Marcel Reich Ranicki: Mein Leben © Pantheon
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Wiedergelesen zum 100. Geburtstag - Marcel Reich-Ranicki: "Mein Leben"

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Er hat polarisiert, er hat polemisiert. Ob man ihn mochte oder nicht – an ihm kam keiner vorbei. Heute wäre der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hundert Jahre alt geworden. Eine gute Gelegenheit, seine Autobiografie "Mein Leben" wiederzulesen, die vor über zwanzig Jahren erschien.

Ich habe das Buch mit großer Neugier in die Hand genommen, und natürlich mit der typischen Reich-Ranicki-Frage: Taugt es etwas? "Mein Leben" erschien, als Reich-Ranicki auf dem Höhepunkt seines Ruhms stand. Ich hegte und pflegte damals, wie eigentlich jeder, meine Vorurteile über ihn. Im deutschen Literaturbetrieb, eigentlich in der gesamten deutschen Öffentlichkeit, war er eine fast überlebensgroße Figur.  

Etwa, als er den Deutschen Fernsehpreis kriegen sollte: Da gab es stehenden Beifall schon ehe er die Bühne betrat, minutenlang. Doch dann hat er den Preis abgelehnt. Natürlich hätte er vorab der Redaktion sagen können: Liebe Leute, euer Preis ist mir zu blöd, den könnt ihr einem anderen geben. Aber er wollte die große, die auftrumpfende Geste. Damit war er ein Teil des Showbiz, das er angeblich so sehr verachtete.

Knapp dem Ghetto entkommen

In "Mein Leben" kommt ein anderer Reich-Ranicki zu Wort, ein ernsterer, der weniger auf Showeffekte bedacht ist. Was dem Buch den Gravitationspunkt verleiht, seinen grundlegenden Ernst, das ist Reich-Ranickis Lebensgeschichte: die Geschichte eines neunjährigen jüdischen Jungen, den die Eltern aus der polnischen Provinz zu Verwandten nach Berlin schicken, um ihm eine gute Bildung zu ermöglichen.

Knapp zehn Jahre später schieben ihn die Nazis wieder ab. Er landet im Warschauer Ghetto, lernt dort seine spätere Frau Teofila kennen und überlebt mit knapper Not. Ende der fünfziger Jahre beschließt er dennoch, wieder nach Deutschland zu gehen. Aus Liebe zur deutschen Sprache und Literatur, wie er sagt.

Bücher haben ihm das Leben gerettet

Diese Geschichte erzählt Reich-Ranicki mit Einzelheiten, die einen – manchmal zumindest – frösteln lassen. "Bücher haben mir das Leben gerettet" sagt er, und das stimmt buchstäblich: Bei einer Säuberungsaktion im Ghetto entkommt er den Nazi-Häschern nur, indem er sich hinter Büchern verbarrikadiert.

Ein "großes Buch" ist "Mein Leben" dennoch nicht. Reich-Ranicki wusste seine Leser zu fesseln, er konnte Literatur für viele Menschen interessant machen. Aber ein großer Stilist und Kulturkritiker, ein Karl Kraus oder Egon Friedell war er nicht. Seine geschriebene Sprache ist eigentlich eine geglättete Übertragung seiner wörtlichen Rede, gesprenkelt mit behäbigen Wörtern wie "gleichwohl" oder "indes".

Der letzte deutsche Großkritiker

Man denkt sich die wohlkalkulierten Manierismen unwillkürlich dazu: das Lispeln, das rollende "R", den pathetisch-ironischen Überschwang der erhobenen Stimme, den wedelnden Zeigefinger. Reich-Ranicki hat – fast wie ein Comedian – diese Rollenfigur für sich entwickelt und perfektioniert. Als Kritiker ging es ihm sowieso nie nur um ästhetische Urteile oder eine schöne Sprache. Er wollte Schriftsteller in den Himmel heben, er wollte Schriftsteller stürzen.

Beliebt hat er sich damit nicht gemacht. Martin Walser hat einen gehässigen Schlüsselroman über ihn geschrieben, ein österreichischer Dichter hat ein ganzes Buch lang gegen ihn polemisiert. Aber eines ist mir im Rückblick klargeworden: Er war der letzte deutsche Großkritiker. Einen wie ihn wird es nicht wieder geben. Seine Lust am Widerspruch, an der steilen These, am lebhaften Streitgespräch – die vermissen wir heute schmerzlich.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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