Fang Fang: Wuhan Diary © Hoffman & Campe
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Tagebuch - Fang Fang: "Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt"

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Covid-19 hat die Welt durcheinandergewirbelt, und die neun Millionen Einwohner der chinesischen Stadt Wuhan gehörten zu den ersten, die es am eigenen Leib erfahren mussten. 76 Tage, von Ende Januar bis Anfang April, war die Metropole vollständig abgeriegelt und das Leben einem rigiden Shutdown unterworfen.

Eine, die dabei war, hat jetzt ein Buch veröffentlicht: Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang lebt in Wuhan und schrieb während des Lockdowns ein vielgelesenes Online-Tagebuch, das auch politischen Zündstoff bietet. "Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt" ist vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienen.

Ein Stück Zeitgeschichte, wie wir es so noch nicht hatten, ist dieses Buch gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen natürlich, weil die vollständige Abschottung einer solchen Riesenstadt ein historisches Novum ist. Hier ist Fang Fang ein ganz großer Stoff zugefallen. Zum anderen, weil es offenbar zum Ton unserer Zeit gehört, solchen schicksalshaften Herausforderungen erst einmal mit banalen Herzausgießungen zu begegnen.

Im Überschwang ausschmückender Wörter

Fang Fang ist eine einflussreiche und angesehene Romanautorin, aber das merkt man ihrem Tagebuch über weite Strecken leider kaum an. Vor allem anfangs herrscht ein Überschwang der ausschmückenden Wörter, eine Lust an der trivialen Übertreibung vor. Etwas ist nicht "ernsthaft", sondern "extrem ernsthaft", nicht "schnell", sondern "rasend schnell". Man ist nicht "angespannt", sondern "panisch angespannt", nicht "glücklich", sondern "überglücklich". Eine 65-Jährige mit dem Wortschatz einer 16-Jährigen?

Gewiss, der Text ist aus dem Chinesischen übersetzt, das Original kann der Rezensent nicht bewerten. Aber die Übersetzung ist in sich schlüssig, und so ergibt sich ein vermutlich recht aussagekräftiges Gesamtbild.

Natürlich ist ein Blog kein Roman und besitzt wie jede Textgattung eine eigene Ästhetik. Fang Fang schreibt selbst: "Mir gefällt das direkte Schreiben im engen Rahmen eines Blogs, dort kann ich ungeniert drauflos tippen (genau dieses Gefühl von Unbekümmertheit ist es, was ich anstrebe), schreiben, was und wie es mir gerade einfällt."

Die Autorin wächst mit ihrer Aufgabe

Aber unbekümmert drauflos zu tippen hat seine Grenzen, wenn es Grund zur Bekümmerung gibt. Und der existiert hier reichlich: Die menschenleeren Straßen mit ihren traurig-festlichen Neujahrsdekorationen, die Kranken, die von Spital zu Spital durch die Stadt irren, das behinderte Kind, das zu Hause verhungert, weil der alleinerziehende Vater in Quarantäne gesteckt wurde ...

Wenn wir Fang Fang glauben, dann lässt sich verdächtig vieles davon "nicht in Worte fassen", oder "nicht mit Worten beschreiben". Aber wäre gerade das nicht die Aufgabe der Chronistin gewesen?

Zum Glück wächst die Autorin mit ihrer Aufgabe. Der innere Ernst der Ereignisse findet nach und nach Eingang in ihren Text, beschwert ihn auf angemessene Weise. Vor allem in politischer Hinsicht positioniert sich Fang Fang deutlich und nachdrücklich. Hier findet sie einen Ton, der trägt.

Meist formuliert sie ihre Kritik entlang einer Linie, die auch die chinesische Regierung zeitweise zähneknirschend zugelassen hat: Dass es zwar zu schwerem persönlichem Versagen auf der lokalen Ebene gekommen ist, dass aber die Regierung in Peking letztlich klug und richtig handelt. Nach dem Motto: Der einzelne Funktionär kann irren, aber die Partei hat immer recht.

Ein interessantes Zeitdokument

Wenn man von solchen verständlichen Selbstbeschränkungen absieht, nimmt sie aber kein Blatt vor den Mund. Sie schreibt: "Neun Millionen Menschen einzuschließen ist beeindruckend, aber nichts, worauf man stolz sein kann. Wir müssen aufklären, wie es dazu gekommen ist." Kein Wunder, dass ihr Blog immer wieder gesperrt wurde.

Und auch die "Experten" kriegen ihr Fett weg: Sie hätten mit ihren leichtfertig verkündeten Schlussfolgerungen, dass eine Eindämmung und Kontrolle der Pandemie kein Problem seien, "ein himmelschreiendes Verbrechen begangen."

Mit Sätzen wie diesen könnte man inzwischen vielleicht sogar bei uns zum Dissidenten werden. Sie zeigen zudem, worin die Stärke dieses Buches liegt. Leider vernebeln vor allem in der ersten Hälfte des Buches allzu viele banale Details den Blick auf das Wesentliche und machen das Lesen des "Wuhan Diary" zu einer zähen Angelegenheit. Ein interessantes Zeitdokument ist dieser Ruf aus einer gesperrten Stadt dennoch.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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