Philip Norman: "Jimi. Die Hendrix-Biografie"; Montage: rbbKultur
Piper
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Die Hendrix-Biografie - Philip Norman: "JIMI"

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Im "Club 27" sind sie versammelt, die Ikonen der Pop-Musik, die mit nur 27 Jahren den Gefahren des Rock´n´Roll-Lebensstils erlagen - Brian Jones, Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain, Amy Winehouse sind illustre Mitglieder im Rock-Walhalla. Und einer ist ihr Präsident und überragt sie alle: James Marshall - "Jimi" - Hendrix. Zum 50. Todestag des legendären Musikers, dessen virtuoses Gitarren-Spiel bis heute unerreicht ist, erscheint eine neue Biografie mit dem schlichten Titel "Jimi".

Geschrieben hat die Biografie der englische Musik-Journalist Philip Norman. Dem Buch sind umfangreiche Recherchen über den am 27. November 1942 in Seattle geborenen und am 18. September 1970 in London gestorbenenen US-amerikansichen Musiker vorausgegangen: Sichtung unzähliger Dokumente, Interviews mit alten Weggefährten. Einer seiner Mitarbeiter hat ihn erst im Lauf der Arbeit darauf hingewiesen, dass der 50. Todestag vor der Tür steht und es ein guter Zeitpunkt wäre, das Buch zum Abschluss zu bringen.

Norman hat sie fast alle interviewt und über einige auch hoch gelobte Biografien verfasst, über Paul McCartney und John Lennon, Elton John und Eric Clapton. Weil er Jimi Hendrix nie getroffen hat, wollte er anfangs keine Biografie schreiben. Doch dann hat ihn das mit Mythen und Märchen beladene Leben und der von Lügen und Legenden verstellte Tod gereizt, den Schleier zu lüften und nicht den zum Gitarren-Gott verklärten, sondern den wahren Jimi Hendrix mit all seinen Ängsten und Abgründen zu suchen, neue Schlaglichter auf das privat so schüchterne und öffentlich so exaltierte Gitarren-Genie zu werfen. Als Norman sich noch einmal "All Along the Watchtower" anhörte, gab er jeden inneren Widerstand gegen eine Biografie auf: Jimis Version des Bob-Dylan-Songs offenbarte ihm Bedeutung, Größe und Genialität des Musikers.

Bewundert von Paul McCartney und Bob Dylan

Hendrix hat immer wieder (vor allem live) Coverversionen gespielt, und nie hat sich ein Komponist oder Sänger beschwert, im Gegenteil: sie waren geschmeichelt, haben Jimi bewundert, wie er die Songs auf radikale Weise neu erfand, ihnen völlig neue Dimensionen eröffnete. Als Paul McCartney hörte, wie Hendrix bei einer spontanen Jam-Session die damals gerade erschienene skurrile Beatles Nummer "St. Pepper´s Lonely Hearts Club Band" in eine knallharte Heavy-Metal-Breitseite verwandelte, war McCartney fassungslos und meinte, das sei die größte Ehre seines Lebens gewesen.

Die entfesselte Gitarre sinniert über das Drama des Lebens und die Apokalypse des Daseins

Bob Dylan war entzückt, wie Hendrix das nur sanft dahin plappernde Lied über ein aus der Bibel entliehenes Thema in einen brodelnden Song verwandelte und nach einem Intro mit einem verzweifelte "Hey" ein Break einleitet, der alles übertrifft, was bis dahin auf der E-Gitarre veranstaltet wurde: Mit Verzerrungen und Rückkopplungen sinnieren die entfesselte Gitarre und die verzweifelte Singstimme über das Drama des Lebens und die Apokalypse des Daseins, von dem nichts bleiben wird als der über das dunkle Nichts fegende Wind: "and the wind", kreischen Gitarre und Stimme gemeinsam, "began to howl".

Jimi veröffentlichte seine wütende Version des gemütlichen Dylan-Liedes 1968 auf der Doppel-LP "Electric Ladyland": da blieben ihm, der immer wieder von manisch-depressiven Attacken heimgesucht wurde, der ständig seinen Alkohol- und Drogen-Konsum steigerte, um das permanente Unterwegs-sein auf Endlos-Tourneen ertragen und immer "the same old shit" spielen zu müssen (den immer gleichen Mist, wie er selbst abfällig bemerkte), gerade noch zwei Jahre, an seinem Werk zu arbeiten: Denn er wusste, dass er bei seinem Lebenswandel keine 30 werden würde, immer wieder hatte er das laut gesagt, seinen Manager angefleht, ihm eine Pause zu gönnen, die er brauche, um neue Musik zu kreieren: eine Fusion von Jazz, Rock und Klassik schwebte ihm vor, vielleicht auch eine Sinfonie zu Ehren von Georg Friedrich Händel, dessen einstige Wohnung gleich neben der von Jimi in der Londoner Brook Street lag.

Von einer Kindheit in armen Verhältnissen bis zur Gründung der "Jimi Hendrix Experience"

Dass Jimi nach London gekommen und hier seine Karriere startete, hatte seine Gründe. In Amerika lief Hendrix in einem Hamsterrad, spielte sich in unzähligen Bands die Finger wund, kam einfach nicht weiter. Norman zeichnet den Weg akribisch nach, wie Jimi vom Kind afroamerikanisch-indianischer Eltern in ärmsten Verhältnissen aufwächst, sich als kleiner Junge aus dem Müll eine kaputte Ukulele fischt und sich darauf das Gitarren-Spiel selbst beibringt; wie er, um - nach einem Autodiebstahl - einer Gefängnisstrafe zu entgehen, sich freiwillig zur Armee meldet, doch nach kurzer Zeit als untauglich wieder entlassen wird (gerade rechtzeitig, denn sonst wär er womöglich noch nach Vietnam geschickt worden); wie er danach bei unzähligen Bands ein- und wieder aussteigt; wie er ständig pleite ist und seine Gitarre ins Pfandhaus bringen muss; wie er dann endlich in New York mit seinen halsbrecherischen Gitarren-Improvisationen die Aufmerksamkeit erregt: Linda Keith (die Freundin von Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards) und Chas Chandler (dem Bassisten der Kult-Band "The Animals") überreden Jimi, mit ihnen nach London zu fliegen und dort etwas ganz Neues zu kreieren: Am 24. September 1966 landet der völlig mittellose Jimi Hendrix in Heathrow mit einem 7-Tages-Visum. In Windeseile werden Bassist Noel Redding und Schlagzeuger Mitch Mitchell gecastet und die "Jimi Hendrix Experience" gegründet: wenige Tage später erscheint Jimis Coverversion des Billy-Roberts-Songs "Hey Joe": Der Rest ist Geschichte.

Drogen-Exzesse und einsames Sterben

Zur Geschichte gehören auch die Drogen-Exzesse und das einsame Sterben: Norman sondiert das von Halbwahrheiten und Lügen verminte Terrain des bis heute ungeklärten Todes, rekonstruiert die letzten Tagen und Minuten im Leben des Superstars, schaut in die Polizei-Akten und Krankenhaus-Dossiers, die sich widersprechenden Aussagen der Augenzeugen: Monika Dannemann, die deutsche Eiskunstläuferin, mit der Jimi die letzten Stunden seines Lebens verbrachte, hat ihre Schilderungen der Todes-Umstände mindestens 14 Mal revidiert und schließlich Selbstmord verübt. Jimis Manager, Michael Jeffery, hatte nicht nur Kontakte zur Mafia, sondern auch zum amerikanischen Geheimdienst, bei dem Jimi Hendrix in Ungnade gefallen war, seit er öffentlich mit den militanten "Black Panthers" sympathisiert und in Woodstock die amerikanische Nationalhymne musikalisch zertrümmert hatte: insgesamt eine ziemlich undurchsichtige, kriminelle Gemengelage.

Das Opfer ist die Wahrheit - und Jimi Hendrix, der angeblich nach dem Konsum von Schlaftabletten und Alkohol an seinem Erbrochen starb. Warum Monika Dannemann aber Stunden brauchte, bis sie endlich Hilfe holte, und warum es für einen der Ärzte so aussah, als sei der über und über mit Rotwein besudelte Jimi Hendrix in Rotwein ertrunken (oder in Rotwein ertränkt worden), kann auch Norman nicht klären: Schlussfolgerungen überlässt er dem Leser, dem schließlich nur eines bleibt: Jimis Musik hören, denn sie ist unsterblich.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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