Peter Handke, Zdenenk Adamec © Suhrkamp
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Salzburger Festspiele - Peter Handke: "Zdeněk Adamec. Eine Szene"

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Einige Wochen schien es so, als müssten die Salzburger Festspiele ausgerechnet im Jahr ihres 100-jährigen Bestehens wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Doch dann sanken rechtzeitig die Infektionszahlen und man entschied, das Jubiläum wenigstens in kleinerem Rahmen zu feiern. Das Programm wurde abgespeckt, die Probezeiten verkürzt, die Spielorte reduziert.

Natürlich beginnt am Samstag das Fest mit einem "Jedermann" auf dem Domplatz. Am Sonntag findet die Uraufführung eines neuen Stückes von Peter Handke im Landestheater statt, "Zdenek Adamec" inszeniert von Friederike Heller.

Keine "Publikumsbeschimpfung", eher eine "Publikumsbeschwörung": Handke fordert uns auf, genau hinzusehen, nachzudenken, sich selbst ein Bild und einen Reim auf das Gezeigte und Gesagte zu machen. Er beschwört die Kraft des Wortes, die Möglichkeiten der Kunst. Es ist laute Totenklage und stiller Nachruf, unbeirrbares Herbeirufen und Erinnern, fröhliches Fest und dumpfes Begräbnis, quälendes Oratorium und freudige Wiedergeburt, alles ist offen, nichts steht fest.

Das Leben und Sterben von "Zdenek Adamec"

Dem eigentlichen Spiel voran gestellt ist eine Regieanweisung, die an Handkes vielleicht schönstes Stück erinnert: "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten", einem wortlosen Stück, bei dem unzählige Personen über einen Platz flanieren, streiten, lieben, posieren: ein unablässiges Kommen und Gehen, das es auch jetzt wieder geben soll, hin und her, kreuz und quer sollen sich die Menschen an einem öffentlichen Ort bewegen, der in der spanischen Provinz oder im böhmischen Humpolec liegen, ein Kloster-Refektorium oder ein Tanzsaal sein könnte.

So vage wie der Ort ist die Zeit, die Anzahl der Spieler und die Jahreszeit, es könnte jetzt oder irgendwann sein, Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, Männer oder Frauen, Junge oder Alte: "Was ihr wollt" und "Wie es euch gefällt", schreibt Handke in Anspielung auf Shakespeare. Dann, nach langem Vorlauf, hört man ein Räuspern und Gesumme, erste Worte, erste Sätze - und das Spiel, das Leben und Sterben von "Zdenek Adamec" umkreist und dem Vergessen entreißen will, das Spiel, das keine Rollen kennt, sondern allein aus Sprache besteht, kann endlich beginnen.

Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Zdenek Adamec war ein junger Tscheche aus Humpolec, einem kleinen böhmischen Ort, eine Stunde Busfahrt von Prag entfernt, der sich - mit nur 18 Jahren - am 6. März 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergossen und verbrannt hat. Doch im Gegensatz zu Jan Palach, der sich 1968 am selben Ort aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes angezündet hat und im kollektiven Gedächtnis der Tschechen einen Heldenstatus genießt, ist Zdenec Adamec heute vollkommen vergessen.

Seine Selbsttötung wurde als Kurschluss-Handlung eines Jugendlichen abgetan, eines Außenseiters, der keine sozialen Bindungen hatte. Präsident Vaclav Klaus meinte damals: "Ich verstehe, dass zur Jugend ein bestimmter Radikalismus gehört, aber diese Art von Ausdruck finde ich vollkommen unglücklich, unvorsichtig und vor allem unnötig." Das hat Zdenek vollkommen anders gesehen: Er war Mitglied der Hacker-Gruppe "Darkers" (die Verdunkler), die aus Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung die Stromversorgung unterbrachen und ganze Stadtteile lahmlegten.

In seinem Abschiedsbrief beklagte er Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung, dass Fehler wirklicher Demokratie, die Regierung bestehe nur aus "Machtmenschen, die auf normalen Menschen herumtrampeln": "Die Welt", schrieb er, "ist korrumpiert von Geld".

Verstörend aber grandios

Im Text und auf der Bühne gibt es keinen Wiedergänger des vergessenen Selbstmörders, der sich und seine Tat zu erklären versucht, nur die Zurückgebliebenen, die Mitmenschen, uns alle, die nicht wissen, was damals wirklich geschah, die jetzt oder irgendwann wild spekulieren, die Tat verdammen oder versuchen, den Menschen und seine Motive zu verstehen.

In mal langen, mal kurzen Einlassungen, mal poetisch verspielten, mal groben Worten, mal schlauen und mal zotigen Sätzen umkreisen die SprecherInnen Leben und Tod des Jungen, hören sich zu, fallen sich ins Wort, wechseln die Tonlage und den Rhythmus. Jemand erzählt einen Kalauer, jemand singt ein Lied, einer zitiert den Abschiedsbrief, ein anderer den Vater des Selbstmörders, jemand beschreibt, wie und wo der Junge lebte, wie er bei seinen Mitschülern ankam, wie mit dem Bus nach Prag fuhr und die Nacht auf dem Bahnhofsklo verbrachte, bevor er sich dann - mutterseelenallein und doch in aller Öffentlichkeit - mit Benzin übergoss und anzündete.

Was er gedacht und gefühlt haben mag auf dem Wenzelsplatz, brennend und sterbend neben all den Neonröhren von Sony und McDonalds, die morgens, eine Stunde nach Ende der Dämmerung noch immer leuchteten. Es wird behauptet und verneint, es wird kein Urteil gefällt, sondern ein Mensch wird durch einen vielstimmigen Chor heraufbeschworen, mit ihm gesprochen, als wäre er noch immer unter uns und könnte dem Tod entrissen werden: "Was zeichnest du denn da in die Luft?", fragt einer und meint: "Zeichne weiter, kleiner Träumer, zeichne weiter." Einer will zum Schluss noch etwas Wichtiges sagen, hat aber vergessen, was es war: "Jetzt weiß ich´s nicht mehr. Plötzlich weiß ich nicht mehr." Dann: "Musik. Großes Orchester. Bloßes Einstimmen, anschwellend - Ende." Ein verstörender, grandioser Text.

Erinnerung an einen verzweifelten Menschen

Seit Handke durch das vom Bürgerkrieg zerstörte Ex-Jugoslawien wanderte, wird ihm unterstellt, er habe serbische Gräueltaten verharmlost. Bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises gab es Demonstrationen gegen ihn. Die wird es auch in Salzburg geben. "Die Mütter von Srebrenica", die in Stockholm gegen Handke demonstrierten, haben eine Demo vorm Theater angekündigt.

Es gehört zum Ritual, gegen Handke zu protestieren, wo immer er auch auftritt oder ein Stück von ihm gezeigt wird. Dass wegen umstrittener Äußerungen ein bedeutender Autor und sein großes Werk mit erledigt werden, scheint viele nicht zu stören. In Salzburg wird nicht nur gegen Handke, sondern auch gegen ein Stück protestiert, das einen verzweifelten Menschen und sein gesellschaftskritisches Anliegen in Erinnerung ruft. Dass die Demonstranten damit Zdenec Adamec noch einmal in den Tod und ins Vergessen schicken, scheint ihnen gleichgültig zu sein. Fatal.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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