Charles Dickens: "Oliver Twist" © Diogenes
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Roman - Charles Dickens: "Oliver Twist"

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Am 9. Juni vor 150 Jahren starb der englische Schriftsteller Charles Dickens. Sein wohl bekanntestes Werk ist "Oliver Twist", das von 1837 bis 1839 als Zeitungs-Fortsetzungsroman herauskam. – Die Geschichte des Waisenjungen Oliver ist später mehrfach von Theater, Kino, Fernsehen und Comic adaptiert worden. – Frank Dietschreit empfiehlt: (Wieder)Lesen!

"Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit." Diese Zeilen gehören zu den berühmtesten ersten Sätzen der Weltliteratur. Charles Dickens hat sie an den Anfang seines historischen Romans "Eine Geschichte aus zwei Städten" gesetzt, der den Leser in die Wirren der französischen Revolution führt. Vor wenigen Tagen (am 9. Juni) hätte der britische Autor, der den sozialen Roman erfand, seinen 150. Todestag gefeiert. Warum seine Bücher bis heute unvergessen sind, kann man bestens an "Oliver Twist" ablesen, der Geschichte des Kindes, das in ärmsten Verhältnissen aufwächst und ein Geheimnis in sich trägt.

Der Roman ist unzählige Male für Theater, Film und Fernsehen bearbeitet worden, das Buch selbst aber haben die meisten wohl nie gelesen. Stattdessen sind Film-Bilder im Kopf, wie der kleine Oliver an eine kriminellen Diebesbande gerät und von Fagin, dem ruchlosen Chef der Bande, zum Taschendieb abgerichtet wird; wie der in Schmutz und Armut lebende Oliver von der Polizei geschnappt und bei einem Einbruch angeschossen wird; wie gutherzige Menschen ihn immer wieder aus dem Elend retten wollen und es nur unter größter Mühe und durch märchenhaften Zufall gelingt, ihn aus aus den Fängen von Fagin und Co. zu befreien, das Böse zu vernichten und Oliver seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen: nämlich als Erbe eines großen Vermögens einer glücklichen Zukunft entgegenzusehen.

Gesellschaftskritik an der frühkapitalistischen Ausbeutung

Dass Oliver in einer namenlosen Kleinstadt in Waisen- und Armenhäusern aufwächst, von Kirchendienern gedemütigt, an einen Sargtischler verkauft, von Pflegeeltern misshandelt, im Kohlenkeller eingesperrt wird, sich endlich entschließt, wegzulaufen und erst nach einer siebentägigen Odyssee in London eintrifft, kommt bei den meisten Adaptionen nur am Rande vor. Doch gerade die drastischen Schilderungen von Misshandlung und Kinderarbeit führten damals dazu, dass sich das englische Parlament mit dem Thema Armut und Kindeswohl auseinandersetzte. Dickens hat die Geschichte vom misshandelten Knaben, der aus purer Not zum Kriminellen wird, vor allem erzählt, um auf die aussichtslose Lage der gesamten arbeitenden Klasse in England aufmerksam zu machen, den Roman zur Gesellschaftskritik an der frühkapitalistischen Ausbeutung zu nutzen. Das äußert sich in bitterer sprachlicher Ironie und in bösartigem sozialen Realismus: Kirchliche und staatliche Stellen schauen weg, wenn in den Armen- und Waisenhäusern die Kinder gedemütigt und misshandelt werden; sie nehmen die Schwarze Pädagogik in Kauf, weil die Kinder armer Leute sowieso von Grund auf böse sind und irgendwann am Galgen enden werden. 


Süßlicher Kitsch und derbe Sozialkritik.

Wer - wie Oliver & Co - in Armut und Arbeitslosigkeit dahin vegetiert, in windschiefen Bruchbuden haust und auf holprigen Trampelpfaden voller Kot und Dreck durch die Stadt stolpert, kann nur überleben, wenn er kriminell ist und sich mit Gewalt ein Stückchen vom Kuchen der Reichen einverleibt. Und wer reich ist, Villen mit gepflegtem Vorgarten und großer Bibliothek besitzt, beruhigt sein schlechtes soziales Gewissen damit, dass er manchmal etwas Gutes tut und einen Knaben, der nicht ganz so dreckig und böse zu sein scheint wie seine kriminellen Kumpane, bei sich aufnimmt und ihn mit Bildung voll stopft. Das fällt umso leichter, wenn dieser Junge anfällig ist für die parfümierten Manieren der selbstgefälligen Lebensretter und ihnen das Gefühl vermittelt, ihm hafte ein Geheimnis an, er sei hier bei ihnen, in der Welt der Schönen und Reichen, eigentlich genau am richtigen Platz: Genau da wird der Roman zu einer sozialen Farce und einem politischen Märchen: Die Verhältnisse sind so grauenhaft, das Elend so groß, die Menschen so verlogen, dass eigentlich keine Rettung in Sicht ist, es sei denn, man sucht sein ironisches Heil in bizarren Verwicklungen.

Dass Oliver das uneheliche Kind eines reichen Mannes sein soll, seine Mutter im Kindbett und sein Vater bei einer Reise nach Rom verstarb; dass ein habgieriger älterer Bruder den kleinen Oliver um sein Erbe gebracht und ins Elend gestürzt hat und sich die Brüder ausgerechnet in der Londoner Unterwelt wieder begegnen; dass einer der reichen Retter in Oliver den verlorenen Sohn seines verstorbenen Freundes erkennt; dass Oliver eine vom Schicksal schwer gebeutelte Halb-Schwester hat, die um die Liebe ihres Lebens kämpft; dass sich das alles in Wohlgefallen auflöst, Oliver sein Erbe antreten kann und alle Bösen bestraft werden: das alles ist so unwahrscheinlich und märchenhaft, dass man Dickens nur bewundern kann, wie er die Balance findet zwischen süßlichem Kitsch und derber Sozialkritik.

Die beste Dickens Überstezung

Die Übertragung von Gustav Meyrink ist über 100 Jahre alt. Arno Schmidt sagte, es die "mit Abstand beste deutsche Dickens-Übersetzung. Sie ist fast vollkommen." Meyrink war eine merkwürdige Gestalt, hat sich mit Esoterik und  Parapsychologie, Metaphysik und Okkultismus beschäftigt, hat krumme Geldgeschäfte gemacht und seltsame Romane geschrieben, die heute, außer "Der Golem", zu recht vergessen sind. Aber bei seinen Dickens-Übersetzungen hat Meyrink ein feines Gespür für den schwarzen Humor und die soziale Drastik des Romans. Die Klassengegensätze und das vielfältige Palaver der Figuren, die bei Dickens in vielen Dialekten sprechen, bringt Meyrink zum Klingen, indem er ihnen eine jeweils eigene Sprache andichtet. Berliner Schnauze, Wiener Schmäh, Schwäbisches Säuseln, Bayrische Brummeln: Bei Meyrink schnattern die Leute, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. 

Und er zensiert auch nicht den Antisemitismus, der sich in diesem Roman sprachlich Bahn bricht: unzählige Male wird Fagin, die Verkörperung von Gier und Gemeinheit, im Roman gar nicht beim Namen genannt, sondern nur als "der Jude" bezeichnet. Meyrink beschönigt und verändert das nicht. Denn Roman und Autor kann man nur im Kontext von Zeit und Sprache verstehen. Wer das nicht nicht erträgt, sollte nach einer anderen, vom Antisemitismus gereinigten Übersetzung suchen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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