Verbote (in) der Kunst, © Bärenreiter-Verlag
Bärenreiter-Verlag
Bild: Bärenreiter-Verlag Download (mp3, 3 MB)

Diskurs Bayreuth - Katharina Wagner, Holger von Berg, Marie Luise Maintz: "Verbote (in) der Kunst"

Bewertung:

Wie wurde bzw. wird Kunst in ihrer Entfaltungsmöglichkeit eingeschränkt oder zensiert? Inwieweit gab oder gibt es in Sachen Kunstfreiheit Grenzen? Diesen Themenkomplexen hat sich ein Symposium im Rahmenprogramm der Bayreuther Festspiele 2018 gewidmet, deren zentrale Inhalte jetzt in Buchform erschienen sind.

Ausgangspunkt ist hier das Frageverbot in Richard Wagners Oper „Lohengrin“. Warum darf Elsa Lohengrin, mit dem sie immerhin verheiratet wird, nicht die Frage nach seiner Herkunft und seinem Hintergrund stellen?

Die Frage nach der Freiheit der Kunst ist aktueller denn je – eine Diskussion in dem Buch kreist um das Gedicht "Avenidas" von Eugen Gomringer – Stichwort "Sexismus-Streit" – das inzwischen von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entfernt wurde. Aber es geht u. a. auch um die Frage, wie frei ein Künstler tatsächlich noch sein kann, wenn er einen Auftrag erhält.

Bunte Runde

Eine bunte Runde aus Schriftstellerinnen, Komponisten und Journalistinnen ist hier versammelt, und alle versuchen, zu diesem komplexen Überthema Meinungen, Haltungen und Gedanken zu formulieren. Die Autorin Thea Dorn etwa plädiert dafür, auch zu akzeptieren, dass man Kunst mal nicht versteht, und sie kritisiert: "Diese Haltung stirbt aus. Die heutige Haltung ist, egal ob im Konzertsaal oder bei Lesern: Verstehe ich nicht. Ist kompliziert. Bäh, weg damit!"

Sammelsurium

Knapp zweihundert Seiten sind da – kaum überraschend – viel zu wenig, um den Spagat aus der Vielschichtigkeit des Themas und der Konzentration auf Thesen und Inhalte leisten zu können. So sind gerade die Diskussionsrunden ein Sammelsurium aus Einzelpositionen und Schlaglichtern.

Immerhin gelingen hier und da auch bemerkenswerte Seitengedanken, wenn etwa der Politiker Gerhart Baum kritisiert, dass etwa bei Staatsakten fast nur das gängige musikalische Repertoire gespielt wird, wenn er sagt: "Er" – (sc. der Bundestag oder andere Gremien bei Preisverleihungen) – "wagt es nicht, den Bürgern, die literarische Neuerscheinungen lesen und moderne Kunst an den Wänden haben […], das Neue in der Musik zu Gehör zu bringen." Auch das kann eine Form von Verbot von Kunst interpretiert werden.

Macht und Kunst

In den Aufsätzen finden sich immerhin einige vertiefende Ansätze, etwa in einer Beispielsammlung des Musikpublizisten Bernd Feuchtner, die aufzeigt, wie in der älteren wie jüngeren Geschichte Macht versucht hat, Kunst nicht nur zu verbieten, sondern zu beeinflussen.

Im 17. Jahrhundert etwa hat die römische Kirche untersagt, dass Frauen in der Oper auftreten können. Stalins Attacke gegen die Schostakowitsch-Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ ist ebenso angeführt wie die allgemeine Frage, ob in der Kunst der Gegenwart Schönheit allzu sehr unter Generalverdacht steht.

Der schönste Satz

Das Buch ist – wie das Symposium offensichtlich auch – extrem heterogen angelegt. Über manches blättert man schneller hinweg, anderes zieht einen dafür stärker in den Bann. Der schönste, prägnanteste Satz in dem Buch ist ein Zitat von Leonard Bernstein: "Kunstwerke beantworten keine Fragen, sie verursachen sie." Recht hat er.

Andreas Göbel, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch

Biografie der Belle Époque - Julian Barnes: "Der Mann im roten Rock"

Hat der Graf von Montesquiou sich mit der Schauspielerin Sarah Bernhardt nach einem Fotoshooting auf Kissen geräkelt? Ging er gar mit ihr ins Bett, obwohl er homosexuell war und hat sich danach eine Woche lang übergeben? "Wir wissen es nicht." Wann hat Thérèze Pozzi erstmals die Möglichkeit der Trennung von ihrem Mann, dem Modearzt und Star-Gynäkologen Samuel Pozzi in Erwägung gezogen? "Wir wissen es nicht." - Man sollte einem Autor trauen, der diesen Satz so inflationär gebraucht wie Julian Barnes, der sich in seinem neuen Buch als Biograf einer Epoche, der Belle Époque, betätigt.

Bewertung:
Saul Friedländer: Proust lesen © C.H.Beck
C.H.Beck

Ein Essay - Saul Friedländer: "Proust lesen"

"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, dass keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein." - Mit diesen Sätzen beginnt einer der umfangreichsten Roman-Zyklen der Weltliteratur: Marcel Proust - "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Der erste der sieben Bände erschien 1913, der letzte 1927, also erst fünf Jahre nach seinem Tod. Peter Matić liest auf rbbKultur das kolossale Werk, an dem viele Leser*innen - seien wir ehrlich - trotz mehrerer Anläufe scheitern.

Bewertung: