Clemens Meyer: Nacht im Bioskop; Montage: rbbKultur
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Erzählung - Clemens Meyer: "Nacht im Bioskop"

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Ein "wundersames Buch der Hoffnung", verspricht der Verlag, sei die neue Erzählung von Clemens Meyer. Jörg Magenau hat es gelesen – und hat sich an einen magischen Ort mitnehmen lassen.

Das Bioskop ist ein früher Kinoprojektor. Auf Serbisch ist es das Wort für Kino geblieben, und dort, in Novi Sad, im eiskalten Januar 1942, ist Clemens Meyers Erzählung "Nacht im Bioskop" angesiedelt. Der Untertitel "Eine Erzählung aus dem großen Krieg" deutet an, worum es geht: um das Verwischen der konkreten Ereignisse ins Überzeitliche hinein, um die Überblendung von Historie und Mythologie und, da es sich um eine Erzählung über die Macht des Kinos handelt, um die Ausbuchtung der Wirklichkeit ins Magische.

Nicht nur im Kino ist alles möglich, sondern auch in diesem traumhaften, traumwandlerischen Text. Es handelt sich um eine Auskopplung aus einem größeren Romanprojekt, an dem Meyer seit Jahren arbeitet. Das Massaker, das die ungarischen Besatzer an den Juden und Serben von Novi Sad verübten, steht dabei im Mittelpunkt.

Nächtelang im Bioskop

Wie ein Geist der Geschichte, von dem man nicht weiß, auf welcher Seite er eigentlich steht, wandelt ein Mann im Pelzmantel durch die eisige Nacht. Er nähert sich über die Brücke der Donau, spricht mit zwei ungarischen Soldaten, mit denen er seine Zigaretten teilt. Vor einem halben Jahr, mit Beginn der Besatzung, hat er die Stadt verlassen, in der er einst eine Bäckerstochter ehelichen sollte, es aber doch vorzog, im Bioskop zu sitzen und nächtelang Filme zu sehen.

Für die Ehe scheint er nicht gemacht, dieser Einzelgänger, der ein Abzeichen der Ustascha, der kroatischen Faschisten in der Tasche trägt, der aber eher zu den Partisanen zu gehören scheint, vor denen und vor den "Kommunistenschweinen" die Ungarn ihn nachdrücklich warnen.

Drohung in der Luft

Die zweite Hauptfigur ist eine blonde Frau, die am Beginn der Erzählung als Leiche unterm Eis der Donau treibt, eine Ophelia, die einem Gedicht von Brecht oder Benn entstammen könnte. Wenn sie wenig später am Bahnhof steht, wo sie auf dem Schwarzmarkt Zigaretten kaufen will, weiß man also, dass es mit ihr nicht gut enden wird. Die Toten können aber in dieser Erzählung wieder lebendig werden, so wie der erschossene Mann, der mit blutigem Kopfverband im Kino sitzt.

Am Bahnhof begegnet die blonde Frau dem Mann im Pelzmantel, der sie, um sie zu retten, ins Kino führt. Während ein deutscher Wüstenfilm läuft, scheint er sich zu entfernen, streift durch das Haus, in dem sie als Haushälterin arbeitet und berichtet ihr, dass ihre Familie ermordet worden ist. Der Mann im Pelz ahnt alles im Voraus, er weiß auch um das Massaker von Novi Sad, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden hat, das aber in jedem Moment als Drohung in der Luft liegt.

Chronist der Ereignisse

Meyer erzählt Geschichte als großes Kino, als Augenblick der Begegnung zweier Menschen, die mit ihrem Leben in ihrer Zeit gefangen sind, die aber, als mythologische Figuren mehr sind als bloß Zeitgenossen. Das gilt vor allem für den Mann im Pelzmantel, der alles, was ihm widerfährt "auf das noch frische Papier seiner Erinnerungen" schreibt und so zu einem Chronisten der Ereignisse wird. Er kennt die Zahl der Ermordeten all der kleineren Massaker in den umliegenden Dörfern und des noch ausstehenden großen Massenmordes. Er bewegt sich wie ein Engel der Geschichte durch die Nacht.

Doch so viel er auch weiß oder ahnt oder als filmische Traumbilder erlebt, sind ihm die Hände gebunden: Wenn er eingreifen will, dann muss er scheitern. Den Opfern ist nicht zu helfen. So bleibt auch offen, ob es gelingt, den Säugling zu retten, den er aus dem Haus der blonden Frau in einem Rucksack geborgen hat. Von der Frau wissen wir immerhin, dass sie zu den Leichen gehören wird, die unter das Eis der Donau "gestopft" werden. Das ist das Wort, das der Mann benutzt.

Wie ein Film

Meyers kleine Erzählung vom großen Krieg und vom großen Kino ist selbst wie ein Film gemacht: szenisch, bildhaft, rätselhaft. Wenn der Mann im Pelz und die blonde Frau den Raum des Filmvorführers betreten, der gegen das Licht eine Mütze mit grünem Schirm trägt, könnte man sich in einem Film von Wim Wenders befinden: ein Film über Filme und die Verwandlung der Wirklichkeit im Kino.

"Die Wirklichkeit verschwand, und die Wirklichkeit erschien", erinnert sich der Mann an seinen ersten, ihn überwältigenden Kinobesuch. Aber was ist andererseits das Kino gegen die Wirklichkeit, die sich draußen auf den Straßen so bedrohlich ankündigt?

Jörg Magenau, rbbKultur

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