Nicolas Mathieu: Rose Royal © Hanser Berlin
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Roman - Nicolas Mathieu: "Rose Royal"

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Der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu ist zweiundvierzig Jahre alt und hat bislang zwei Romane veröffentlicht. Bereits sein zweiter Roman wurde mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet, letztes Jahr ist er unter dem Titel "Wie später ihre Kinder" auch auf Deutsch erschienen. Nach dem umfangreichen Werk folgt nun sehr schnell ein überraschend schmaler Band, der ebenfalls wieder abseits der mondänen metropolitanen Frankreichs spielt: "Rose Royal" heißt die neue Erzählung, und sie bringt kaum mehr als neunzig Seiten auf die Waage.

Doch Nicolas Mathieu schafft es, eine ganze Menge in das knappe Lesestündchen zu packen. Das gilt vor allem für den Charakter seiner Protagonistin: Die Rose, welche dem Buch den Titel gibt, ist eine gut durchdachte Figur. Zwar ist vieles in diesem Buch eher skizziert als auserzählt, dennoch bekommt man einen plastischen Eindruck von ihr.

Sie ist eine reizvolle Frau von Anfang Fünfzig, ein Alter, über das Mathieu sagt: Früher war man da alt. Heute lässt einen der Körper zwar spüren, dass diese Wahrheit eigentlich immer noch gilt, aber weil das Leben sich so unendlich in die Länge zieht, geht Fünfzig noch als zweite Jugend durch. Das ist gut beobachtet und rechnet ziemlich lässig mit dem allgegenwärtigen Jugendwahn ab.

Die Männer taugen alle nichts

Rose selbst wäre zu solchen Reflexionen wohl nur eingeschränkt in der Lage. Die alleinstehende Frau kommt aus kleinen Verhältnissen, sie ist mit einem schlichten Appetit auf Prestige und Wohlstand und mit einem großen Appetit auf Alkohol gesegnet. Tagsüber arbeitet sie als Sekretärin und abends scheint sie recht zufrieden, wenn sie mit ihrer Freundin, einer Friseurin, beim Wein darüber lästern kann, dass "die Männer" allesamt nichts taugen.

Doch gerade ein eher schlichtes Gemüt kann eine große erzählerische Herausforderung sein, vielleicht die größte. Es sind die intelligenten Figuren, die es dem Erzähler leicht machen. Warum? Weil sie ihren Reiz schon in sich tragen. Die Härte der sogenannten "kleinen Leute" gegenüber sich selbst und gegenüber anderen, ihren Stolz auf ihre Desillusioniertheit – das wirft Mathieu mit wenigen Strichen gekonnt aufs Papier.

Eine Allzweckwaffe der Spannungsliteratur

Was die Handlung dann wirklich spannend macht, ist freilich ein einfacher Kunstgriff, den sich Mathieu im Ganovenfilm oder in der Spannungsliteratur abgeschaut haben könnte: Jede Situation mit Konfliktpotenzial bekommt eine untergründige Spannung, wenn man weiß, dass eine der Personen eine Pistole bei sich trägt.

Weil Rose nie wieder Opfer männlicher Gewalt werden möchte, hat sie sich im Internet illegal eine Waffe besorgt. Mit ihr unternimmt sie im Wald Schießübungen, ihrem Eros fällt sie schnell anheim, und sie ist es auch, die Rose mit Luc, der zweiten Hauptfigur, zusammenbringt.

Dieser Luc ist ein Macher, ein Selfmademan. Er teilt zwar den geistigen Horizont mit Rose, aber er wirkt im Gegensatz zur ihr erst einmal wie jemand, der sich nicht nur treiben lässt. Die beiden werden ein Paar, und dabei zeigt sich dann nicht nur, dass Luc ein untergründig brutaler Tyrann ist, sondern leider auch, dass eine Waffe allein aus Rose noch keine starke, unabhängige Frau macht.

Ein fast schon zu luftiges Vergnügen

Ein schweres Thema, und dennoch gestaltet sich die Lektüre als ein fast zu luftiges Vergnügen. "Rose Royal" ist professionell erzählt, in einem lockeren, manchmal lapidaren Ton. Gewiss, so etwas will gekonnt sein. Dennoch hätte ich mir etwas mehr sprachliche Dichte gewünscht, etwas mehr Stilwillen. Auch wirkt die Handlung stellenweise unauserzählt. Gegen Ende setzt sie zu einem Zeitsprung von mehreren Jahren an, durch den ein wichtiger Teil der Handlung gerade mal im Vorübergehen gestreift wird.

In "Rose Royal" steckt beides: ein unfertiger Roman und eine etwas zerfaserte Kurzgeschichte. Ausarbeiten oder kürzen, das wären Optionen für den Autor gewesen. Als Einzelpublikation ist dieses intelligente Lesestündchen nicht ganz abendfüllend.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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