Orhan Pamuk, Orange © Steidl Verlag
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Bild: Steidl Verlag

Fotoband - Orhan Pamuk: "Orange"

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Mit Romanen wie "Das stille Haus", "Schnee", "Das Museum der Unschuld" hat sich Orhan Pamuk in die Weltliteratur eingeschrieben. Für sein Werk erhielt er 2006 den Literaturnobelpreis. Weniger bekannt ist, dass Pamuk nicht nur ein streitbarer Schriftsteller, sondern auch ein passionierter Fotograf ist.

Alles dreht sich um die Farbe Orange, als Metapher für eine entspannte Stimmung, als Sinnbild für ein friedliches Lebensgefühl, als ein Licht, das die Straßen Istanbuls nachts beleuchtet und die Wohnungen und Läden der Stadt sanft ummantelt und einlullt: Orange, das leider aber immer mehr aus dem Straßenbild von Istanbul verschwindet und einem klaren weißen Licht weicht und alles was vorher Orange, warm und weich, schön und friedlich erschien, in eine kalte, fast aggressive Stimmung und distanziert erscheinende Atmosphäre verwandelt.

Schon der Leineneinband des Buches ist in Orange gehalten, und die meisten Fotos des Buches haben ebenfalls eine orangefarbene Ausstrahlung: Das Orange ist nicht hinterher durch die Bildbearbeitung entstanden, sondern spiegelt exakt wider, was Organ Pamuk bei seinen nächtlichen Streifzügen durch Istanbul gesehen und mit der Kamera festgehalten hat.

Orange ist das Licht und die Stimmung seiner Kindheit und Jugend, die er festhalten, bewahren, archivieren möchte: Insofern ist der Fotoband auch ein mehrfacher Abschied, von der Vergangenheit, einem Lebensgefühl und einer Stadt, die er so liebt und ihm doch immer fremder wird. Um den Kontrast deutlich zu machen, schmuggelt er manchmal direkt neben ein orangefarbenes Foto, das eine nächtliche Straßenszene wider gibt, ein Foto, das eine ähnliche Szenerie einfängt, aber in einer Gasse aufgenommen wurde, die bereits in weißem kalten Licht erstrahlt: krasser könnten die Gegensätze kaum sein.

Orhan Pamuk: "Orange"

"Orange" ist eine Abenteuerreise in die Welt

Der neue Band "Orange" ist das exakte Gegenteil vom vorigen ("Balkon"), in jeder Hinsicht - fotografisch, thematisch, atmosphärisch: "Balkon" spiegelt die Einsamkeit und innere Unruhe des Autors in seiner Wohnung und Schreibwerkstatt wider: Pamuk hat eine Schreibkrise, kommt nicht voran mit seinem neuen Buch, kann seine Gedanken nicht fokussieren und nicht auf den Punkt bringen.

Deshalb eilt er immer wieder auf seinen Balkon: da hat er eine Kamera fest installiert und schießt innerhalb eines halben Jahres (von Dezember bis April) mehrere Tauend Fotos, konzentriert sich immer wieder auf dieselben Dinge, mal zoomt er sie heran, mal schiebt er sie weit weg, immer sehen wir die in den Bosporus einlaufenden Schiffe, die Nachbarhäuser, die Dächer der Moscheen, nirgends ein Mensch, über allem liegt der Hauch winterlichen Nebels, alles ist kalt, feucht, ungemütlich.

Für "Orange" flüchtet Pamuk aus seiner Wohnung, streift durch die Gassen der Stadt, mischt sich unter die Menschen, will wissen, wie sie leben und arbeiten, wie sie ihre Abende verbringen, will wissen, wie sich das Weichbild der Stadt verändert. "Balkon" war eine konzentrierte, halbjährige Exkursion ins Innere, rasender Stillstand und absolute Fokussierung.

"Orange" ist eine Abenteuerreise in die Welt, kindliches Staunen, spielerisches Fantasieren, neugieriges Flanieren durch ein multikulturelles Lebensgefühl und Menschengewimmel, das dem Untergang geweiht scheint. Für "Orange" ist Pamuk immer wieder, über Jahre, hinaus ins nächtliche Istanbul gelaufen, manchmal allein, doch oft auch - in Zeiten islamischen und nationalistischen Zorns auf alle Andersdenkenden - mit mehreren Bodyguards.

Der normale Alltag

Er interessiert sich für das ganz normale, einfache Leben, fern von Politik und Propaganda, fotografiert Menschen, die von der Arbeit müde nach Haue schleichen; Kinder, die noch ein bisschen auf der Straße spielen dürfen, bevor sie ins Bett müssen; das Kabelgewirr an den maroden Häusern; den Frisör, der in seinem hell beleuchteten Laden hockt und auf späte Kundschaft wartete.

Großfamilien, die ein paar Stühle auf die Straße geschleppt haben und miteinander den Tag ausklingen lassen; herumstreuende Katzen und Hunde; Leute, die am Kiosk noch schnell eine Abendzeitung kaufen; Leinen, über die Gassen gespannt, an denen die frisch gewaschene Wäsche hängt; wie sich nach einem Regenguss die Szenerie in den Pfützen widerspiegelt; einmal hat es heftig geschneit und die Gassen versinken im matschigen Schnee.

Pamuk schaut mit wachem Auge, hält immer etwas Abstand, lässt den Menschen ihre Privatsphäre, mischt sich nicht ein, will nur beobachten und festhalten, was schön ist und was langsam verschwindet: manchmal ist es spontan und unscharf fotografiert, manchmal bewusst gestaltet und wirkt wie ein gemaltes Bild.

Orhan Pamuk als Poet des Moments

Das Leben, sagen die unaufgeregten Fotos, ist doch eigentlich ganz schön: könnte es nicht immer so bleiben? Sie erzählen, dass Pamuk ein Poet des Moments ist, ein romantischer Melancholiker, der die Menschen mag, wie sie sind; er liebt das alltägliche Chaos, den achtlos herumliegenden Müll, die bröckelnden Fassen und holprigen Gassen, das Kuddelmuddel aus Internet-Cafés und Döner-Buden, verblei knatternden Motorrädern. Man spürt, dass er - der sonst einsam am Schreibtisch hockt und mit seinen Gedanken kämpft - sich gern unter die Leute mischt, ihren Alltag in kleine Kunstwerke verwandeln möchte, dass er auf der Suche ist: nach dem Sinn des Lebens und der verlorenen Zeit.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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