Davis Grossmann: Was Nina wusste © Hanser Literaturverlage
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Roman - David Grossman: "Was Nina wusste"

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Mit seinem neuen Roman "Was Nina wusste", stilsicher übersetzt von Anne Birkenhauer, erweist sich David Grossman einmal mehr als leidenschaftlicher Romancier: Drei Frauen aus drei Generationen, Großmutter Vera, Tochter Nina und Enkelin Gili gibt er eine eigene, markante Gestalt und Stimme.

Reise ins Innere verwundeter Seelen

Jede für sich trägt schwer an einem Familiengeheimnis, das mit Veras Lagerhaft in Titos Jugoslawien auf der Insel Goli Otok verbunden ist. Nach Veras 90. Geburtstag reisen die drei Frauen, zusammen mit Gilis Vater Rafi, zum ersten Mal gemeinsam auf diese Insel. Es ist eine Reise in die Vergangenheit und ins Innere dieser Frauen, die Wunden aufreißt und Heilung ermöglicht. Die Kunst des Erzählens, an deren therapeutische Kraft David Grossman fest glaubt und die er wie kaum ein Zweiter beherrscht, wirkt mitunter überwältigend.

Die Freiheit der Fiktion

Grundlage für den Roman ist die Lebensgeschichte von Eva Panić-Nahir, mit der Grossman bis zu ihrem Tod zwanzig Jahre befreundet war. Eine jüdische Kommunistin, die als erste vom Gulag auf Goli Otok berichtete und in Jugoslawien für ihre Unbeugsamkeit bewundert wurde. Im Nachwort dankt Grossman ihrer Familie für die Freiheit, diese Geschichte zu erzählen und zugleich auch "zu erfinden, wie sie niemals gewesen ist".

Die Kraft zur Korrektur

Eine große Frage des 20. Jahrhunderts steht im Zentrum des Buchs: Ob man für seine Ideale und für die Ehre des geliebten Menschen das eigene Kind verlässt oder nicht. Grossman scheut das Pathos nicht und verknüpft mit dieser Frage wiederkehrende, universale Themen seines Werks: Vererbung von Traumata bis in das "Gedächtnis der Haut" (Roman, 2002); die große, verletzende, unkontrollierbare Liebe; das Verzeihen, die „Kraft zur Korrektur“ (Essays zu Politik und Literatur). Zudem lässt Grossman, wie in "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (Roman, 2008), wieder Frauen sprechen, mal eigenwillig mit osteuropäischem Akzent, mal sarkastisch hart.

Ein Buch, dessen Verfilmung wohl nur eine Frage der Zeit ist.

Natascha Freundel, rbbKultur

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