Kostbare Tage © Diogenes Verlag
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Roman - Kent Haruf: "Kostbare Tage"

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Als der Schriftsteller Kent Haruf 2014 im Alter von 71 Jahren starb, kannten ihn außerhalb der Vereinigten Staaten nur wenige Leser. Und auch in seiner Heimat war er eher ein "Writer´s Writer", ein Autor, der von seinen Kollegen geschätzt wird, aber keinen Zugang zu einer breiten Leserschaft hat. Erst nach seinem Tod beginnt sich das allmählich zu ändern.

Auch weil sein Roman "Unsere Seelen bei Nacht" mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt wurde und die Kino-Besucher sich fragen, wer der Autor dieser Geschichte zweier einsamen Menschen sein könnte, die im Alter noch einmal die Liebe entdecken. Im deutschen Sprachraum hat sich der Diogenes Verlag des Werkes angenommen. Als vierter Teil der Serie mit Romanen von Kent Haruf ist jetzt erstmals auf Deutsch "Kostbare Tage" erschienen.

Das Werk von Kent Haruf entsprach nie dem hektischen Zeitgeist, traf nicht den Ton, nicht das Lebensgefühl in den kulturellen Zentren und hippen Citys, Erfolg als Autor zu haben und eine internationale Berühmtheit zu erlangen, war ihm völlig schnuppe. Er hat im Mittleren Westen der USA gelebt, als Lehrer gearbeitet und nur wenige Bücher geschrieben. Alle diese Werke handeln von dem, was er kannte: vom harten und oft bitteren Alttag der ganz normalen Menschen in der grauen Mittelmäßigkeit, von ihren Nöten und Sorgen, kleinen Fluchten und großen Träumen, von Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung, jungen schwangeren Mädchen, denen der Liebhaber abhanden kommt, alten Leuten, die sich noch einmal nach Liebe sehnen, knurrigen Farmern, die ganz allein draußen in der staubigen Prärie hocken und nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen.

Die einsamen Seelen träumen von Denver

Alle Werke sind in einer ungekünstelten Sprache geschrieben, ohne Umwege erzählt, ohne literarische Hintergedanken. Wer sich in der Literaturgeschichte auskennt, wird die Romane als fernes Echo auf Tschechow lesen, denn wo sich bei Tschechow alle unglücklichen Menschen, die auf dem Lande versauern, nach Moskau träumen, wollen bei Haruf alle einsamen Seelen nach Denver fliehen. Doch fast alle kommen doch irgendwann zurück nach Holt, einer fiktiven Kleinstadt, die Haruf irgendwo im Nirgendwo von Colorado ansiedelt: In Holt spielen alle Romane von Haruf, auch "Kostbare Tage". In Holt ist der typische Trump-Wähler zuhause, hier spiegelt sich die weiße amerikanischen Lebensart wie in einem Brennglas. Wer verstehen will, wie der weiße Amerikaner tickt, der findet bei Haruf reichlich Anschauungsmaterial: Seine Romane, geschrieben vor 10, 20 Jahren, könnten aktueller nicht sein.

Kleiner Alltag in Literatur verwandelt

Man muss die anderen, auch in Holt spielenden Romane nicht kennen, um jetzt "Kostbare Tage" verstehen zu können, denn alle Romane stehen für sich, sie erzählen von jeweils ganz unterschiedlichen Menschen und ihren Problemen, kleinen Geheimnissen, dunklen Affären, ihrer vergeblichen Liebe und ihrem traurigen Sterben. Haruf kreist wie ein Adler über der Stadt und pickt sich jeweils ein paar Personen heraus, taucht für kurze Zeit in ihr Leben ein, versucht zu verstehen, was sie miteinander verbindet, entwirft ein paar Personen-Porträts, beobachtet, wie die Personen auf Abgründe und Katastrophen reagieren, ob sie es schaffen, mit sich ins Reine zu kommen - und dann verlässt er sie wieder.

Nur wer ganz genau hinschaut, wird merken, dass Personen des einen Romans manchmal im anderen Roman flüchtig durchs Bild huschen, in einem Nebensatz erwähnt werden, aber das ist nur ein Spiel, mit dem Haruf vielleicht zeigen will: die Zeit vergeht, das Leben geht weiter und will gemeistert werden: Ich kann euren kleinen Alltag in Literatur verwandeln. Ob es große Literatur ist, kann nicht ich entscheiden.

Der letzte Sommer von Dad Lewis

Die "Kostbaren Tage" sind die letzten Tage im Leben von Dad Lewis, er ist krank, kann sich vor Schmerzen kaum noch rühren, weiß, dass seine Tage gezählt sind. Jetzt heißt es Abschied zu nehmen, sich Rechenschaft abzulegen, dem Tod mutig und ins Auge zu sehen. Wenn er nicht, von Medikamenten benebelt, döst, sitzt er auf seiner Terrasse, empfängt die Angestellten seiner Firma, um mit ihnen die Nachfolge zu regeln und sie zu bitten, säumigen Zahlern die Schulden zu erlassen.

Er schaut dem harmlosen Treiben der Nachbarn zu, unterhält sich mit seiner Frau Mary über ihr langes gemeinsame Leben; seine Tochter Lorraine ist aus Denver angereist, um ihren Vater zu pflegen, der die Familie immer über alles geliebt und beschützt, aber auch mit seinem Eigensinn und seiner Sturheit unheilbar zerstört hat. Denn dass sein Sohn, Frank, sich als Homosexueller goutetet hat, in der Kleinstadt, wo jeder sich über den anderen das Maul zerreißt und Abweichungen von der Norm mit Verachtung straft, konnte der strenge, konservative Vater nicht erdulden und ertragen: irgendwann, vor vielen Jahren, ist der von seinem Vater gedemütigte Frank nach Denver abgehauen, und niemand weiß, wie es ihm heute geht und was er macht.

Jetzt, im Todeskampf, der über viele qualvolle Seiten andauert und dem Leser einiges abverlangt, sucht Dad Lewis nach Erlösung, doch er wird sie nicht finden: Für die anderen bleibt nur, ihn zu beerdigen und dann - nach kurzem Innehalten - den Laden wieder aufzusperren und weiter zu leben, was sonst bleibt einem schon übrig.

Die Frauen schließen sich zusammen

Bei den Frauen von gegenüber, die der sterbende Dad Lewis von der Terrasse aus beobachtet hat, entwickeln sich die Dinge dagegen besser als befürchtet. Das kleine Mädchen, das seine Eltern verloren hat und bei seiner Tante wohnt, wird von einigen Frauen des Ortes rührend versorgt, sie bringen ihr Radfahren bei, machen Ausflüge, versuchen das Leben anzupacken und zu genießen. Auch Lorraine, Dads Tochter, die von ihrem nichtsnutzigen Mann geschieden ist und von der Zukunft eigentlich nichts mehr erwartet, bekommt neuen Lebensmut, schließt sich den Frauen an, es entstehen neue Freundschaften, eine emanzipierte Frauen-Power, die sich gegen den Mief der Kleinstadt stellt und den vom weißen Mainstream gehassten Gemeindepfarrer unterstützt.

Denn der Pfarrer, Lyle, der wegen seiner Ansichten von Denver nach Holt strafversetzt wurde, tritt hier gleich wieder ins religiös-moralische Fettnäpfchen, als er die Bibel und die Gebote allzu wörtlich nimmt und seine Gemeinde auffordert, allen Menschen ihre Sünden zu verzeihen, Feinde und Terroristen nicht zu töten, sondern zu lieben. Die Gemeinde verstößt Lyle, auf der Straße wird er vom weißen Mob verprügelt, seine Frau und sein Sohn verlassen ihn, nur bei den aufmüpfigen Power-Frauen findet er Verständnis, doch das kann Lyle nicht retten in diesem Buch der Trauer und des Abschieds, das nur wenig Trost bietet, aber voller Weisheit ist.

Kent Haruf liebt die Menschen, so wie sie sind: verlogen und verletzlich, fehlbar und feige. Das Leben, sagt er uns, ist schön, aber nur, wenn man nicht immer mit dem Strom schwimmt und sich nicht immer weggeträumt nach Denver (oder Moskau), sondern das Glück dort sucht, wo es wohnt: im Hier und Heute, im Jetzt, in der Gegenwart.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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