Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
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Roman - Robert Seethaler: "Der letzte Satz"

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April 1911. Der Komponist Gustav Mahler reist per Schiff nach Europa. In New York hat er ein letztes Konzert dirigiert; er ist schwer herzkrank und weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Eingehüllt in wärmende Decken blickt er übers Meer und erinnert sich: an die Zeit in Wien, als er das Direktorenzimmer der Oper bezog, an das Landhaus in Toblach, wo er in seiner Komponistenhütte arbeitete, an Reisen nach Sankt Petersburg, Berlin oder nach Paris.

Vor allem aber denkt der zum Katholizismus konvertierte Jude, der immer um Anerkennung und Zugehörigkeit kämpfen musste, über Vergänglichkeit und die Flüchtigkeit des Ruhmes nach.
"Der letzte Satz" von Robert Seethaler ist ein schmaler Künstlerroman, und man darf bei diesem Autor sicher sein, dass er auf der Bestsellerliste ziemlich weit oben landen wird. Dafür gibt es gute Gründe, obwohl das Buch unübersehbare Schwächen hat. Ein bewährtes Bestsellerprinzip besteht jedoch darin, eine Berühmtheit zur Hauptfigur zu machen.

Das befriedigt ein weit verbreitetes Bildungsbedürfnis, doch vor allem geht es darum, das Genie in den Niederungen des Alltags, des Lebens und – wie in diesem Fall – des Sterbens zu zeigen. Diese Perspektive demonstriert ein Schiffsjunge, der Mahler eine Kanne warmen Tee bringt, sich um ihn kümmert und ein Gespräch mit ihm beginnt, dabei aber gar nicht weiß, welche Berühmtheit er vor sich hat. So, auf Augenhöhe platziert, wird das Große menschlich und nahbar.

So hat es Daniel Kehlmann mit Humboldt und Gauß in der "Vermessung der Welt" gemacht, und so hat es auch Robert Seethaler selbst in seinem Erfolgsroman "Der Trafikant" gehalten, als er Sigmund Freud auftreten ließ, ihn aber aus der Perspektive des siebzehnjährigen Helden beschrieb, der von Psychoanalyse und Traumdeutung keine Ahnung hat. Freud bekommt nun erneut einen Gastauftritt, weil Mahler sich an einen Besuch bei ihm in Holland erinnert, wo er ihm sein Liebesleid klagte, weil seine Frau Alma ihn verlassen wollte.

Mahler als Dirigent

Ein Künstlerroman ist vor allem ein Roman über die Entstehung von Kunst. Daran ist er zu messen. Mahler erscheint in diesem Buch jedoch viel stärker als Dirigent denn als Komponist. Das liegt daran, dass Dirigieren sichtbar und beschreibbar ist, der schöpferische Prozess des Erschaffens und Schreibens aber nicht. Also erfahren wir, dass Mahler ein wahrer Springteufel am Dirigentenpult gewesen ist, der sich erst allmählich zum Minimalismus sparsam angedeuteter Bewegungen vorarbeitete. Was seine Musik und seine Interpretationen aber auszeichnete, das bleibt bei Seethaler im Dunkeln.

So kurz und knapp dieses Mahler-Büchlein auch ist, steckt es voller Details, die allenfalls dazu dienen, Atmosphäre zu erzeugen, die aber weder für die Handlung noch für die Kontur des Komponisten und seiner Kunst von Bedeutung sind. Auch das gehört zum Geschäft der Bestsellerproduktion. Gleich auf der ersten Seite, als Mahler über das Meer blickt und den Tang bemerkt, sagt der Kapitän, dass der Tang nichts zu bedeuten habe. Es ist, als wolle Seethaler damit das eigene Schreibverfahren deutlich machen. Was er aufzählt, ist sinnlich erfahrbar, es riecht und schmeckt, hat aber nichts zu bedeuten.

Obwohl alles Erinnerung und inneres Erleben ist, schnurren die Geschichten so glatt und sauber ab, als spräche ein konventioneller, auktorialer Erzähler aus dem Inneren des Komponisten, der von Mahlers Schwäche und Todesnähe nichts mitbekommen hat. Deshalb werden sämtliche Episoden mit Wendungen wie „dachte Mahler“ oder „erinnerte Mahler sich“ eingeleitet. Das ist literarisch ziemlich armselig, weil die Erinnerungen nie als die ungeordnet herumwirbelnden "Schwebeteilchen" gezeigt werden, als die sie Mahler respektive Seethaler an einer Stelle so treffend bezeichnet. Könnte Mahler Sätze denken wie "Mahler mochte den Wind"? Würde er daran denken, an welche Trivialität er drei Jahre zuvor in einer bestimmten Situation gedacht hat?

"Disharmonien des Körpers"

Das wirft die Frage auf, warum Seethaler die Geschichte eigentlich erzählt und was ihn daran interessiert. Sind es vielleicht die Gedanken über Zeit und Vergänglichkeit, die den Komponisten angesichts des bevorstehenden Todes überkommen? Er hat ein gewaltiges Werk geschaffen, doch seine Liebe zu Alma ist gescheitert. Sie verlässt ihn nur deshalb nicht, weil er krank und pflegebedürftig ist. Was nützt ihm also die Kunst angesichts seiner Einsamkeit? "Im Inneren seines Körpers fand die Wirklichkeit statt", meldet die Erzählerstimme. "Er hätte es aufschreiben sollen. Er hätte die Harmonien seines Körpers komponieren sollen. Und noch viel mehr die Disharmonien."

Aber hat Mahler nicht genau das getan? Ist seine Musik denn nicht voller Schmerz und zerreißender Disharmonien? Dass man davon in diesem Roman so wenig spürt, hat mit Seethalers Sprache zu tun, mit der Selbstsicherheit seines Erzählens und der Bruchlosigkeit, in der die Erinnerungen ablaufen. Von den "Disharmonien des Körpers" hätte man in dieser biographischen Skizze gerne mehr wiedergefunden. So bleibt die große Fähigkeit der Literatur, mit der Sprache ins Innere eines Bewusstseins vorzudringen, ungenutzt.

Jörg Magenau, rbbKultur

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