DiAngelo Wir muessen ueber Rassismus sprechen © Hoffmann und Campe
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Sachbuch - Robin DiAngelo: "Wir müssen über Rassismus sprechen"

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Man kann ja über den Titel dieses Buches noch hinwegsehen und sich sagen: Über Rassismus sprechen, das machen wir doch schon die ganze Zeit, gerade jetzt mal wieder, da vor einigen Wochen in den USA der Schwarze George Floyd von mehreren weißen Polizisten so brutal festgenommen wurde, dass er dabei zu Tode kam. Und was es bedeutet weiß zu sein, wie es der Untertitel verspricht, nun denn: Das braucht uns nun wirklich niemand zu erklären in einer Gesellschaft wie der bundesrepublikanischen.

Doch je länger die Lektüre dieses Buches dauert, desto mehr stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, eine Selbstbefragung in puncto Rassismus, was die Autorin dieses Buches, die 1956 in San Francisco geborene Soziologin und Rassismusforscherin Robin DiAngelo durchaus beabsichtigt: "Wenn wir die Empfindlichkeit Weißer durchbrechen wollen, müssen wir die Fähigkeit entwickeln, das Unbehagen auszuhalten, das Unbehagen des Nichtwissens, der Verunsicherung und der Demut in Bezug auf die Rassenverhältnisse."

"White Fragility"

DiAngelo leitet seit den neunziger Jahren Diversity-Trainings in den USA, sie ist Anti-Rassismus-Trainerin, und sie entdeckte im Verlauf ihrer Tätigkeit bestimmte Muster, die sie als "White Fragility" bezeichnet hat, als "weiße Fragilität", wahlweise weiße Empfindlichkeit. Damit meint sie die Reaktionen von Menschen mit weißer Hautfarbe auf den Vorwurf, sie seien Rassisten, insbesondere von den Weißen, die von sich glauben, sie seien genau das nicht, Rassisten, die vielmehr ihren Umgang mit Menschen of Colour (wie DiAngelo Nichtweiße nennt) als sensibel, verständnis- und rücksichtsvoll bezeichnen würden, sich gar als ausgesprochene Nicht-Rassisten verstehen.

DiAngelo, die immer wieder auch ihre eigene, weiße Herkunft mit einbringt, die eingesteht, selbst nicht gefeit zu sein, gegen rassistische Verhaltensweisen, so subtil-unbewusst die sein mögen, leitet diese Fragilität, diese Empfindlichkeit Weißer vor allem von ihrer Sozialisation ab. Von dem Beharren darauf, dass einerseits jedes Individuum einzigartig sei, andererseits es möglich sei, sich frei zu machen von jeglicher Voreingenommenheit.

Tief verwurzelt und historisch gewachsen

Doch trotzdem wird jedes noch so objektives Individuum kollektiv in Gruppen hineinsozialisiert, und so ist es für die Gruppe der Weißen eine Selbstverständlichkeit, sich weder über die eigenen Privilegien Gedanken zu machen, die sie im Gegenteil als universelle Größe verstehen, an der alles zu messen ist, noch rassistischen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Bei Menschen of Colour ist es genau umgekehrt: Sie werden, so DiAngelo, "von Barrieren eingeschränkt und von sozialen Kräften geprägt, die weder zufällig noch vereinzelt noch vermeidbar sind." Und: "Definitionsgemäß ist Rassismus ein tief verwurzeltes, historisch gewachsenes System institutioneller Macht. Es ist nicht fließend und ändert seine Richtung nicht, nur weil einigen Menschen of Colour eine glänzende Karriere gelingt."

DiAngelo macht historische Exkurse, erklärt, wie unberührt Weiße von Rassenproblemen sind, befasst sich mit der Gegenüberstellung von Gut und Böse (nicht-rassistisch ist gut, rassistisch ist böse), was den strukturellen Charakter des Rassismus kaschiert und schwerer wahrnehmbar macht, wie sie findet, und sie legt dar, wie das "Antischwarzsein" gerade in den USA unablässig Botschaften über die Überlegenheit der Weißen und die Unterlegenheit Schwarzer aussendet.

Auf europäische Verhältnisse übertragbar

Natürlich ist DiAngelo Amerikanerin, spricht sie über den Rassismus US-amerikanischer Provenienz, und so ganz einfach lassen sich "Afroamerikaner" nicht durch "Migranten" ersetzen, wie sie das in einem Vorwort zur deutschen Ausgabe empfiehlt.

Und doch ist zumindest der allgemeine Rahmen, den sie errichtet, gut auf europäische, auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Da passen die zu der weißen Fragilität passenden Abwehrhaltungen, wenn es um Rassenprobleme geht, also Wut, Angst und Schuldgefühle; da passen Verhaltensweisen wie Vorwürfe, Schweigen oder Stressvermeidung; und da gibt es gerade diese Art von Solidarität untereinander, wenn jemand des Rassismus beschuldigt wird ("War doch nicht so gemeint", "er ist ein Guter", wahlweise sie eine Gute).

Rassismusfalle

Man kann sagen, auch das ist eine gängige, fragile Reaktion auf dieses Buch, dass man nach den Thesen und Herleitungen DiAngelos praktisch als Weißer, als Weiße keine Chance hat, nicht rassistisch zu sein, man sowieso in der Rassismusfalle steckt, zumal die Homogenität der bundesrepublikanischen Gesellschaft immer noch eine große ist, in ihren Institutionen sowieso. Auch die Lösungsansätze, die Verhaltensregeln, um aus der Falle herauszukommen, sind jetzt eher vage, von der Demut bis hin zu der Empfehlung, aus der Komfortzone herauszukommen und um Beziehungen zu Menschen of Colour zu kämpfen, diese einfach mal so zu knüpfen.

Trotzdem ist "Wir müssen über Rassismus sprechen" ein enorm wichtiges Buch gerade auch für den Diskurs hierzulande. Es motiviert, sich Gedanken zu machen über die tagtäglich gesendeten kulturellen Botschaften, die eigene, privilegierte Herkunft und Sozialisation; und es schärft das Bewusstsein für die Komplexität und den Nuancenreichtum des Rassismus - gerade auch bei denen, die sich für liberal und progressiv halten.

Gerrit Bartels, rbbKultur

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