Bernhard Schlink, Abschiedsfarben
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Geschichten - Bernhard Schlink: "Abschiedsfarben"

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Nur eine einzige Passion und Berufung zu haben, war Bernhard Schlink auf Dauer wohl zu profan und langweilig. Also fing der angesehene Jurist, der an der Universität Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie lehrte, irgendwann in der Freizeit an, sich als literarischer Autor auszuprobieren. Er schrieb zunächst ein paar Krimis, bevor er mit "Der Vorleser" einen internationalen Bestseller landete, der erfolgreich verfilmt wurde.

Inzwischen ist der emeritierte Jurist einer der auflagenstärksten und einflussreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. Jetzt hat er ein neues Buch mit dem Titel "Abschiedsfarben" veröffentlicht.

Das Wort "Abschiedsfarben" fällt an keiner einzigen Stelle. Der Titel soll auch nicht etwas Reales benennen, sondern ein Bild sein, das Gefühl ausdrücken, das über allen Erzählungen des Bandes liegt, die Schlink mit einem gewissen Understatement als "Geschichten" ausgibt. In allen neun "Geschichten" geht es darum, Abschied zu nehmen: von der verdrängten Vergangenheit, der fast vergessenen Kindheit, den schmerzlichen Lebenslügen, nicht eingestandenen Liebschaften, nicht eingelösten Wünschen, einem sterbenden Ehemann, einem toten Bruder.

Es geht darum, Rechenschaft abzulegen, loszulassen, weiterleben zu können, eben: von etwas oder jemandem Abschied zu nehmen, von einer Idee, einer Person, einer Schuld, einem Verlangen, einem Verlust, einem Verrat. Diese Abschiede sind Ausdruck verschiedener, oft diffuser Gedanken und Gefühle, wirken mal befreiend, mal melancholisch, mal sind sie voller Euphorie, mal voller Trauer, sie sind, um in dem Bild der "Abschiedsfarben" zu bleiben, mal grün, mal blau, mal rot, mal gelb, und manchmal sind sie auch schwarz wie der Tod.

Konfrontation mit der Vergangenheit

Die Vermutung, dass die Geschichten den Abschied des inzwischen 76-jährigen Autors von der literarischen Bühne einläuten könnten, trifft nicht zu. Schlink hat kürzlich in einem Interview betont, er wisse gar nicht, was ein Alterswerk sein soll, und von Aufhören könne keine Rede sein, im Gegenteil: er schreibe sogar bereits an einem neuen Buch.

Er hat nicht verraten, worum es in dem neuen Buch gehen wird, aber das braucht er auch gar nicht, denn seit dem "Vorleser" - und jetzt auch in den "Abschiedsfarben" - geht es bei Schlink immer um ein Generalthema: um die Konfrontation mit der Vergangenheit, die Aufarbeitung individueller und gesellschaftlicher Schuld, das Suchen und Wiederfinden verloren geglaubter Menschen und Ideale, und dass man nur sinnvoll weiterleben oder in Frieden sterben kann, wenn man sich Fehler und Versäumnisse eingesteht. Sich von Neid und Missgunst, Lug und Trug befreit und der Wahrheit ins Auge blickt, so schmerzhaft sie auch sein möge.

Beeindruckende Geschichte

Immer wieder wird die Erzählperspektive und Erzählhaltung gewechselt: Es gibt mal einen allwissenden, mal einen Ich-Erzähler, mal erzählt ein Mann, mal eine Frau, aber immer erzählt jemand, der in sehr reifem Alter auf sein Leben zurückblickt, oder jemand, der beobachtet, wie ein an der Schwelle zum Alter stehender Mensch plötzlich mit seiner Vergangenheit und seiner Sterblichkeit konfrontiert wird. Unter deutsch-deutschem Aspekt ist jene Geschichte ("Künstliche Intelligenz") besonders beeindruckend, in der ein ehemaliger Stasi-Informant von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

In der DDR war er ein angesehener Spezialist für Künstliche Intelligenz und Digitale Zukunft: Doch er schleppt einen Makel mit sich, er hat damals seinen besten Freund und klügsten Mitarbeiter an die Stasi verraten, als der in den Westen fliehen wollte; er wollte ihn als Freund und Kollegen nicht verlieren und hat zeitlebens seine schützende Hand über ihn gehalten, aber sich nie mit ihm offen ausgesprochen. Als jetzt die Tochter des verstorbenen Freundes eine Arbeit über Computer-Wissenschaft in der DDR schreibt und dazu auch die Stasi-Akten einsehen will, muss er endlich mit dem Verrat ins Reine kommen, Abbitte leisten und hoffen, dass der tote Freund ihm verziehen hätte. Die Tochter, das weiß er, wird ihm nie verzeihen.

Begegnung mit der alten Jugendliebe

Als Beispiel verfehlten Lebens und verlorener Träume, von denen es gilt Abschied zu nehmen, ist jene Geschichte ("Geschwistermusik") besonders herauszuheben, in der ein Musikwissenschaftler und -kritiker nach einem halben Jahrhundert seine Freundin aus Jugendtagen wieder trifft. Er, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, hatte sich damals in das Mädchen aus reichem Hause verknallt, durfte sie oft besuchen, doch ihr nie zu nahe kommen. Er hatte das Gefühl, sie benutze ihn nur, damit er sich um ihren Bruder kümmert, der nach einem Unfall im Rollstuhl saß und von Depressionen heimgesucht wurde.

Um sich von ihr und ihrem einnehmenden Wesen zu befreien, flieht er zum Studieren nach Amerika, bleibt dort viele Jahre, kommt erst im Alter zurück nach Deutschland. Die zufällige Begegnung mit seiner alten Jugendliebe bei einem Konzert in Berliner Philharmonie lässt alles Versäumte und Verdrängte wieder aufbrechen: Die beiden werden, mit 50 Jahren Verspätung, zusammen im Bett landen, doch es ist zu spät, es ist nur noch ein Abgesang und ein Abschied für immer.

Klischeehafte Erkenntnis

Schlink ist in den meisten Geschichten ein wunderbarer Erzähler, klar, knapp, kurz und ohne Schnörkel und Girlanden, doch einmal - in der Geschichte "Geliebte Tochter" - geht der oberlehrerhafte Zeigefinger und besserwisserische Kenner der Weltliteratur und Religionsgeschichte mit ihm durch: Von Max Frisch bis zur Bibel werden alle möglichen Parallelen und Verweise durchgespielt, um zu erzählen, wie ein Mann - ohne es zu wissen - mit seiner eigenen Tochter schläft und mit ihr ein Kind zeugt.

Die Tochter lebt in einer lesbischen Beziehung, will keinen Mann, aber unbedingt ein Kind: als keine Hormonbehandlung und künstliche Befruchtung anschlägt, schleicht sie nach einem feucht-fröhlichen Abend in sein Zimmer und überrumpelt den Mann, der im Halbschlaf glaubt, seine Ehefrau liege neben ihm und wolle ihn verführen. Weil aber seine Frau nicht eifersüchtig ist und seine Tochter glückliche Mutter wird, findet er sich mit dem Betrug ab und sagt: "So oft wird aus etwas Richtigem etwas Falsches. Warum soll nicht ebenso aus etwas Falschem etwas Richtiges werden können?" Mag sein, aber muss diese Erkenntnis literarisch so hochgestochen und dabei doch so kitschig und klischeehaft verpackt werden?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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