie, die sich ihrem Vater völlig hingab und später zu seiner Erbin und Anwältin werden sollte.

In wunderschönster Sprache

Doch eine Erkenntnis ergibt sich aus dem Nebeneinander dieser Geschichten nicht. Eher ist es eine Art "geistiger Gummitwist", den einem die Autorin zumutet. Und das in wunderschönster Sprache. Das Grundgefühl beim Lesen dieses "Romans" findet sich vielleicht in ihren eigenen Worten: "Ich verlor jegliches Zeitgefühl, bis es mir schien, als sei ich für immer in dieser Position gefangen, mein Kopf in seinem Käfig, die Knie auf dem Kissen – eine elastische Version von Ewigkeit."

Julia Riedhammer, rbbKultur

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