Dotan Saguy: Nowhere to Go but Everywhere © Kehrer Verlag
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Bildband - Dotan Saguy: "Nowhere to Go but Everywhere"

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In Krisenzeiten verlieren immer mehr Menschen ihre Arbeit und ihre Wohnung. Einer Schätzung zufolge leben allein in Los Angeles über 16.000 Menschen in ihren Autos. Auch die fünfköpfige, aus Brasilien stammende Familie Reis. Der Fotograf Dotan Saguy hat sie kennengelernt und monatelang mit seiner Kamera begleitet.

In Zeiten der ökonomischen und ökologischen Krisen verlieren immer mehr Menschen ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie leben auf der Straße oder in wechselnden Unterkünften. Für manche wird das unbehauste Umherziehen aber auch zu einer Lebensphilosophie. Einer Schätzung zufolge leben allein in Los Angeles über 16.000 Menschen in ihren Autos. Auch die fünfköpfige, aus Brasilien stammende Familie Reis. Der Fotograf Dotan Saguy hat sie zufällig kennen gelernt und monatelang mit seiner Kamera begleitet. Das Ergebnis seiner fotografischen Recherchen und seiner Gespräche mit der in einem alten Schulbus lebenden Familie präsentiert er in seinem Buch „Nowhere to go but Everywhere.“

Teilnehmender Beobachter

Der Titel ist ein künstlerisches und philosophisches Statement: er zitiert den Urvater der Beat-Generation herbei, Jack Kerouac, der mit dem Kult-Buch "On The Road" das Unterwegs-Sein zur einzig wahren Form sinnenhaften Lebens verklärt hat. Das ganze Zitat heißt bei Kerouac "There was nowhere to go but everywhere, so just keep on rolling under the stars", also sinngemäß: Wenn du nirgendwo hingehörst, kannst du überall hingehen, hau einfach ab und such dein Glück unterm Sternenhimmel. Genau das hat die Familie gemacht: sie ist losgefahren, ist immer unterwegs, und bei einer Zwischenstation in Los Angeles hat Dotan Saguy sie getroffen. Saguy, der selbst ein nomadisches Leben führt, in einem israelischen Kibbuz aufwuchs, eine zeitlang in Paris wohnte, dann als junger Künstler nach Amerika ging, ist für seine Straßen-Fotografie bekannt, er hat in vielen bekannten Zeitschriften veröffentlicht und für seine dokumentarischen Arbeiten schon viele Preise eingeheimst. Da sind sich Wesensverwandte begegnet, das spürt man beim Betrachten der Fotos sofort: Der Fotograf ist kein Voyeur, sondern teilnehmender Beobachter, er und die Subjekte seiner künstlerischen Neugier agieren auf Augenhöhe, sie vertrauen ihm, haben nichts dagegen, dass er ihnen fotografisch auf die Pelle rückt, herausfinden will, was sie bewegt und antreibt.

Grund, in einem Bus zu leben und unterwegs zu sein, war nicht, weil sie keine Arbeit, kein Geld und keine Wohnung mehr hatten: ihnen ging es materiell einigermaßen gut, aber ihnen war der Sinn des Lebens abhanden gekommen. In Brasilien waren sie zwar nicht privilegiert, aber auch nicht arm, Ismael und Graciela haben beide studiert, sie hat als Schauspielerin, er als Lehrer gearbeitet, aber ihr Traum war immer ein Leben in absoluter Freiheit, am besten ein Leben in den USA. Doch als sie dort mit ihren drei kleinen Kindern ankamen und sich im Mittleren Westen mit irgendwelchen Jobs über Wasser hielten, konnten sie ihr Glück nicht finden, auch ihre Religion - sie sind, oder besser: sie waren Mormonen - erwies sich als moralische Zwangsjacke, die es abzustreifen galt. Also verließen sie ihre Religions-Gemeinde, kappten alle Bindungen und kauften sich den alten Schulbus, bauten ihn zu einem Wohn-Vehikel um und fuhren los, um einen alternativen Lebensstil zu verwirklichen. Ihre Kinder unterrichten sie selbst, und wenn ihnen das Geld ausgeht, jobben sie ein paar Tage als Verkäufer, Kellner, Auto-Mechaniker, Aushilfs-Lehrer. Sie haben unterwegs alles erlebt, wurden beklaut und angefeindet, aber die schönsten Geschichten, die sie erzählen, beginnen mit den Worten: Als unser Auto irgendwo im Nirgendwo eine Panne hatte, passierte Unglaubliches! Wenn sie es am wenigsten erwartet hatten, wurde ihnen mitten in der Prärie oft von den vermeintlich rassistischen Weißen geholfen, ihr Bus abgeschleppt, ihnen Geld und Essen zugesteckt. Diese Auskünfte hat Saguy als optische Appetit-Häppchen und Text-Schnappschüsse in seinen Fotoband geschmuggelt, sie auf kostbares Silber-Papier gedruckt, mit Blumen-Ornamenten verziert. Allein diese Blätter sind schon eine Augenweise und ein kleines künstlerisches Wunderwerk.

Momentaufnahmen

Wenn Saguy fotografiert, macht er sich unsichtbar, er stört nicht, sondern gehört einfach dazu: Wenn er die Kinder beim Herumtoben ablichtet, hat man das Gefühl, er tobt mit und zückt nur mal schnell nebenbei seine Kamera. Wenn er die Familie beim Kochen und Essen fotografiert, scheint er beim Zubereiten der Mahlzeit zu helfen und mit am Tisch zu sitzen. Wenn die Familie abends im Bett kuschelt, scheint er mit zu kuscheln. Wenn die Kinder über ihren Schulbüchern hocken, scheint er sie zu beaufsichtigen. Wenn Ismael loszieht, um einen Job zu finden, ist Saguy dabei. Wenn Graciela auf dem Flohmarkt alte Kleidung abstaubt und zu schicken Vintage-Klamotten umarbeitet, die sie am Venice-Beach teuer verkaufen kann, schaut er stauend zu. Er fotografiert den normalen Alltag, nichts ist Pose, nichts ist gestellt, niemand schaut eigens in die Kamera oder lächelt verkniffen. Saguy ist ganz nah dran, nimmt immer nur kleine Ausschnitte der Wirklichkeit in den Fokus: wie die Mutter den Kindern die Haare macht, wie die Kinder mal ausgelassen kichern, mal bockig sind, wie sie den Bus bemalen und auf dem Auto herumkrabbeln, wie die Eltern sich liebevoll in den Arm nehmen und sich geduldig mit ihren Kindern beschäftigen, wie sie abends müde, aber zufrieden ins Bett fallen. Es sind Momentaufnahmen, dem Zufall geschuldet, manchmal verschwommen und wie im Vorbeilaufen geschossen, immer improvisiert, dokumentarisch, authentisch, ehrlich, ohne Wertung, offen für Interpretationen und Geschichten, die wir uns als Beobachter selbst zusammen reimen können. Die Bilder sind nicht farbig, sondern schwarz-weiß: so können wir uns besser auf scheinbare Nebensächlichkeiten konzentrieren und unserer Fantasie freien Lauf lassen.

Welche Zukunft die im Schulbus lebende Familie haben könnte, können wir erahnen, denn einmal sagt Ismael: "It´s a one-way road", ihr jetziges Leben sei eine Einbahnstraße, wenn man einmal die Freiheit gekostet hat, könne man nicht mehr davon lassen, auch wenn die Freiheit oft hart erkämpft und meistens ziemlich ärmlich ist. Wenn Ismael auf dem vorletzten Foto des Bandes mit den Kindern auf dem Dach seines Busses steht und von einem Hügel herab auf die nächtliche Skyline von Los Angeles schaut, kann man sich auch kaum vorstellen, dass er je wieder dort unten in die Anonymität des Häusermeers und der Menschenmassen eintauchen, ein genormtes Leben mit geregelten Arbeitszeiten und festem Wohnsitz führen wird. Er und seine Familie haben gefunden, wonach andere ihr Leben lang suchen: das Paradies.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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