Ann Petry: The Street; Montage: rbbKultur
Nagel & Kimche
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Zum Wiederlesen empfohlen - Ann Petry: "The Street"

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Ann Petrys Harlem-Roman ist das Buch, das alle lesen sollten, die begreifen wollen, was es heißt, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben.

Es ist kaum zu fassen, dass dieses Buch bislang hierzulande fast unbekannt war. Es erschien 1946 und wurde 1,5 Millionen Mal verkauft – sieben Jahre vor James Baldwins "Go Tell It on the Mountain" und vierzehn Jahre vor Toni Morrisons "Sehr blaue Augen". Es war Ann Petrys erster Roman, danach schrieb sie weitere Romane und Kurzgeschichten.

Die Straße als Schicksal

Die Straße, die dem Roman den Titel gab, ist die 116th Street in Harlem. Im Winter sind die Schneehaufen und der gefrorene Müll mit Ruß überzogen, im Sommer ist es in der Enge der baumlosen Straßen und in den engen, vollgestopften Häusern unerträglich heiß. Dorthin zieht die junge Lutie Johnson, nachdem ihr Mann sich eine andere Frau genommen hat, während sie als Hausmädchen bei reichen Weißen weit weg von zu Hause arbeitete.

Sie hat es inzwischen zu einem schlecht bezahlten Bürojob gebracht, und kann sich nun für sich und ihren 8-jährigen Sohn eine Wohnung leisten. Eine lausige, schäbige, kleine Wohnung in der 116th Street. Ihr Geld reicht gerade so für Essen und Miete und manchmal Kino, wenn sie sparsam ist. Es reicht eigentlich gar nicht. Ihr Sohn, Bubb, ist sich selbst überlassen, wenn sie arbeitet.

Perspektiven auf eine hoffnungsleere Zukunft

Lutie kämpft um ihre Würde, als Frau und als Schwarze, und es ist ein aussichtsloser Kampf. Ein glücklicher Ausgang ist so unwahrscheinlich wie ein Wechsel der Herkunft, der Hautfarbe und des Geschlechts. Und genau das ist die große Stärke dieses Romans: Im genauen Blick auf einen Alltag, der die Frauen demütigt und auslaugt und die Männer hilflos und wütend macht, offenbart er das strukturelle Elend einer rassistischen Gesellschaft.

Lutie ist nicht frei. Ihr Sohn ist nicht frei und ihre Nachbarn sind es auch nicht. Petry lässt auch sie sprechen, und erweitert damit die Perspektiven – und es sind allesamt Perspektiven auf eine blinde hoffnungsleere Zukunft.

Auch wer glaubt, schon furchtbar viel über Rassismus zu wissen, wie die Rezensentin, wird in diesem 75 Jahre alten Buch noch eine Menge dazulernen können. Zum Beispiel darüber, wie es sich anfühlt, in den Augen der Anderen Misstrauen und Missachtung zu lesen, Tag für Tag, ein Leben lang.

Katharina Döbler, rbbKultur

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