Ray Bradbury: Fahrenheit 451; Montage: rbbKultur
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Neuübersetzung des Romans - Ray Bradbury: "Fahrenheit 451"

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Er war ein Multitalent, schrieb Gedichte, Kinderbücher, Theaterstücke, Erzählungen und Film-Skripte - zum Beispiel für John Hustons Kino-Version von "Moby Dick". Doch wirklich berühmt wurde Ray Bradbury für seine Science-Fiction-Fantasie über das Leben in einer totalitären Zukunft: "Fahrenheit 451". Anlässlich seines 100. Geburtstags am 22. August erscheint jetzt eine Neuübersetzung des 1953 in Amerika und 1955 auf deutsch erschienenen Romans.

Bücher sind verboten in der totalitären Gesellschaft der nahen Zukunft

Die Amerikaner messen die Temperatur nicht in Celsius, sondern in Fahrenheit, und Bradbury nahm (mehr oder weniger willkürlich) an, dass sich Papier bei der Temperatur von "Fahrenheit 451" selbst entzünden würde, das entspricht 233 Grad Celsius. Fast alles im Roman dreht sich um das Entzünden und Verbrennen von Papier: In der totalitären Gesellschaft, die Bradbury in die nahe Zukunft verlegt, sind Bücher verboten, sie werden aufgespürt und verbrannt. In Gedichten, Erzählungen, Romanen, politischen, religiösen, philosophischen Büchern ist Wissen aufgehoben, werden Gedanken geäußert, ist Vergangenheit präsent: Aber kritisches Denken und Individualität ist verpönt, Konformismus ist Trumpf, Stumpfheit statt Vitalität wird gefordert.

Der Mensch wird mit Drogen vollgestopft und mit Medienkonsum ruhig gestellt, die Wohnungen sind mit unzähligen Mikrofonen und Lautsprechern ausgestattet, die Wände mit riesigen Bildschirmen tapeziert, auf denen Game-Shows laufen und Endlos-Serien. Der in absoluter Verblödung gehaltene Mensch hat ständig was zu lachen, aber nie etwas zu tun, und nachdenken und lesen soll er schon gar nicht: Wer Bücher versteckt, wird aufgespürt und manchmal auch - zusammen mit seinen Büchern und seinem Haus - den Flammen übergeben: Immer dabei ist die mobile TV-Kamera, die daraus spannende Verfolgungsjagden und abschreckende Verbrennungsorgien komponiert und als Reality-Shows senden kann.

Zeitlos-aktuelle Sprache in der Neuübersetzung von Peter Torberg

Die Übersetzung von Fritz Güttinger aus dem Jahre 1955 ist schon ziemlich altbacken und angerostet, quietscht und knarzt an allen Ecken und Enden. Den expressiven lyrischen Ton, die fulminante Bildgewalt und intellektuelle Dringlichkeit des Romans, den Bradbury mit 33 Jahren in einem Schreibrausch in nur neun Tagen aufs Papier gedonnert hat und der bis heute eine geradezu erschreckende und visionäre Leuchtkraft hat, - all das geht der alten Übersetzung doch ein bisschen ab. Peter Torberg ist in seiner neuen Fassung nicht der Versuchung erlegen, ins modische Gequatsche oder in zeitgeistigen Slang zu verfallen, er sucht vielmehr nach einer zeitlos-aktuellen Sprache, versucht auch nicht, die Widersprüche und Ungereimtheiten in Bradburys Text zu glätten und den Autor zu verbiegen.

Vor allem aber ist endlich aus dem "Feuerwehrmann" das geworden, was er im Roman auf bizarre Weise ist: ein "Feuermann". Das englische "Fire Man" kennt die Zweideutigkeit nicht: Aber für die deutsche Übersetzung ist es essentiell zu betonen, dass Guy Montag, der als "Fire Man" in einer "Fire Brigade" arbeitet und auf seinem Helm die Zahl "451" trägt, eben kein "Feuerwehrmann", sondern ein "Feuermann" ist: also jemand, der (in absurder Umkehrung des ursprünglichen Auftrags) in einer Gesellschaft, in der Bücher gefährlich und zersetzend und Leser Umstürzler und Staatsfeinde sind, dafür sorgen soll, die staatlichen Restriktionen durchzusetzen, nicht zu löschen und zu bewahren, sondern Brände zu legen, zu vernichten und zu bestrafen.

Zweifel am Überwachungsstaat

Zunächst kennt der er nichts anderes, die Verkehrung aller Werte, die Dauerberieselung mit Entertainment, die Verabreichung von Drogen, das ist bereits vor 40 Jahren in die Wege geleitet worden, und es gibt nur noch wenige Menschen, die Bücher besitzen oder den Inhalt auswendig lernen und in einer Art "Untergrund-Wissens-Armee" an Gleichgesinnte weitergeben. Guy Montag ist lange Zeit im wahrsten Sinne des Wortes Feuer und Flamme für diesen Überwachungs-Staat, aber irgendwann schleichen sich Zweifel ein, begegnet ihm auf dem Nachhauseweg von seiner täglichen Zerstörungsarbeit ein Mädchen, das ihn in ernsthafte Gespräche über den Sinn seiner Arbeit verwickelt, ihn fragt, ob er glücklich ist, ihn daran erinnert, dass es außer Dauerfernsehen auch noch die Natur gibt, den Geruch von Wiesen, die Schönheit der Blumen.

Doch dieses Mädchen verschwindet eines Tages spurlos, sie und ihre Familie wurden wahrscheinlich deportiert oder getötet, ihre Bücher verbrannt. Während Montags Frau immer weiter in den Zustand der Verblödung abdriftet, beginnt er bei seinen Einsätzen Bücher einzustecken und abends darin zu lesen: der Rausch der Erkenntnis, der Funke des Gedankens, die Möglichkeit des Widerstandes machen ihn euphorisch und fiebrig, aber auch nachlässig und angreifbar, es ist nur eine Frage der Zeit, bis seiner Vorgesetzter ihn durchschaut, ihn ermahnt, von seinem Irrweg abzulassen, ihm einen Vortrag hält über die zersetzende Kraft der Bücher und die Notwendigkeit ihrer Vernichtung.

Aber Montag will und kann nicht mit dem Lesen und denken aufhören, und als er vor seiner Frau und ihren Freundinnen aus verbotenen Büchern zitiert und Gedichte vorliest, ist sein Schicksal besiegelt: er wird zum Staatsfeind erklärt, seine Wohnung und seine Bücher der Vernichtung übergeben. Ihm selbst bleibt nur noch, mit seinen Büchern in Flammen aufzugehen oder aus der Mega-City zu fliehen und in der Wildnis und in freier Natur nach Gleichgesinnten zu suchen.

Ein Roman aktueller denn je

Bradburys Roman ist aktueller denn je: Er zeigt uns, was geschehen kann, wenn man das eigene Denken aufgibt, sich einer Endlosschleife von vermeintlichen Nachrichten bedeutungslosen Botschaften bewegt; wenn Wahrheit zur Lüge und Lüge zur Wahrheit wird; wenn wir uns keiner intellektuellen Debatte mehr stellen und keine Argumente mehr austauschen, sondern uns nur noch zu Tode amüsieren und jetzt und sofort unseren Spaß haben wollen; wenn uns die Vergangenheit schnurz und die Zukunft schnuppe ist und wir in einer permanenten Gegenwart leben wollen.

Das Buch als Hort des Wissens und Sinn stiftendes Medium der Kommunikation und der Utopie einer besseren Welt, ist bei Bradbury Metapher für die fragile Welt, die in den Untergang steuert: Ob es, wie im Roman, zu einem vernichtenden Atomkrieg kommt, oder ob die kaum noch aufzuhaltende Klimakatastrophe unser Leben zur Hölle macht, ist kaum ein Unterschied: Die Apokalypse, das zeigt uns Bradbury mit sprachlicher Präzision und intellektueller Schärfe, ist nur aufzuhalten, wenn wir lesende, nachdenkende, streitende Menschen bleiben und nicht zu medial ferngesteuerten Robotern mutieren.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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