Nadja Küchenmeister: Im Glasberg; Montage: rbbKultur
Schöffling & Co.
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Gedichte - Nadja Küchenmeister: "Im Glasberg"

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In der jungen Lyrikgeneration ist Nadja Küchenmeister hierzulande längst etabliert. Von ihren Büchern werden Nachauflagen gedruckt, ihr Werk wird mit Literaturpreisen ausgezeichnet. "Im Glasberg", ihr dritter Gedichtband, steht auf der Shortlist für den "Literaturpreis Text & Sprache 2020". Jörg Magenau hat sich in ihr Werk eingelesen.

Im Märchen "Die sieben Raben" der Brüder Grimm ist der Glasberg ein verwunschener, schwer zugänglicher Ort. Das Schwesterchen findet dort ihre in Raben verwandelten Brüder wieder und erlöst sie, nachdem sie zuvor die ganze Welt, Sonne, Mond und Sterne vergeblich nach ihnen abgesucht hat. Nadja Küchenmeisters dritter Lyrikband nimmt Bezug auf dieses Märchen. Das titelgebende Gedicht "Im Glasberg" spielt mit den vorgegebenen Motiven: "die sonne ist der mond / mein auge ein stern unter sternen", heißt es da, und auch die sieben Brüder und der schwarze Vogel kommen vor.

Lyrik am Rand zur Prosa

Küchenmeisters Glasberg liegt jedoch nicht am Ende der Welt, sondern am östlichen Stadtrand Berlins, wo sie 1981, im letzten Jahrzehnt der DDR, geboren wurde. Ins Schlafzimmer der Eltern kann man schon von der S-Bahn aus hineinschauen, doch sollte man sich von dieser leichten Einsehbarkeit nicht täuschen lassen. Wie die kleine Schwester im Märchen muss auch das lyrische Ich dieser Gedichte die Welt durchmessen haben, bevor es den unzugänglichen Ort der eigenen Herkunft aufzuschließen vermag.

Nadja Küchenmeisters Lyrik bewegt sich am Rand zur Prosa. Sie ist erzählerisch, und auch das Ich, das da spricht, ist personal, ja sogar autobiografisch. Alles ist fremd geworden in der alten Heimat, seltsam verzwergt wie im Märchen, wo es ja tatsächlich ein Zwerg ist, der das Mädchen im Glasberg empfängt. Hier nun sind es die alten Schulwege, der Klassenraum oder das alte Kinderfahrrad vor der Kellertür, die, wie hinter Glas, in eine scharfe Sichtbarkeit entrücken. Auch die Fotos der Jugendfreunde, die im Kinderzimmer an der Wand hängen, erzählen nichts mehr von früher, sondern nur davon, wie die Zeit vergeht: "sie sehen dich immerzu an / schweigen und stauben ein", schreibt Nadja Küchenmeister,"so wird man alt".

Bruch und Neuverfugung

Orte und Zeiten fließen ineinander. Von der Küche zur Straßenbahn zum Volkspark Friedrichshain und aus der DDR-Zeit in die Gegenwart im westlichen Halensee ist es jeweils nur ein kleiner Schritt, der sich innerhalb einer Zeile bewältigen lässt. Küchenmeister interessiert sich für Übergänge. Lichtverhältnisse spielen bei diesen Versuchen, das Sichtbare zu verfremden und das Nicht-Sichtbare sichtbar zu machen, eine große Rolle.

Im Titelgedicht "Im Glasberg" tauschen Sonne und Mond die Plätze, bis vom Licht nur noch ein Ring und viel Schatten übrig sind: Vielleicht wird da ja eine Sonnenfinsternis beschrieben. Hell und dunkel sind da keine Gegensätze, sondern komplementäre Prinzipien.

Zugleich zertrennt Küchenmeister syntaktische Einheiten durch ihre Schnitttechnik und fügt die Partikel zu neuen Sinnzusammenhängen. Lass dir sagen: leben ist genau heißt es da beispielsweise am Ende einer Strophe mit in der Luft vibrierender Bedeutung, bis der Satz mit der nächsten Strophe weitergeführt wird: leben ist genau / so lang, wie es ist.

Küchenmeisters Vorliebe für kurze, meist dreizeilige Strophen kommt dieser Tendenz zu Bruch und Neuverfugung entgegen. Die strenge Form dient ihr zudem als Gerüst, um die fragmentierten und immer fragwürdigen Erinnerungspartikel zusammenzuhalten. Das bewährt sich auch in dem Abschnitt, in dem eine Jugendliebe heraufbeschworen wird. Zwar behauptet das lyrische Ich, den Geliebten von einst vergessen zu haben, begreift dann aber, dass "Ich" überhaupt erst im Blick des Geliebten entstand. Jedes Ich setzt ein Du als Gegenüber voraus. Zitat:

ich bin die beste schwimmerin, siebzehn
bahnen durch dein auge
siebzehn bahnen
zurück, dein auge ist nicht ohr, dein auge
ist ein mund, ein gaumen, zehe und ferse
binden dich fest, bringt sein auge mehr
auf die waage, träumt das niemand weg.

Gedichte wie hinter Glas

Küchenmeisters Gedichte zeichnen sich weder durch Rhythmik, noch durch einprägsame Bilder oder poetische Metaphern aus. Ihre in konsequenter Kleinschreibung gehaltenen Verse sind streng, fast ein bisschen spröde. Die leise Melancholie ändert nichts am artifiziellen Charakter. Es sind tatsächlich Gedichte wie hinter Glas, ein wenig leblos, aber klar. Sie sind zum Anschauen da, bewundernswert in ihrer technischen Perfektion, aber kalt wie Ausstellungsstücke in einer Vitrine, die nicht berühren können.

Jörg Magenau, rbbKultur

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