Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt; Montage: rbbKultur
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Roman - Khaled Khalifa: "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt"

Viele syrische Oppositionelle haben ihrer Heimat und dem Regime des Assad-Clans den Rücken gekehrt, und das nicht erst seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Nicht so der Schriftsteller Khaled Khalifa, der nach wie vor in Damaskus lebt und das Geschehen in seinem Heimatland kritisch begleitet und kommentiert.

Sein Roman "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt", der im Original schon 2013 erschien, wurde jetzt ins Deutsche übersetzt. Darin erzählt Khaled Khalifa eine Familiengeschichte aus seiner Geburtsstadt Aleppo.

Wie so viele Familiengeschichten ist auch diese eine Erzählung vom Verfall. Der Roman thematisiert um den Niedergang einer bürgerlichen Schicht, die im Aleppo der fünfziger, sechziger Jahre noch sehr verbreitet gewesen sein muss. Sie hatte viele kulturelle Einflüsse aus den Zeiten der osmanischen und der französischen Herrschaft aufgesogen und war stolz auf ihre gehobene, weltoffene Lebensart.

Eine dysfunktionale Familie im Mittelpunkt

Mit dem Putsch der Baath-Sozialisten im Jahr 1963 geht es diesen Menschen an den Kragen. Die Melancholie, die sich unter ihnen breitmacht, prägt auch dieses Buch. Spätestens mit der Machtergreifung von Hafiz al-Assad im Jahr 1970 schwindet die letzte Hoffnung auf eine Rückkehr besserer Zeiten. Aus der Kulturmetropole Aleppo wird eine schmutzige Stadt voller grobschlächtiger Parteigenossen. Selbst der Wetterbericht im Fernsehen wird "wie die Ansage eines Kriegsausbruchs formuliert".

Doch der Roman ist nicht nur politisch motiviert. Er zeigt uns auch kein opulentes Gesellschaftspanorama, sondern stellt eine Familie in den Mittelpunkt, die man getrost als dysfunktional bezeichnen kann. Die Mutter des Erzählers, eine Lehrerin, träumt von einer heilen Familie, von Kindern, die manierlich am Esstisch sitzen, gepflegte Konversation betreiben und klassische Musik hören. Aber ihre Ehe mit einem Mann vom Dorf scheitert, weil dieser mit einer Amerikanerin durchbrennt, und ihre vier Kinder geraten auch nicht so bilderbuchhaft, wie sie sich das wünscht.

Starke und irritierende Sprachbilder

Als sie in ihre Heimatstadt Aleppo zurückkehrt, ist sie verbittert. Sie verkriecht sich in ihrem Haus, das anfangs noch am Stadtrand steht, mit freiem Blick über die Felder. Doch dann ziehen ärmliche Militärs und Bauern aus den umliegenden Dörfern hinzu. Schließlich stagniert das Leben in dem Haus fast völlig, die Mutter liegt nur noch da "wie brackiges Wasser".

Khaled Khalifa findet immer wieder solche starken, manchmal auch irritierenden Sprachbilder. Die stilistische Gestaltung ist eine Stärke von "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt". Sie entschädigt auch dafür, dass letztlich keine richtige Geschichte erzählt wird. Khalifa umkreist beharrlich, seine zehn, zwölf Figuren, am eindrücklichsten vielleicht die Schwester des Erzählers, die zum Entsetzen der Mutter eine Militärausbildung macht, dann aber sehr religiös wird und unter schwarzen Gewändern verschwindet.

Religiöser Fundamentalismus

Der Bruder, eigentlich eine sanfte Seele, geht einen ähnlichen Weg. Unter dem Eindruck von 9/11 schließt er sich einer Dschihadistengruppe an. Das weltoffene Bürgertum endet eine Generation später im religiösen Fundamentalismus.

Aus all diesen Episoden spricht eine sich zunehmend verdichtende, fast hypnotische Traurigkeit, der man schwer entziehen kann. Kein Zweifel: Diese Stimme aus Syrien ist es wert, gehört zu werden – auch wenn sie viel Trauriges zu erzählen hat.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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