Christoph Hein: Ein Wort allein für Amalia; Montage: rbbKultur
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Erzählung - Christoph Hein: "Ein Wort allein für Amalia"

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In seiner neuen Erzählung "Ein Wort allein für Amalia" lässt Christoph Hein die letzten Tage des großen Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing Revue passieren. Die Stieftochter Maria Amalia steht dem schwerkranken Dichter, der im Fieberwahn zu sinnieren beginnt, zur Seite. Welche Gedanken gingen Lessing kurz vor seinem Tod durch den Kopf?

Maria Amalia war die Stieftochter von Gotthold Ephraim Lessing. Der große deutsche Aufklärer hatte 1776 die Witwe Eva König geheiratet, die vier Kinder in die Ehe mitbrachte, aber schon im folgenden Jahr, kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes, der nur zwei Tage lebte, am Kindbettfieber starb.

Lessing kümmerte sich um die hinterbliebenen Kinder. Amalia stand ihm am nächsten, so nah, dass man munkelte, er liebe sie ein wenig zu sehr. Christoph Hein nimmt das in seiner Erzählung "Ein Wort allein für Amalia" zum Anlass, Lessing dem zwanzigjährigen "Malchen" einen Heiratsantrag machen zu lassen. Doch da liegt er, grade mal 52 Jahre alt, im Sterben.

Amalia ist Ende Januar 1781 zu ihm nach Braunschweig gereist, wo er einen "Stickfluss" erlitt und nun im Haus des Weinhändlers Angott versorgt wird. Da er nachts deliriert und die Tochter mit der verstorbenen Frau verwechselt, ist nicht ganz klar, ob er noch ernst zu nehmen ist. Doch für Amalia ist der Heiratsantrag trotzdem beunruhigend. Sie liebt ihn ja ebenfalls, aber sie liebt ihn als einen Vater. Und wie könnte sie den Mann, der der Ehemann der Mutter gewesen ist, heiraten?

Minutiöser Bericht

Christoph Hein erzählt aus der Perspektive der inzwischen alt gewordenen Amalia, die sich in einem Brief noch einmal an Lessings Sterben zurückerinnert, obwohl sie im Lauf ihres langen Lebens schon so oft darüber Auskunft geben musste und mit all den neugierigen Journalisten, die zu Besuch kamen, keine guten Erfahrungen gemacht hat. Jetzt aber schreibt sie an die Tochter einer befreundeten Familie, und es scheint so, als läge all das, was bereits sechzig Jahre her ist, unerschütterlich und unvergessen in ihr bereit, so minutiös fällt ihr Bericht aus.

Demnach starb der von ihr verehrte Stiefvater weniger am Schlaganfall, als an einer großen Lebensmüdigkeit. Der Philosophie und Theologie ist er "gänzlich überdrüssig", der Literatur und Poesie kann er "nichts mehr abgewinnen". Sich selbst sieht er als einen, der es zwar zum Hofrat und Bibliothekar brachte, der aber den Schriftsteller dafür geopfert hat. Viel zu brav und zu verstaubt und allseits vernünftig ist das, was er hinterlässt, denn sein radikalstes, rücksichtsloses Werk, der als "Nathan"-Nachfolger und Gegenprogramm konzipierte "Derwisch", bleibt ungeschrieben.

So kann er nur von der Radikalität Spinozas schwärmen und mit fieberndem Blick davon träumen, was der "Derwisch" gewesen wäre: "Ein Mensch! Er erfüllt auch eine Pflicht, die Pflicht sich selbst gegenüber. Kennen Sie eine höhere?" Damit wäre er also wohl über die abwägende, kantianische Pflicht-Moral der Aufklärung hinaus geraten, in der das entschlossene Handeln gemäß der inneren Notwendigkeit der eigenen Leidenschaften und Projekte nicht vorgesehen gewesen ist. So muss Heins Lessing nun bekennen: "Ich war zu freundlich. Ich habe meinen Dornen Rosen angemalt."

Einfühlsame biografische Skizze

Es ist wohl genau diese Ambivalenz des unzufriedenen Aufklärers, dessen Vernunft bereits vom Fieberwahn umnebelt ist, für die Hein sich interessiert: das Ungenügen eines Intellektuellen an sich selbst. Er wollte über sich hinaus und scheiterte, doch in diesem Scheitern hinterließ er Werke, die zum festen Bestand der deutschen Literatur gehören.

Dass der Mensch zwischen stets trügerischen Hoffnungen und einer genauso falschen Verzweiflung hin und her geworfen wird, ist die andere Grunderkenntnis, die der durch die sozialistische Hoffnungs-Ära hindurchgegangene Chronist Christoph Hein mit seiner literarischen Figur Lessing verbindet. Aus dieser Nähe heraus ist ihm eine warme, einfühlsame biografische Skizze gelungen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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