Steinmetz/Revkin: Human Planet; Montage: rbbKultur
Bild: Knesebeck Verlag

Bildband - George Steinmetz, Andrew Revkin: "Human Planet"

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Zwei US-Amerikaner, Fotograf George Steinmetz und Wissenschafts-Journalist Andrew Revkin, dokumentieren in einem Bildband den Fußabdruck des Menschen: "Human Planet. Wie der Mensch die Erde formt".

Mehr Wohnraum, mehr Energie, mehr Nahrungsmittel für eine ständig wachsende Weltbevölkerung. Der Mensch verändert die Erde Tag für Tag. Leider nicht zum Guten. Raubbau und Umweltverschmutzung, Erderwärmung und Klimakatastrophe sind die Folge. Immer mehr Wissenschaftler meinen deshalb, nicht mehr die Kräfte der Natur, sondern die Aktivitäten des Menschen bestimmen die Zukunft der Erde, sie sprechen vom Beginn eines neuen Zeitalters in der geologischen Geschichte unseres Planeten: des Anthropozäns.

Märchenhaft schön

"Human Planet" ist ein Buch, das uns die Erde in all seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit zeigt, ein Buch, das dokumentiert, wie märchenhaft schön sie aussieht, wenn man sie in Ruhe lässt, wenn Wüsten einfach weiter wandern und Wälder einfach weiter wachsen dürfen. Wie schrecklich-schön sie aber aussieht, wenn man sie industriell bearbeitet, aus trockenen Wüsten fruchtbare Äcker macht, aus einem grünen Wald eine staubige Piste, aus kleinen Städten gigantische Mega-Citys.

Aber die Fotos sind keine Reisen ins Herz der ökologischen Finsternis, sondern immer ästhetische Kunstwerke: Bildausschnitt, Farben, Stimmung, alles ist immer so arrangiert, dass man optisch überrumpelt und in den Bann gezogen wird. Fotograf George Steinmetz will nicht belehren oder missionieren, sondern mit seinen Fotos einfach nur dokumentieren, welchen Fußabdruck der Mensch, der sich die Erde untertan macht, auf unserem Planeten hinterlässt.

UDer vielfach preisgekrönten Wissenschafts-Journalist Andrew Revkin hat die Aufgabe, zu jedem Foto ein Mini-Dossier zu erstellen: was wir sehen, wie es dort früher aussah und wie es wohl in Zukunft aussehen könnte. Fotograf und Texter geben uns Material an die Hand. Wie wir es bewerten und welche Schlüsse wir ziehen – das müssen wir selbst entscheiden.

Blick in alle Richtungen

"George Steinmetz ist der „Über-Flieger" der Fotografie, er schwebt mit seiner Kamera über den Dingen, umkreist sie wie ein Vogel und versucht, die gigantischen Ausmaße eines Phänomens zu zeigen. Aber weil ihm das vom Flugzeug oder vom Helikopter aus zu schnell, zu unbeweglich  und vor allem zu teuer war, hat er sich in den Neunzigerjahren anlässlich einer Foto-Story, die er für "National Geographic" über die Zentral-Sahara machen sollte, ein eigenes, ultraleichtes Fluggerät zugelegt: einen motorisierten Gleitschirm mit einem Rucksackmotor. Mit diesem "fliegenden Gartenstuhl", wie er es nennt, kann er zwei Stunden in der Luft bleiben und hat einen fantastischen und ungehinderten Blick in alle Richtungen.

Im Laufe der Jahre hat er immer wieder dieselben Orte, Wüsten und Wälder, Städte und Bauten überflogen und wiederkehrende Muster des Landverbrauchs, der Entwaldung und Verstädterung hautnah beobachtet. Als er nach vierzig Jahren jetzt wieder über Nairobi flog, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: die Bevölkerung hat sich inzwischen verfünffacht, die Stadt ist ins Unermessliche ausgefranst.

Er überfliegt mit seinem "Gartenstuhl" unbewohnte Wüstenlandschaften, in Namibia fotografiert er im rötlich-orangefarbenen Abendlicht Megadünen, alte, gewaltig-große Sandkeile in der Wüste, von der Geologen glauben, es könnte die älteste der Erde sein. Was auf einem Foto aussieht, wie eine üppige grüne Weidelandschaft, ist in Wirklichkeit ein riesiger See, einer der größten Süßwasserspeicher Chinas, der noch vor wenigen Jahren herrlich blau schimmerte und jetzt, nachdem die Städte rundherum gewachsen sind und die Landwirtschaft industrialisiert wurde, ein einzige giftig-grüne Algen-Suppe geworden ist.

Am Toten Meer ragt ein Landungssteg mehrere Meter aus dem Wasser und steht wie ein altes Fabelwesen auf dem Trockenen, denn der Wasserspiegel des Sees fällt immer weiter. In Saudi-Arabien liegen riesige grüne Scheiben im Wüstensand, denn dort, wo eigentlich nichts wächst, werden jetzt Felder künstlich bewässert, von allerdings nur begrenzter Dauer, denn bald werden die Brunnen erschöpft sein und die grünen Felder werden wieder im Wüsten-Sand versinken.

In Bangladesh erkennen wir aus der Vogelperspektive Menschen, die durch eine braune Wasserbrühe waten, um zu ihren Dörfern und Häusern zu gelangen, die regelmäßig überflutet werden und die es schon bald, wenn der Meeresspiegel weiter ansteigt, nicht mehr geben wird.

Und wenn man das graue, düstere Bild von Coffey Park, einem Vorort von Santa Rosa in Kalifornien, sieht, denkt man an Armageddon oder einen Atomkrieg: Nichts ist vom Ort übrig geblieben, nachdem eine Feuerwalze hindurchgerast ist und darauf hinweist, dass mit den steigenden Temperaturen des Klimawandels auch die Häufigkeit und das Ausmaß der Waldbrände in den USA noch zunehmen werden.

Aus Fehlern lernen

Auf dem Cover des Buches erkennt man eine riesige Wasserfläche, auf der dünne Wiesen und Häuser zu schwimmen scheinen: Es ist eine Gegend bei Wijdemeren in Nord-Holland. Dort wurde hunderte Jahre lang Torf abgebaut. Das Ergebnis dieses Raubbaus sind ausgedehnte, eingesunkene, von Wasser überschwemmte Gebiete, die nur noch von schmalen Landstreifen durchzogen werden. Auf diesen Inselchen stehen jetzt teure Ferien-Immobilien, die man nur mit dem Boot erreichen kann.

Der Mensch kann also die Natur nicht nur zerstören, er kann sie auch wieder anders und neu nutzen. Das lässt mich fast hoffen, dass Jonathan Franzen vielleicht doch nicht ganz recht hat. Franzen hat ja gerade gesagt. "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?": Die Zeit ist abgelaufen, wir haben es vergeigt, der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten, es kommt nur noch darauf an, die Klimakatastrophe abzufedern und hinauszuzögern.

Vielleicht ist der Mensch ja doch in der Lage, sich zu ändern, aus Fehlern zu lernen und das Anthropozän dazu zu nutzen, den Planeten wieder bewohnbar zu machen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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