Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand © Berenberg Verlag
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Roman - Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand"

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Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am 12. Oktober vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels für den "Besten deutschsprachigen Roman" vergeben wird, steht. Nominiert ist auch Christine Wunnickes Roman "Die Dame mit der bemalten Hand". Jörg Magenau stellt das Buch vor.

Die Insel Gharapuri oder Elephanta in der Bucht vor Mumbai ist heute eine Touristenattraktion. Die als Höhlen in den Fels gehauene Tempelanlage zu Ehren des hinduistischen Gottes Shiwa gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. 1764 war die Insel noch wenig besucht, die 1500 bis 2000 Jahre alte Tempelanlage aber schwer beschädigt. Dieser magische Ort, an dem die Grenzen zwischen Wissen, Traum, Religion, Geschichte und Gegenwart zerfließen – ist Schauplatz von Christine Wunnickes Roman "Die Dame mit der bemalten Hand", der es nun auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 geschafft hat, nachdem die Münchner Autorin schon mit ihren beiden Vorgängern auf der Longlist stand.

"Die Dame mit der bemalten Hand" handelt von der Begegnung zweier Männer und zweier Kulturen, Orient und Europa im Jahr 1764. Auf der einen Seite ist das Musa al Lahuri, "Meister Musa" genannt, ein persischer Astronom aus Jaypur. Der Gelehrte lebt vom Verkauf der von ihm hergestellten Astrolabien an reiche Leute, die die Sternhöhenmesser aber bloß als Statussymbol und Schmuck erwerben.

Musa ist darüber ein bisschen zynisch geworden. Er trifft auf Carsten Niebuhr, einen Forschungsreisenden, Kartographen und Mathematiker, der berühmt wurde mit seiner "Reisebeschreibung nach Arabien" (die 2018 als Prachtband in der "Anderen Bibliothek" neu aufgelegt worden ist.) Musa findet den an Malaria leidenden, vom Fieber geschüttelten Europäer im Tempel auf dem Boden liegend vor und nimmt sich seiner an, obwohl er Europäer ein bisschen seltsam findet. Beide sind auf der Insel gestrandet, das Boot, das sie zurückbringen könnte, ist weg, und so verbringen sie eine Nacht und einen Tag zusammen, fiebernd, redend und sich wundernd.

Was sich da ereignet, ist kein "Clash of Cultures", sondern der Versuch einer Annäherung im Erzählen und ein fortgesetztes Verfehlen. Weil das hauptsächlich aus der Perspektive Musas mit seinen Vorurteilen gegenüber Europäern erzählt wird, ist das in der Umkehrung der Klischees und der Verwunderung über das Fremde vor allem witzig. Das geht schon mit den Namen los: Statt Carsten Niebuhr versteht Musa "Kurdistan Nibbur" und findet es völlig absurd, dass man so heißen kann. Symptomatisch auch, dass Musa das Fernrohr, dass Niebuhr am Gürtel trägt, falsch herum vors Auge hält und damit so wenig klarkommt wie seine Kundschaft mit dem Astrolabium.

Musa erzählt bunte Geschichten über seine Familie wie aus 1001 Nacht, erfunden und erlogen, weil sie so schön sind. Niebuhr staunt über diese Erfindungsgabe, denn er hat als redlicher Auskunftsgeber nicht viel zur Kommunikation beizusteuern, weil er sein Leben uninteressant und nicht berichtenswert findet: "Niebuhr schwieg. Meister Musa sah ihm beim Schweigen zu." Die Pointe besteht natürlich darin, dass Niebuhr mit seinem Reisebericht bewiesen hat, ein guter Erzähler zu sein. Am Ende, in einem Epilog, bekommt Musa dessen Buch in die Hand und findet es ausgesprochen dumm.

"Die Dame mit der bemalten Hand" ist kein historischer Roman, sondern eher ein Buch über das Verstreichen der Zeit und des Lebens. Es handelt auch davon, wie man sich verpasst und wie Wissen in Unwissenheit und Vorurteil umkippt. Christine Wunnicke schlägt daraus viele komische Funken.

Auch die titelgebende Dame mit der bemalten Hand steht dafür. Beim Blick in den Sternenhimmel treffen sich Musa und Niebuhr im Sternbild der Kassiopeia. Für Musa aber ist das nur die bemalte Hand der Dame, deren Bild fast den ganzen Himmel einnimmt. So belegt diese Erfahrung einer kulturellen Differenz im Sternenhimmel, wie ein Bild den Blick lenkt, und nicht etwa umgekehrt der Blick das Bild konstituiert.

In der durchgängigen, abgründigen Ironie und lustvollen Pointenproduktion erinnert die Erzählung ein wenig an Daniels Kehlmanns "Vermessung der Welt", wo ja auch zwei wunderliche Gelehrte aufeinandertrafen. "Die Dame mit der bemalten Hand" ist aber leichter, knapper, pointierter. Und wenn Carsten Niebuhr die ganze Zeit an all die Zeit zwischen Leben und Tod denkt, die man sich vertreiben muss, dann ist dieses Buch ein wunderbarer Zeitvertreib.

Jörg Magenau, rbbKultur

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