Paul Maar: Wie alles begann; Montage: rbbKultur
S. Fischer
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Autobiografie - Paul Maar: "Wie alles kam"

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Er ist der Erfinder des Sams – dieses seltsame freche Wesen mit roten Haaren und blauen Punkten im Gesicht, das in das triste Leben des ängstlichen Herrn Taschenbier platzt. Paul Maar hat noch viele andere Kinderbücher geschrieben und selbst illustriert. Nun erzählt er den Roman seiner Kindheit.

Es dürfte eine reine Vorsichtsmaßnahme sein, wenn der bekannte Kinderbuchautor Paul Maar die Autobiografie seiner eigenen Kindheit als "Roman" bezeichnet. Maar, der 1937 in Schweinfurt geboren wurde, weiß um die Unzuverlässigkeit solcher Erinnerungen, um das Lückenhafte daran – und so thematisiert er das gleich zu Beginn seines Buches "Wie alles kam".

Maar spricht davon, dass Erinnerungen kein großer Fluss seien, peu à peu nie zu einem breiten Strom werden würden, sondern viel mehr "verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen" seien: "Schafft man es, mit einem Stock eine Furche zu einer benachbarten Pfütze in die feuchte Erde zu ziehen, verbindet sich der Inhalt der einen mit der anderen zu einer starken Erinnerung. Die meisten Pfützen bleiben aber isoliert."

Die meisten Pfützen bleiben isoliert.

Paul Maar

Sein Buch folgt demnach zunächst keiner stringenten Chronologie, gerade während der ersten Hälfte, auch wenn es zum Ende hin in die Jugendzeit Maars mündet. Da erzählt er schließlich davon, wie er seine Frau Nele kennenlernt oder er eine Italienreise mit zwei Freunden macht, und zwar mit dem Fahrrad. Ja, und er erzählt auch, wie er zu seiner Sams-Figur gekommen ist, die ihn als Kinderbuchautor so berühmt gemacht hat. Selbst seiner inzwischen demenzkranken Frau hat Maar ein anrührendes, seltsam aus dem Buch herausragendes Kapitel gewidmet.

Ein Feuerzeug für einen Hund

Der Vater ist bei der Marine und kommt in Kriegsgefangenschaft, seinen Sohn Paul sieht er erst zwei Jahre nach Kriegsende wieder, da ist dieser schon fast zehn Jahre alt. Und weil die alliierten Bombenangriffe von 1943 an auch auf Schweinfurt immer stärker werden – sehr eindrücklich beschreibt Maar die sogenannten Christbäume und die zwei Minuten später fallenden Bomben – ziehen Paul und seine Mutter zusammen mit der Großmutter Rethel schließlich zu den Eltern der Mutter aufs Land, nach Obertheres, einem Dorf in Unterfranken.

Hier müssen die Omas sich aneinander gewöhnen, hier kommt Paul in die Schule, hier blüht nach dem Krieg der Tauschhandel, auch bei den Kindern: Paul tauscht ein goldenes Feuerzeug, das er selbst im Tausch erworben hatte, gegen einen Nachmittag mit einem Hund.

Der lange Schatten des Vaters

Wie Maar das alles schildert, das ist mitunter heiter, das ist berührend, in einer gleichermaßen klaren wie farbigen Prosa gehalten. Am beeindruckendsten ist, dass man bei der Lektüre nie den Eindruck hat, dass hier ein weit über 80 Jahre alter Ich-Erzähler am Werk ist. Viele dieser zum Teil großartigen Miniaturen lesen sich, als würde hier ein Kind, ein Jugendlicher aus seinem Leben erzählen und wie nebenher die deutsche Provinz in den späten Kriegsjahren und den Fünfzigerjahren porträtieren.

Deshalb erscheint das Erlebte nicht so niederschmetternd, nicht die Bombenangriffserfahrungen, nicht die Hänseleien und Prügel der Mitschüler, nicht die Schläge durch den Vater, überhaupt das schwierige Verhältnis zu diesem nach dessen Rückkehr aus dem Krieg und dem abermaligen Ortswechsel zurück in das Schweinfurter Haus.

"Wie alles kam" ist im Kern eine lebenslange Geschichte zwischen dem Vater und dem Sohn, ein Buch über den Vater, über dessen langen Schatten. Darüber, warum dieser gerade mit dem älter werdenden Paul nicht zurecht kam und umgekehrt: "Der einzige Weg für ihn, Nähe herzustellen, war mich zu schlagen".

Für Edmund Maar blieb dieser erstgeborene Sohn (zwei weitere Kinder folgten mit der neuen Frau, gewissermaßen die Stiefgeschwister von Paul Maar), "der ungeratene Sohn, der so gar nicht seinen Vorstellungen von einem drahtigen, sportbegeisterten Jungen entsprach, sondern mit Brille auf der Nase und krummem Rücken verweichlicht im Sessel lümmelte, ein Buch in der Hand."

Maar erzählt schon sehr früh im Buch, wie er noch spät im Alter kindliche Verhaltensweisen an den Tag legt, wie er versucht den Schein zu wahren, artig zu sein, wie er oft unnötigerweise ein schlechtes Gewissen hat, nur um den Unwillen des Vaters nicht auf sich zu lenken. Wie er aber auch glaubt, seinen Teil zu dessen Ablehnung beigetragen zu haben.

Das Vorbild für Herrn Taschenbier

Der Vater taucht in diesem Kindheitsroman noch kurz vor seinem Tod auf, im Alter von 92 Jahren. Selbst im Pflegeheim will er seinem Sohn noch beweisen, dass er kein "Tattergreis" ist. Und dieser Vater, der schließlich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren einen Malerbetrieb mit über dreißig Mitarbeitern führt, ist jedoch über einen Umweg auch für das Sams verantwortlich. Denn weil er die Büroarbeit mit den vielen Angestellten nicht mehr schafft, stellt er einen gewissen Herrn Wenner dafür ein, einen kleinen, unauffälligen Mann mit schütterem Haar, den eine Aura "von unausgesprochener Traurigkeit und Melancholie umgab".

Der Vater geht mit diesem Mann nicht gut um, und für den älter werdenden Paul ist Herr Wenner ein warnendes Beispiel, dem er gern zu mehr Lebensfreude und Selbstsicherheit verholfen hätte, auch in eigener Sache. Erst als er erwachsen ist, Autor und Illustrator, gelingt es ihm, diesem Wenner, der vermutlich das Vorbild für den fiktiven Herrn Taschenbier ist, eine Figur zur Seite zu stellen, die all das im Übermaß verkörpert: "Lebensfreude, Witz, Mut, Selbsicherheit und eine große Portion Frechheit."

So trägt "Wie es kam", wie es der Titel verspricht, nicht zuletzt viele Züge eines Bildungsromans. Und gut möglich ist es, dass man vor dem Hintergrund dieser stillen, hinreißenden Kindheits- und Jugenderinnerungen von Paul Maar die Sams-Reihe noch einmal ganz anders liest.

Gerrit Bartels, rbbKultur

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